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Geschichte

Der "Marsch der Lebenden"

Den Opfern der Shoa gedenken und die jüdische Identität stärken: Ein außergewöhnliches Bildungsprogramm bringt Jugendlichen seit 25 Jahren den Holocaust und seine Geschichte näher.

Drei Kilometer, so lang war der Weg vom Konzentrationslager Auschwitz nach Birkenau, wo die Nazis ihre Opfer systematisch ermordeten. Im April 1988 zieht sich eine lange Schlange von Menschen über die schmale Straße. Mehr als 14.000 junge Juden aus aller Welt gehen den Weg schweigend. An ihrer Seite sind Überlebende der Shoa. Sie kehren an den Ort ihres Martyriums zurück, um der Opfer zu gedenken, aber auch, um den Blick nach vorne zu richten.

Symbol für die Zukunft

Seit jenem Apriltag findet dieser "Marsch der Lebenden" jedes Jahr am israelischen Holocaust-Gedenktag, dem Jom Ha'Shoa, statt. Der Name "Marsch der Lebenden" ist nicht zufällig gewählt: "Wir wollten einen Kontrast setzen zu den Todesmärschen der Nazis", sagt Shmuel Rosenman. Der 69-jährige Israeli ist der Vorsitzende der internationalen Organisation "Marsch der Lebenden" und einer der Gründer der Initiative.

Jugendliche beim Marsch der Lebenden (Foto: dpa)

Gegen Hass und Rassismus: das ist eine zentrale Botschaft des "Marsches der Lebenden"

Die "Todesmärsche" stehen für ein grausames Kapitel deutscher Geschichte: In den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs räumten die Nazis ihre Konzentrationslager in Polen und schickten tausende entkräftete KZ-Häftlinge auf mörderische Fußmärsche in Richtung Deutschland. Viele von ihnen überlebten die Tortur bei eisiger Kälte nicht. Im Gegensatz dazu stehe der heutige "Marsch der Lebenden", betont Rosenman: "Wir setzen ein Zeichen der Hoffnung." So ist der jährliche Schweigemarsch durch die Teilnahme der vielen Jugendlichen ein Symbol für die Zukunft.

Das Schweigen durchbrechen

Am 8. April 2013 fand der Marsch zum 25. Mal statt. Mehr als 150.000 Menschen haben in den vergangenen Jahren an dem Erinnerungsgang teilgenommen. "Am Anfang stand die Idee, Jugendlichen vor Ort von der Geschichte der Shoa zu berichten", erinnert sich Rosenman. Denn: "In vielen jüdischen Familien haben Eltern und Großeltern nie darüber gesprochen." Dieses Schweigen zu durchbrechen, war eines der Anliegen der Organisatoren.

Ein älterer Mann beim Marsch der Lebenden 2005 in Oswiecim, Polen. (Foto: dpa)

Beten für die Opfer: Der Erinnerungsgang findet jedes Jahr am israelischen Holocaust-Gedenktag statt

Der "Marsch der Lebenden" ist nämlich viel mehr als nur ein drei Kilometer langer Gang: Die Initiative ist ein Bildungsprogramm, für das sich jüdische Schulen und Gemeinden anmelden können. Eine Woche lang besuchen Schulklassen und Gruppen aus aller Welt Orte des Holocaust in Polen. Während dieser Reise findet auch jedes Jahr der eigentliche Erinnerungsmarsch statt.

Die Teilnehmer kommen mittlerweile aus 42 Ländern, die meisten sind zwischen 16 und 21 Jahren alt. Für viele ist es die erste direkte Konfrontation mit den Orten der Shoa. Avi Ehrlich ist jahrelang mit Schulklassen der Jüdischen Oberschule Berlin zum "Marsch der Lebenden" gefahren. Der jüdische Philosophie- und Bibelkundelehrer erinnert sich: "Auf einmal marschieren wirklich alle zusammen und es gibt Kontakt zwischen Gruppen aus Ländern, die sonst unheimlich weit voneinander entfernt sind. Die Schüler begreifen auf einmal, dass sie identitätsmäßig zu einem Volk gehören." Viele reagierten zunächst verschlossen, öffneten sich dann aber dem Dialog über das Geschehene und ihrer eigenen Trauer, so Ehrlich.

Zeugen der Nazi-Verbrechen

In den vergangenen Jahren wurde jede Gruppe meist von einem oder mehreren Holocaust-Überlebenden begleitet. Sie erzählen den jungen Erwachsenen ihre Geschichte der Ausgrenzung und Verfolgung: "Auf die Schüler haben die Berichte eine enorme Wirkung", unterstreicht Shmuel Rosenman. Auch dieses Jahr kommen wieder 300 Zeitzeugen nach Polen.

Teilnehmer am Marsch der Lebenden 2005 in Oswiecim (Foto: dpa)

Die Teilnehmer wollen ein Symbol für die Zukunft setzen

Seit einigen Jahren hat sich der Fokus des Bildungsprogramms erweitert: Ein Teil der Reise widmet sich dem jüdischen Leben in Polen vor dem Zweiten Weltkrieg, außerdem wird der Dialog mit polnischen Schülern gefördert. In diesem Jahr steht der Erinnerungsmarsch zudem im Zeichen des 70. Jahrestags des Aufstands im Warschauer Ghetto. Daher ist insbesondere der jüdische Widerstand ein Thema.

Universale Botschaft

Die zentrale Botschaft der Initiatoren des Marsches ist jedoch universal: Den Wurzeln von Hass, Vorurteilen und Intoleranz auf den Grund zu gehen und sie zu bekämpfen. Dabei gehe es nicht nur um Antisemitismus, so Rosenman: "Seit zehn Jahren kommen auch viele Nichtjuden. Das ist eine sehr positive Entwicklung", erläutert der Hochschullehrer aus Tel Aviv.

Christina Brinkmann, Freiwillige in der Internationalen Jugendbegegnungsstätte Auschwitz. *** privates Bild, eingestellt im April 2013

Christina Brinkmann (18)

Eine von diesen Teilnehmern ist Christina Brinkmann aus Greifswald in Deutschland. Die 18-Jährige arbeitet als Freiwillige in der Internationalen Jugendbegegnungsstätte Oswiecim/Auschwitz. Sie erhofft sich von ihrer Teilnahme Gespräche mit den angereisten Zeitzeugen und Jugendlichen: "Ich habe ein besonderes Interesse daran, weil es sich um eine jüdische Veranstaltung handelt."

Für sie ist der "Marsch der Lebenden" nicht nur eine Form des Gedenkens: "Er hat auch einen starken Bezug zu unserer heutigen Welt und eine klare Botschaft gegen Menschenrechtsverletzungen und Rassismus."

In der Erinnerungskultur ist der internationale "Marsch der Lebenden" heute fest etabliert. Das Bildungsprogramm hat eine Brücke zwischen den Generationen geschlagen: Viele Zeitzeugen konnten ihre Erlebnisse im direkten Gespräch mit Jugendlichen weitergeben.

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