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Kultur

Kunst aus Deutschland

Kunst sammeln - das ist nicht nur was für Liebhaber oder Museen. Auch Deutschland als Staat ist auf dem Kunstmarkt unterwegs, wenngleich mit einem eher kleinen Budget. Aber auch damit lässt sich einiges zusammentragen.

Nicht jedes Kunstwerk ist so leicht zu entschlüsseln wie Thomas Kilppers großformatiges Bild "Brandt/Guillaume". Der zweifarbige Druck basiert auf dem berühmten Foto, das den ehemaligen Bundeskanzler Willy Brandt und seinen Mitarbeiter Günter Guillaume zeigt. Der persönliche Referent des Kanzlers flüstert Brandt aus dem Hintergrund Informationen ins Ohr. Guillaume wurde später als Spion der DDR enttarnt. Das führte zum Rücktritt Brandts im Mai 1974. Das symbolträchtige Kunstwerk wurde von Thomas Kilpper in den Linoleumboden des früheren Ministeriums für Staatssicherheit eingeritzt und dort auch gedruckt. Heute hängt es im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit, dem ehemaligen Bundeskanzleramt in Bonn.

Kunst zur deutschen Geschichte

In Kilppers Arbeit werden vielfältige historische Bezüge sichtbar: Das Motiv ist relativ bekannt, die Geschehnisse, die es abbildet, sind im Gedächtnis der Deutschen verankert. So ist "Brandt/Guillaume" geradezu ein idealtypisches Werk innerhalb der Ausstellung "Nur hier", die jetzt in der Bundeskunsthalle in Bonn zu sehen ist. Brandt war es, der zu Beginn der 1970er Jahre die Anregung gab, dass auch der Bund Kunst sammeln sollte. Seither haben unterschiedlich besetzte Einkaufskommissionen, die alle paar Jahre ausgewechselt werden, rund 1500 Werke zusammengetragen. Renommierte Kuratoren, Museumschefs und andere Kunstexperten haben jeweils ganz individuell gesammelt - keiner staatstragenden offiziellen Kunstrichtlinie war Gehorsam zu leisten.

Jörg Herolds Zeichnung 'Wehrarbeit' (Foto: Jörg Herold und Der Beauftragte der BKM)

In der Sammlung finden sich auch viele kleinformatige Arbeiten - Jörg Herold: "Wehrarbeit"

Was in den letzten fünf Jahren dazugekommen ist, für welche Bilder, Skulpturen und Videoarbeiten sich die fünfköpfige Kommission entschieden hat, kann nun also im Zusammenhang besichtigt werden. Warum ist es überhaupt wichtig, dass ein Staat Kunst sammelt? "Es ist die Kultur, die unser Wertefundament bildet, und es sind die Künste, die uns zum Reflektieren und Besinnen auffordern", schreibt Kulturstaatsminister Bernd Neumann im Katalog der Ausstellung. Kunst also als Spiegelbild einer Nation, als Ausdruck von Werten. Übrigens nicht nur Werke deutscher Künstler werden gekauft, auch diejenigen ausländischer Künstler, die sich in Deutschland aufhalten.

Verteilt in alle Welt

Das Besondere an der Kunstschau: Normalerweise schlummern die Werke im Depot oder hängen und stehen in Ministerien, deutschen Botschaften rund um den Globus und anderen öffentlichen Gebäuden. Ein Teil der Sammlung ist auch verliehen - als Dauerleihgabe an Museen. Der Ankaufsetat der Kunstkommission ist bescheiden. Wenig mehr als zwei Millionen Euro hat man zur Verfügung für eine Fünf-Jahres-Periode. Das ist, angesichts der exorbitanten Preise am Markt, verschwindend wenig. Gekauft wird ausschließlich auf Messen im In- und Ausland, auch um damit Transparenz und Öffentlichkeit zu demonstrieren.

Ausstellungsansicht (Foto: David Ertl,Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland)

Blick in die Ausstellungsräume in Bonn

Doch Susanne Kleine von der Bundeskunsthalle, die die Ausstellung kuratiert hat, sieht im schmalen Etat auch eine Chance: "Das kleine Budget der Ankäufer ist kein Handicap, sondern eher ein Glücksfall - das zwingt die Kommission an die Basis zu gehen und zu schauen, was da gerade passiert." Man stößt innerhalb der Sammlung also nicht auf die großen Namen der westdeutschen Nachkriegskunst. Wenn überhaupt sind Künstler wie Gerhard Richter, Georg Baselitz oder Anselm Kiefer nur mit kleineren Arbeiten, meist auf Papier, dabei.

"...keineswegs Geschichtsvergessen"

Es gibt keinerlei feste inhaltliche Vorgaben bei der Auswahl der Objekte. Doch wissen die Mitglieder der Einkaufskommission natürlich, für wen sie hier kaufen. Auffallend also die vielen Arbeiten, die sich mit der Geschichte Deutschlands befassen. Das muss nicht immer so konkret ausfallen wie bei "Brandt/Guillaume". "Das wichtigste Kriterium für die Auswahl ist nicht nur die zeitgenössische Aussagekraft, sondern auch das Potenzial einer überzeitlichen Relevanz", sagt Anne-Marie Bonnet, in den letzten Jahren Mitglied der Kommission. Sie verweist dabei auch auf die Tatsache, dass sich viele junge Künstler mit der Geschichte des Landes beschäftigen: "Die heutige Generation ist keineswegs Geschichtsvergessen, sie ist nicht wenig an den Zeitläufen interessiert."

Jörg Bonks Installation 'Trabant E Klasse' (Foto: Ecke Bonk und Der Beauftragte der BKM)

Traumobjekt und Schreckensmobil zugleich: Ecke Bonks "Trabant E Klasse"

Der Künstler Ecke Bonk, zum Beispiel, projiziert in einem hellen Lichtkasten ein Foto eines tiefschwarz lackierten Trabbis. In dieser Ausführung existierte das DDR-Auto gar nicht. Es steht somit für die Träume und Sehnsüchte vieler DDR-Bürger. Mit seinen verdunkelten Scheiben symbolisiert es aber auch die Staatsmacht der DDR und seiner Sicherheitsorgane. Eindrucksvoll auch eine Arbeit von Peter Rösel. Er hat auf zwei antiken Telefontischchen Berliner Telefonbücher aus den Jahren 1941 und 1945 platziert. Das jüngere Buch ist nicht einmal halb so dick wie das frühere. Rösel macht mit diesem einfachen wie eindrücklichen Verweis auf die ungeheuren Verluste an Menschenleben während des Zweiten Weltkriegs aufmerksam.

Sensibler Umgang mit Kunst in anderen Kulturräumen

Bonn zeigt nur einen kleinen Ausschnitt aus der vielfältigen Sammlung des Bundes, die über kein festes Museumsquartier verfügt. Und wie finden die Kunstwerke den Weg in die deutschen Auslandsvertretungen? "Die Botschafter haben freien Zugriff auf die Werke, wenn ihnen etwas gefällt, dann können sie es in ihren Häusern hängen oder stellen", sagt Rosa Schmitt-Neubauer, Leiterin der Ankaufskommission. Natürlich müssten bestimmte Kriterien beachtet werden. In einem islamischen Land müsste beispielsweise mit der Farbe Grün, der Farbe des Propheten Mohamed, besonders sensibel umgegangenen werden. Auch Kunstwerke, die nackte Frauen zeigten, könnte man dort nicht präsentieren, erzählt Schmitt-Neubauer. Die Kunstwerke der Sammlung der Bundesrepublik sind also immer im Einzelfall zu prüfen und zu bewerten: vom Moment, in dem sie auf einer Kunstmesse gekauft werden bis zur jeweiligen Platzierung in einem öffentlichen Gebäude.

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