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Welt

Die Deutschen und der Weltjugendtag

Latinos kreischen, als sei der Papst ein Popstar - Deutsche diskutieren lieber mit anderen über ihren Glauben: Es ist etwas dran am Klischee über die Weltjugendtagsbesucher, aber so ganz stimmt es dann doch nicht.

Lena Wolters ist noch ganz aus dem Häuschen. "Wir haben den Papst gesehen", krächzt sie. "Wir standen gleich hier an der Straße als er mit seinem Wagen vorbeigefahren ist." Die erste Predigt von Franziskus zu den Pilgern des Weltjugendtags ist gerade vorbei - und die junge Frau ist noch heiser "vom vielen kreischen und singen", sagt sie. Lena Wolters ist begeistert vom Papst und davon, "dass er gesagt hat, er freut sich, dass er hier mit Freunden aus der ganzen Welt ist". Viel mehr noch aber davon, wie er die freiwilligen Helfer des Weltjugendtags umarmt hat. "Man kann Botschaften ja verbal verstehen oder auch nonverbal", meint Pfarrer Norbert Fink. "Und bei diesem Papst sind es ganz klar die schönen Gesten, die für die Beziehung stehen, die Franziskus zwischen der Kirche und den jungen Leuten schaffen will."

Jugendgruppe um Pfarrer Norbert Fink vor dem Kölner Dom (Foto: DW / S. Hofmann)

Hier noch in Deutschland: Die Jugendgruppe um Pfarrer Norbert Fink vor dem Kölner Dom

Nobert Fink ist mit 14 Jugendlichen aus der Erzdiözese Köln nach Brasilien gereist. Beim letzten Treffen vor dem Abflug stand die Gruppe noch vor dem Kölner Dom, inzwischen haben sie sich schon die Kathedrale von Rio angeschaut - am Morgen vor der Messe mit Franziskus. Größer könnte der Kontrast beider Kirchen kaum sein. Erste Bauten am Kölner Dom stammen noch aus dem Mittelalter, auch wenn es dann lange dauerte, bis die Kathedrale endlich stand. São Sebastião, Rios Kathedrale, stammt aus den 1960er Jahren. Ein moderner Betonklotz von außen, innen aber rund und luftig.

Während des Weltjugendtags ist die Kathedrale brechend voll mit jungen Menschen aus aller Welt. Und draußen vor dem Eingang stehen sie in Grüppchen zusammen und singen. Agnes Lennackers hat gerade Bändchen und Anstecker mit ein paar neuen Freunden aus Chile und anderen Ländern gewechselt. Als Andenken.

"Das erwarte ich von der Kirche"

"Überall trifft man Pilger", sagt die 24-jährige Jasmin Hutter. "Menschen aus völlig fremden Ländern singen Lieder in der U-Bahn und wenn man mitsingt, dann freuen sie sich. Ich bin davon einfach total beeindruckt." Sie ist ein echter Lateinamerika-Fan. In Brasilien ist sie wie die anderen das erste Mal, aber in Peru hat sie schon mit einer katholischen Jugendgruppe ein Gemeindezentrum aufgebaut. Dass der Argentinier Franziskus endlich ein Papst ist, der nicht aus dem reichen Europa kommt, findet sie gut. "Dass er thematisiert, dass viele junge Leute einfach nichts zu essen haben, ich finde das ist ein Missstand auf unserer Welt. Ja, und dass der Papst sich für sie jetzt einsetzt und sich mit ihnen solidarisiert, dass finde ich gut. Und das erwarte ich auch von der Kirche, dass sie sich um die Menschen kümmert."

Kölner Jugendgruppe wird vor der Kathedrale von Rio von einem brasilianischen Pilger fotografiert (Foto: DW / S. Hofmann)

Nun in Brasilien: Finks Gruppe vor der Kathedrale in Rio

Der Weltjugendtag ist für viele Deutsche in Rio nicht allein ein Ort, gemeinsam den Glauben zu Feiern, sondern auch zum Diskutieren. Jenseits des offiziellen Programms zum Weltjugendtag fand auch das "International Youth Hearing" statt, bei dem Jugendliche über Fragen des Glaubens miteinander sprechen konnten. Hier kamen auch junge Leute zu Wort, die nicht mit allem in der katholischen Kirche einverstanden sind. Die 25-jährige Anna Olschewski zum Beispiel, die findet, dass das Thema Homosexualität in der katholischen Kirche völlig übergangen wird. "Ich finde darüber muss gesprochen werden und ich habe es immer wieder versucht, aber es klappt einfach nicht. Man wird nicht gehört", sagt sie. In Deutschland gehe sie nicht mehr in die Kirche, zumindest nicht mehr um sich Predigten anzuhören. Dennoch ist sie nach Rio gekommen und fühlt sich nach wie vor als Teil der katholischen Kirche - nur hätte sie eben gerne eine Kirche, in der mehr diskutiert wird.

"Wie ist das mit Selbstbefriedigung?"

Pfarrer Norbert Fink, singend in Rio beim Weltjugendtag 2013 (Foto: DW / S. Hofmann)

Begeistert vom Weltjugendtag: Pfarrer Norbert Fink

Für Pfarrer Fink ist völlig klar, dass während des Weltjugendtags auch über Dinge gesprochen werden muss, die junge Leute nun einmal interessierten. Wie das Thema Sexualität. "Wie steht die Kirche zum Thema Sexualität? Ob das Homosexualität ist oder was auch immer damit verbunden ist. Der Weltjugendtag ist der Ort, um darüber zu sprechen", meint er. Es komme in den Katechesen, wenn die Jugendlichen mehr über ihre Religion lernen, auch vor, dass gefragt wird: "Ihr Bischöfe, wie erlebt ihr das? Wie erlebt ihr den Zölibat, wie ist das, mit keiner Frau zu schlafen? Wie schafft man das ein ganzes Leben? Wie ist das mit Selbstbefriedigung?“ Da werde oftmals überhaupt kein Blatt vor den Mund genommen, berichtet er.

In der Gruppe wollen die jungen Leute selbst lieber nicht über das Thema sprechen. Das werde viel zu wichtig genommen. "Ich bin grundsätzlich dagegen, wenn jemand in seiner Meinungsfreiheit eingeschränkt wird", sagt Jasmin Hutter. "Aber das muss auch heißen, dass die katholische Kirche auch ihre Meinung haben darf. Und wenn diese nun einmal konservativ ist, dann ist das okay."

Beten - mal ganz anders

Zum Papstempfang sind sie nicht gegangen. Nicht weil sie etwas dagegen hätten, dass viele Gläubige - und besonders die Brasilianer und Argentinier - dem Papst begeistert zujubelten. Im Gegenteil, "ich finde das sehr schön, wenn sie ihm Kinder reichen und er sie segnet und küsst", sagt Christina Backhaus. Im Mittelpunkt des Weltjugendtags dürfe der Papst aber nicht stehen, findet Alexander Tyborski. "Man feiert den Weltjugendtag mit dem Papst, nicht für den Papst."

Christina Backhaus, Rebecca Exner und Theresa Düker in Rio (Foto: DW / S. Hofmann)

3 Deutsche in Rio: Pilgerinnen Christina Backhaus, Rebecca Exner und Theresa Düker (v.l.n.r.)

Vor ein paar Tagen waren sie bereits bei ihrer ersten brasilianischen Messe, gemeinsam mit Jugendlichen aus der Gemeinde Nossa Senhora da Vittoria, in der sie untergebracht sind. "Das war der Wahnsinn", sagt Theresa Düker. "So was hat man noch nie irgendwie erlebt, bei so einer normalen Messe bei uns. Die gehen total ab im Gottesdienst." Es wurde gesungen, getanzt und "alles war viel lockerer", wie Johannes Dürscheidt meint. Ob durch die Gespräche oder die Stimmung in der Stadt, aus Rio werden die jungen Leute etwas mitnehmen in die Erzdiözese Köln. Und, so hofft Christina Backhaus, vielleicht auch etwas in ihren Kirchen verändern.

Wenn sie in Deutschland in die Kirche gehe, dann seien da 90 Prozent ältere Leute. "Und wenn man das vielleicht ein bisschen jünger, moderner, lockerer gestalten würde, wären da vielleicht auch ein paar jüngere Leute."

Die Copacabana war am Abend der Messe von Franziskus voller junger Menschen. Ein Ausnahmezustand - auch in Brasilien. Solange der Weltjugendtag andauert, werden sie miteinander beten, feiern und sich darüber austauschen, was für eine Kirche sie sich in Zukunft wünschen.

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