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Kultur

Das Leben hinter einem Stolperstein

Vor 70 Jahren wurde die deutsche Jüdin Paula Dienstag im Konzentrationslager ermordet. Ihr Enkel Yuval Doron aus Israel hat sie nie kennengelernt. In Berlin stellt er sich der eigenen Familiengeschichte.

Ein Mann, unterwegs im winterlichen Frühling Berlins. Yuval Dorons Ziel ist das frühere Zuhause seines Vaters und seiner Großeltern: Goethestraße 12 im Stadtteil Charlottenburg. Die Adresse birgt eine fatale Ironie. Denn zu Hause in Tel Aviv steht auf Dorons Schreibtisch ein hölzernes Schmuckkästchen aus Deutschland, das er sehr in Ehren hält. Darauf ein Zitat - von Goethe, dem großen deutschen Dichter. Das Kästchen gehörte seinem Vater Joachim Dienstag, der als Junge genau hier gewohnt hatte - bis er 1939 vor den Nazis floh.

Der Israeli Yuval Doron (2. v. r.), Enkel der 1943 ermordeten deutschen Jüdin Paula Dienstag, mit seiner Familie in Berlin. (Foto: Jörg Harder / DW)

Zum ersten Mal in Deutschland, zum ersten Mal in Berlin: Yuval Doron mit Ehefrau und Söhnen.

Lange wollte Yuval Doron mit Deutschland nichts zu tun haben. Seine Welt war das Leben im Kibbuz, er verabscheute den Klang der deutschen Sprache. Das Land zu besuchen, in dem seine Großmutter Paula Dienstag ermordet wurde, kam ihm nicht in den Sinn. Jetzt steht er mit seiner Frau und den beiden Söhnen an der Hausnummer 12, wo heute eine Kindertagesstätte liegt. Für Passanten ein unscheinbarer Ort, für die Dorons ein Gedenkort. Sie legen Rosen an einem kleinen Messingstein mit Inschrift nieder, einem "Stolperstein". Dazu einen Stein und einen Olivenbaumzweig aus Israel.

Über "Stolpersteine" stolpert man nicht im eigentlichen Sinne, denn sie sind ebenmäßig in den Bürgersteig eingelassen. Aber wer ihre Inschriften liest, der "stolpert" über Leidensgeschichten. Es sind Gedenktafeln auf 10 mal 10 Zentimetern vor den Häusern von deportierten und ermordeten Opfern der Nazis. Schon seit über 15 Jahren verlegt der Künstler Gunter Demnig zusammen mit engagierten Bürgern solche Stolpersteine. Rund 4500 allein in Berlin.

Yuval Doron, Enkel der 1943 ermordeten deutschen Jüdin Paula Dienstag. der Bundestagsabgeordneten Petra Merkel aus Berlin-Charlottenburg. (Foto: Jörg Harder / DW)

Sie spendete den Stolperstein: Petra Merkel.

Einen davon spendete die Bundestagsabgeordnete Petra Merkel 2012 nahe ihres Wahlkreisbüros: für Paula Dienstag, die bis Januar 1943 in der Goethestraße 12 wohnte. Nach langer Recherche bekam Merkel Kontakt zum Enkel, Yuval Doron, und lud ihn jetzt ein.

Die Geschichte eines Verrates

Wer war Paula Dienstag? 1893 geboren als Paula Saft in Soldau im damaligen Ostpreußen, heute Działdowo in Polen. Wann sie nach Berlin kam und ihren späteren Mann, den Kaufmann Walter Dienstag traf, ist nicht bekannt. Die Akten besagen, dass sie als Krankenschwester und Turnlehrerin arbeitete und 1923 Sohn Joachim zur Welt brachte. Kurz vor Beginn des Zweiten Weltkrieges, im August 1939, reiste der 16-Jährige nach Palästina aus. Zwei Jahre später starb sein Vater an einem Magengeschwür. Mutter Paula blieb allein, wurde vor ihrer Deportation 1943 nach Auschwitz mutmaßlich noch als Zwangsarbeiterin eingesetzt.

Blumen am Stolperstein für die 1943 ermordete Jüdin Paula Dienstag in der Goethestr. 12 in Berlin-Charlottenburg. (Foto: Jörg Harder / DW)

Symbolisch schließt sich mit diesem Kreis aus Rosen auch ein Kreis von Erinnerungen.

Wehmut und Trauer stellen sich bei Yuval Doron ein, wenn er an seine Großmutter denkt, die er nie kennengelernt hat. "Zuallererst ist ihre Geschichte die eines Verrates, eines Verrates ihrer Umgebung an ihr."

Über deutsch-jüdische Annäherung

Yuval Doron reflektiert dabei auch über das deutsch-jüdische Verhältnis - ohne Bitterkeit. "Wir Juden, und ich schon gar nicht, schauen nicht verallgemeinernd auf die Deutschen, genauso wenig, wie wir als Juden verallgemeinernd betrachtet werden wollen. Es geht doch um die einzelnen Menschen in ihrer Zeit, und jeder ist unterschiedlich. Es gibt vortreffliche Menschen auf beiden Seiten, hier wie dort. Im Verlauf der Jahre haben sowohl die Juden in Israel als auch die Deutschen viel Ausgleichendes getan, um die Beziehungen enger zu knüpfen über die Generationen hinweg."

Ein Berliner in Israel

Was erfuhr der junge Yuval, Jahrgang 1956, von seinem Vater Joachim, in Israel Yehoakim Doron, über Deutschland? "Alle seine Bücher waren deutsch", erinnert er sich. "Er sprach kaum über die Zeit in Berlin, aber fühlte sich als Berliner." Sein Vater verstand sich auch als Deutscher, als Jude, als Israeli. Immer wieder kehrte er nach Deutschland zurück, hielt dort Vorträge auf Deutsch. Im Elternhaus des jungen Yuval in Israel gab es eine große deutschsprachige Bibliothek; ein Jahrbuch über Berlin bezog man im Abonnement. Es wurde Mendelssohn-Bartholdy gehört, ein bekanntes deutschsprachiges Nachrichtenmagazin gelesen.

Jüdischer Friedhof in Berlin-Weißensee. (Foto: Jörg Harder / DW)

Der Jüdische Friedhof in Berlin-Weißensee mit 115.000 Grabstellen - und 115.000 Geschichten.

Dennoch: Über das Leben in Hitlerdeutschland vor seinem Weggang, über die Ermordung seiner Mutter sprach der Vater kaum. Und der Sohn bedauert heute, nicht frühzeitig Fragen gestellt zu haben.

Im Holzkästchen auf seinem Schreibtisch in Tel Aviv bewahrt Yuval Doron ein kleines "Ex libris"-Zeichen aus der Bibliothek seines Großvaters auf. Er trägt es bei sich, als er an dessen Grab auf dem jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee einen Stein und einen Olivenbaumzweig aus Israel niederlegt.

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