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Welt

Der Papst der Armen und die Favelas

Franziskus wird in Rio das Armenviertel Varginha besuchen. Dort freuen sich viele Bewohner auf den Papst und hoffen, dass man sich künftig mehr für sie interessieren wird. Andere sehen das nicht so.

In Varginha ist in diesen Tagen alles anders als sonst, es herrscht Ausnahmezustand. Denn der Papst wird in das Viertel kommen. Und hohen Besuch ist man hier nicht gewohnt. Eigentlich ist man in dem Armenviertel in Rios Norden gar keinen Besuch gewohnt. Noch vor zwei Wochen war die Stimmung aggressiv gegenüber neugierigen Fremden. Jetzt aber scheinen sich die Bewohner von Varginha ihrem Schicksal gefügt zu haben und lassen die auf der staubigen Hauptstraße umherziehenden Journalisten gewähren.

Getulio Muller (Foto: DW/ S. Hofmann)

Er freut sich auf den Papst: Getulio Muller

"Der Besuch wird gut", ist Getulio Muller überzeugt. Dabei ist der Fußballspieler nicht einmal katholisch. "Ich bin ein Evangelikaler. Aber jeder muss den Glauben des Anderen respektieren und nicht sagen, der Papst hat ja nichts mit mir zu tun. Man muss diesen gemeinsamen Moment annehmen, ihn gemeinsam begehen." Genau dort, wo Getulio Muller und seine Mannschaft "Bund der Fußballveteranen" gerade noch gespielt haben, wird Franziskus zu den Menschen sprechen. Sein Podium wird das Dach einer einfachen Umkleidekabine aus Beton sein.

Mit dem Papamobil wird Franziskus bis zum Eingang von Varginha fahren, dann die Hauptstraße zu Fuß nehmen bis zum Fußballplatz. Nach seiner Rede vor den Bewohnern des Armenviertels wird er einen neuen Altar für die kleine Kapelle von Varginha einweihen. Es ist nicht das erste Mal, dass ein Papst eines der vielen Armenviertel von Rio besucht. Johannes Paul II. fuhr 1980 nach Vidigal im Süden von Rio. Doch diesmal ist es der Papst, der von einer "armen Kirche für die Armen" spricht.

Sie nennen es den "Gazastreifen"

Die zentrale Straße von Varginha (Foto: DW/ S. Hofmann)

Hier wird Papst Franziskus entlanglaufen: Die zentrale Straße von Varginha

Varginha ist mit etwa eintausend Bewohnern eine der kleinen Favelas von Rio. Sie bildet einen Teil von Manguinhos, einem ganzen Favelakomplex von geschätzten 40.000 Einwohnern. "Faixa de Gaza" – Gazastreifen – nennen die Einwohner von Rio die Hauptstraße von Varginha, weil sie jahrelang im Kreuzfeuer von Drogenbanden und Polizei stand. "Immerzu fielen Schüsse und zu bestimmten Uhrzeiten durfte man hier gar nicht langgehen. Inzwischen ist es, Gott sei Dank, ruhiger. Aber viel hat sich nicht geändert", sagt Everaldo Oliveira. Er hilft dem Priester in der Kapelle von Varginha und organisiert den Papstbesuch in der Gemeinde. Everaldo kann bis heute kaum glauben, dass Franziskus seine Favela besuchen wird. "Es war eine Riesenfreude, als wir erfahren haben, dass der Papst kommt. Ich bin herumgehüpft und habe Gott dafür gedankt."

Die Straßen und Gassen in Varginha sind noch immer baufällig. Weil es kein Abwassersystem gibt, stehen während der Regenzeit im Sommer die Häuser oft unter Wasser. Die Angebote der Stadt, die Favela vor dem Papstbesuch herzurichten, lehnten die Bewohner ab. Nur einige einsturzgefährdete Bauten wurden repariert. "Das ist halt die Realität", meint der Fußballer Getulio Muller.

"Wir erwarten dich mit offenen Armen"

Nun aber hängen einige Bewohner von Varginha Willkommensschilder für den Papst auf. Schließlich wollen sie gute Gastgeber sein. Ivan Macedo hat eigens für den Papstbesuch einen Song geschrieben, der jetzt über die kleine Kreuzung vor dem Fußballfeld schallt. „Herzlich Willkommen seine Heiligkeit der Papst“, heißt es darin, „hier in dem erwählten Land Brasilien, in Rio de Janeiro, erwarten wir Dich mit offenen Armen, offen für alle, die Dich hören wollen.“

Rocinha, Favela in Rio de Janeiro (Foto: DW/ S. Hofmann)

Rocinha, die größte Favela Lateinamerikas

Rund 25 Kilometer entfernt liegt Rocinha. Das Armenviertel im Süden von Rio gilt als eine der größten Favelas Lateinamerikas. Hier finden noch immer regelmäßig Schießereien, Festnahmen und alltägliche Gewalt statt. Keiner weiß genau, wie viele Menschen in Rocinha leben. Vermutlich sind es mehr als 100.000. Die 64-jährige Francisca Oliveira ist freiwillige Helferin des Weltjugendtags und ein richtiger Papstfan. "Ich hätte ihn so gerne hier bei uns gehabt", sagt sie. "Rocinha repräsentiert Brasilien." Andere sind hier weniger gut auf den Papstbesuch in einer Favela zu sprechen. "Wenn Brasilien sich als laizistischer Staat versteht, wie kann dieser einer Religion dann soviel Aufmerksamkeit schenken?" fragt Antonio Carlos Firmino. "Die afro-brasilianischen und indigenen Religionen werden völlig missachtet", meint er.

Alan George bezeichnet sich selbst als Künstler und bietet sich herzlich als Fremdenführer an. Für ihn ist der Weltjugendtag nichts anderes als eine weitere Veranstaltung, bei der Brasilien sich in den Medien positiv darstellen will. "Hier kommen doch ständig irgendwelche Autoritäten. Der andere Papst, Johannes Paul II., war ja auch schon mal in einer Favela. Und nichts hat sich verändert."

Befriedung heißt Polizeipräsenz

Teile von Rocinha und Varginha gelten heute als "befriedet". Der Polizei ist es mit ständiger Präsenz gelungen, in bestimmten Straßenzügen und Vierteln die Gewalt einzudämmen. Sebastião Santos begrüßt diese Entwicklung. Vor 20 Jahren hat er gemeinsam mit anderen seine NGO Viva Rio gegründet. Mittlerweile arbeiten sie in mehr als der Hälfte von Rios Favela. "Jetzt ist der Staat in den Favelas endlich wieder präsent und schickt Polizei. Ich sehe das sehr positiv. Denn es ist eine Grundvoraussetzung dafür, dass sich etwas verändert. Aber es muss ein zweiter Schritt folgen." Viva Rio ist in den Favelas mit Bildungs- und Antidrogenprogrammen, etwa in Form von Gesundheitszentren vertreten. Für letzteres bekommt die einstige NGO mittlerweile auch Geld vom brasilianischen Staat. Dennoch sagt Sebastião: "Es ist jedes Mal dasselbe. Bei einem Großevent wie dem Papstbesuch machen die Behörden große Versprechungen. Längerfristig ändert sich aber nichts."

Julia Kruger hält ein Schild hoch The pope is here but where is Amarildo? (Foto: DW/ S. Hofmann)

Gewalt und Misstrauen ist Alltag in Rios Favelas

Während des Papstempfangs demonstrierten einige Hundert Menschen vor dem Gouverneurspalast gegen Polizeigewalt und forderten die Aufklärung des Falls eines verschwundenen Jungen aus Rocinha. Sie hielten Schilder mit der Frage hoch: "Wo ist Amarildo?" Die Menschen in Rocinha meinen, er sei von der Polizei mitgenommen worden, obwohl er nichts getan habe. Bis heute weiß keiner, wo Amarildo ist. In den Favelas wird die Polizei oft immer noch als Feind wahrgenommen. In Rocinha sprechen manche von der "blauen Armee", die die so genannte rote Armee der Drogenbosse nur abgelöst habe.

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