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Kultur

Kunst aus dem Computer - Pixar in Bonn

Die US-Trickfilmfirma Pixar hat die Kunst des computeranimierten Films revolutioniert. Wie viel traditionelle Kunstfertigkeit in den Animationsfilmen von Pixar steckt, kann derzeit in Bonn bestaunt werden.

Wer in den 1980er Jahren oft ins Kino gegangenen ist, der kann sich vermutlich gut an eine kleine Schreibtischlampe erinnern. "Luxo Jr." (dt. Titel: "Die kleine Lampe") hieß der kaum zweiminütige Kurzfilm von 1986, in dem der Zuschauer eine große und eine kleinere Schreibtischlampe beim Spiel mit einem Ball beobachten konnte. Mit ganz wenigen, aber sehr wirkungsvollen Effekten beeindruckte und verblüffte "Luxo Jr." damals nicht nur die Fachwelt. Gegenstände mit Seele zu erfüllen und mit Emotionen auszustatten, in einer kaum fassbaren Perfektion und künstlerischen Gestaltungskraft, das war damals völlig neu. Die Computertechnik machte es möglich. Groß und Klein waren begeistert vom poetischen Spiel zweier Lampen.

Entwurf zu Die kleine Lampe, 1986 Giclée (© Disney/Pixar)

Poesie und Handwerkskunst: "Luxo Jr." (1986)

25 Jahre später sind die Nachfahren dieser Lampen im Museum angekommen, auch in Deutschland und sogar - ganz würdevoll - in den Räumlichkeiten der Bundeskunsthalle. "Luxo Jr." war der erste Film der amerikanischen Computerfirma Pixar. Der Vorläufer "Die Abenteuer von André und Wally B." von Pixar-Firmenmitgründer John Lasseter entstand 1984 noch bei "Lucasfilm". Diese Fingerübungen sollten die Welt des Kinos verändern. Ein Vierteljahrhundert später ist Pixar zwar unter das Dach der traditionsreichen Disney-Studios geschlüpft, hat diesem aber längst den künstlerischen und wirtschaftlichen Stempel aufgedrückt. Die inzwischen 13 Pixar-Langfilme, die seit "Toy Story" (1995) in die Lichtspieltheater kamen, waren allesamt weltweite Millionenerfolge.

Einzug in die Museen...

Nun muss kommerzieller Erfolg nicht gleichzeitig ein Ausweis künstlerischer Gestaltungskraft sein. Und viele Filme aus der Kinonation USA darf man getrost auch als seelenlose Produkte bezeichnen, die rein aus wirtschaftlichem Kalkül entstanden sind. Doch bei Pixar liegen die Dinge offenbar anders. Das zu zeigen, ist ein Hauptanliegen der Ausstellung "Pixar - 25 Years of Animation", die schon ein paar Stationen in der Welt hinter sich hat (es begann mit "20 Years..." im Museum of Modern Art) und nun also in Deutschland Station macht.

Entwurf zu Cars 2, (© Disney/Pixar)

Beseelte Autos: Entwurf zu "Cars 2" (2011)

Computerfilme in der Bundeskunsthalle ist das sinnvoll und vor allem gerechtfertigt - werden sich nun manche fragen? In Deutschland, wo die Grenzen zwischen E und U ("ernster" und unterhaltender Kunst) noch stärker gezogen werden als in vielen anderen Nationen, wird manch einer die Nase rümpfen. Doch sollte man sich auf das, was da in Bonn zu sehen ist, einlassen. Und Robert Fleck, dem Intendanten der Kunsthalle, zunächst einmal Glauben schenken, wenn er sagt: "Wir hatten nicht für möglich gehalten, dass zur Herstellung der computeranimierten Pixar-Filme so viel traditionelle Kunstfertigkeit notwendig war." Elyse Klaidman, die von Pixar als Kuratorin mit der Ausstellung betraut wurde, verweist ebenfalls darauf, dass "traditionelle Kunst und traditionelles Design im Entstehungsprozess der Filme eine essenzielle Rolle spielen."

Erst zum Schluß geht es an den Computer

Man könnte sogar noch weiter gehen. Bevor die Computerspezialisten in San Francisco - der Sitz der Pixar-Studio ist bezeichnenderweise nicht in Hollywood - ihre digitalen Maschinen anwarfen, haben Zeichner und Maler, Bildhauer und Kostümdesigner ganze Arbeit geleistet. Das zeigt die Ausstellung mit 500 Exponaten. Erst am Ende des kreativen Schaffensprozesses steht der Computer - am Anfang stehen die traditionellen Künste. Pixar-Erfolge wie "Toy Story" und "Findet Nemo", "Cars" und "Ratatouille“ entstanden zunächst einmal am Zeichentisch.

Viele tausend Entwürfe, Zeichnungen, Skizzen, Acryl-Maleieren, Gouachen, Aquarelle markieren den Beginn des jeweiligen künstlerischen Schaffensprozesses. Dann folgt häufig das dreidimensionale Objekt, aber auch eben nicht am Computer entworfen, sondern in klassischer Bildhauertechnik auf dem Tisch. Erst dann schlägt die Stunde der Computerdesigner, die all das Vorgefertigte in ihre digitalen Maschinen einspeisen, bearbeiten und schlussendlich nach langer Zeit - die Arbeiten an einem Langfilm von Pixar dauern im Durchschnitt vier Jahre - den fertigen Film gestalten und montieren.

Bezüge zur Kunstgeschichte

Und wer will, der kann in den ganzen Zeichnungen und Entwürfen auch mehr oder weniger deutlich zu erkennende Verweise auf die Kunstgeschichte finden. Viele Skizzen erinnern in ihrer Mischung aus meisterhafter Zeichenkunst und Unfertigkeit an Studien Leonardo da Vincis. Kleine, wunderschöne Pastelle zum Filmhit "Findet Nemo" an die prächtige Farbigkeit eines Emil Nolde. Die phantasievollen Zeichenwelten der Filme an die Bauten früher Stummfilme à la "Metropolis". Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Um diesen Schaffensprozess sichtbar zu machen, sind in der Ausstellung auch keine Langfilme zu sehen, nicht einmal Ausschnitte. Man soll sich auf die stehenden und hängenden Kunstwerke konzentrieren.

Entwurf zu Ratatouille, 2007 (© Disney/Pixar)

Altes Europa - entworfen zunächst auf dem Zeichentisch: "Ratatouille" (2007)

Und wer nun einwendet, die Geschichten, die da erzählt würden, seien doch kitschig und kindisch, süßlich und eindimensional, der hat nur teilweise recht. Einen der schönsten Pixar-Filme konnte man vor fünf Jahren sehen. "Ratatouille" versetzte die Zuschauer ins Herz des alten Europa (Paris), nahm sich eines altehrwürdigen Themas an, nämlich der Kochkunst, und schaffte es doch tatsächlich, in diesem Zusammenhang eigentlich völlig aberwitzige Tiere (Ratten) als sympathische Hauptdarsteller in den Mittelpunkt einer emotional aufwühlenden Filmhandlung zu platzieren. Das war dann fast noch gewagter als kleine Schreibtischlampen mit Leben zu erfüllen. Das war hohe Kunst.

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