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Kultur

Kunstbiennale 2.0

Keine Warteschlangen, keine klirrenden Champagnergläser, keine Originale. Die weltweit erste Online-Biennale zeigt Kunstwerke von 180 jungen Künstlerinnen und Künstlern nur im Internet.

Ob Venedig, Istanbul, Berlin oder Shanghai – Großstädte, die etwas auf sich halten, haben eine Kunstbiennale. Dort trifft sich der internationale Kunst-Jetset, um die neusten Trends und Stars des Kunstmarkts zu begutachten. Natürlich spielen auch das Netzwerken und das Gesehen werden eine Rolle. Bei der BiennaleOnline, die am 26.04.2013 im Internet ihre digitalen Pforten eröffnet hat, ist alles anders.

Die Online-Ausstellung verzichtet auf alles, was Vernissagen sonst ausmacht: Small Talk, Party - und Originale. BiennaleOnline präsentiert 180 junge Künstlerinnen und Künstler aus der ganzen Welt ausschließlich im Netz. Die Künstler leben in Europa, Nordamerika, Südamerika, Asien und dem Nahen Osten und wurden von 30 führenden internationalen Kuratorinnen und Kuratoren ausgewählt. Künstlerischer Direktor der ersten Ausgabe ist der Belgier Jan Hoet.

Porträt von Jan Hoet (Foto: imago stock&people)

Ausstellungsmacher Jan Hoet

In Deutschland ist er bekannt, seit er 1992 die IX. documenta in Kassel leitete, außerdem war er sieben Jahre lang Direktor des Kunstmuseums MaRTA in Herford war. Der 77-Jährige sieht die Online-Ausstellung als hervorragenden Informationspool. "Die Kunstwelt wird immer hektischer: Überall auf der Welt gibt es Biennalen und Messen. Es ist unmöglich, den Überblick zu behalten", erklärt Jan Hoet, der - wie er selbst sagt - in seinem Alter das Problem habe, nicht von Ausstellung zu Ausstellung rund um den Globus reisen zu können.

Digitale Kunstwelten

Das Internet wurde in den vergangenen Jahren zunehmend als Spielwiese und Experimentierfeld der Kunst entdeckt. 2011 startete die VIP (View in Private), die erste Kunstmesse, die ihre Werke ausschließlich im Netz anbot. Sammler können durch virtuelle Ausstellungen flanieren und sich mit den Galeristen in privaten Chatrooms über Preise austauschen. Die VIP ist inzwischen expandiert, doch in diesem Jahr sind erste Risse in der schönen neuen Netzwelt aufgetreten: Die Online-Messe büßte wichtige Galeristen ein, die über mangelnde Verkäufe klagten.

Auch das Auktionshaus Christies hat angekündigt, ab diesem Jahr insgesamt 50 Online-Auktionen anzubieten. 2012 waren es nur sieben. In Berlin ist das Startup-Unternehmen Auctionata angetreten, online Kunst und Antiquitäten zu verkaufen.

Screenshot der Seite (Foto: artplus.com)

Screenshot der BiennaleOnline

Die erste Biennale, die zwei Jahre lang online sein wird, verfolgt keine kommerziellen Interessen. Die Ausstellung gleicht - anders als die VIP-Artfair - keinem 2nd life der Kunstwelt, also keiner möglichst originalgetreuen Nachbildung einer Ausstellungsarchitektur. Die Besucher laufen nicht durch virtuelle Räume, sondern können sich ihre eigene Ausstellung kreieren. Jeder Kurator konnte fünf Künstler vorschlagen, davon mindestens zwei aus seinem eigenen Land.

Für Deutschland hat der neue Chefkurator des Stedelijk Museum voor Actuele Kunst (S.M.A.K.) im belgischen Gent, Martin Germann, die Auswahl getroffen. Er entschied sich für so unterschiedliche Künstler wie etwa den in Berlin lebenden Österreicher Oliver Laric (geboren 1981), der die Internetplattform VVORK mitbegründet hat, und den Maler Thomas Kratz (geboren 1972), der sich vor allem mit Porträts und menschlicher Haut auseinandersetzt. Tobias Zielony (geboren 1973) gehört zu den bekanntesten jungen Fotografen der Gegenwart. In seinen Bildern (Artikelbild) thematisiert er Fragen von offener und latenter Gewalt.

Die Online-Ausstellung wirft auch einen Blick auf Künstler, die sonst eher selten im Fokus stehen: Sie leben und arbeiten in Syrien, Iran oder Afghanistan. Besonders gut funktioniere die Online-Ausstellung, wenn es darum ginge Fotografie, Performance oder Video zu präsentieren. "Bei traditioneller Malerei wird es schon schwieriger“, sagt Hoet. "Da muss man die Farbschichten sehen und die Tiefe des Bildes erspüren können."

Kunst für alle

Suse Webers Skulptur Marionette (Foto: Galerie Barbara Weiss/Berlin)

Auch diese Skulptur von Suse Weber ist auf der Online-Biennale ausgestellt

Neben Informationen zu den Werken gibt es Hintergründe zu den Künstlern und ihrer Arbeitsweise. Jan Hoet will mit der Online-Ausstellung ein möglichst breites Publikum erreichen, eines, das sonst eher selten eine Galerie von Innen betritt. Ihn begeistert die demokratischen Idee der Online-Biennale: "Ich will auch Menschen, die nicht mit der Kunstszene vertraut sind, ansprechen. Ich will deren Neugier wecken, damit sich noch mehr Menschen für Kunst interessieren."

Jeder Besucher kann sowohl mit den Kuratoren als auch mit den Künstlern in Kontakt treten. Via Facebook oder Twitter kann er sich mit ihnen vernetzen und auf diese Weise auch in Zukunft ihre Arbeit verfolgen oder zusätzliche Informationen erhalten. So ließe sich das Netz effizient für die Kunst nutzen, meint Hoet. Um die Hemmschwelle möglichst niedrig zu halten, ist der Erstbesuch kostenlos. Erst, wer sich zum zweiten Mal auf der Seite einloggt, muss fünf Euro bezahlen. "Gut investiertes Geld", so Hoet, denn damit bekäme der Besucher "mehr geboten als bei jeder Kunstzeitschrift", die oft nur eine einzige Arbeit eines Künstlers vorstelle. Einen Nachteil habe die Online-Biennale allerdings. "Man kann bei der Vernissage nicht wirklich feiern, wenn man alleine vor einem Computerbildschirm sitzt".

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