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Geschichte

Als Auschwitz befreit wurde

Auschwitz ist zum Inbegriff für den Massenmord an Juden, Roma, Sinti und anderer NS-Verfolgter geworden. Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee das Konzentrationslager. Der Jahrestag ist internationaler Gedenktag.

Die Fanfare erschallt: Im Dritten Reich erkennt jeder sofort das aufdringlich-bombastische Dröhnen der Wochenschau-Fanfare. Der Sprecher plärrt im Propaganda-Ton, als gäbe es einen Erfolg zu vermelden und kein Rückzugsgefecht: "Hier an der ganzen Ostfront zwischen Ostsee und Karpaten setzen hier in den Morgenstunden des 13. Januar die Sowjets zu ihrer bisher größten Offensive an. Die Front brennt auf 1000 Kilometer Breite."

Endstation Auschwitz: Im Mai 1944 kommen ungarische Juden im Vernichtungslager an (Foto: AP Photo/Yad Vashem Photo Archives)

Endstation Auschwitz: Im Mai 1944 kommen ungarische Juden im Vernichtungslager an

Wie die Neuankömmlinge ihr eigenes Todesurteil unterschreiben

Mit jedem Meter, den die Rote Armee an Boden gewinnt, rückt die Befreiung für die in Auschwitz verbliebenen Lagerinsassen ein Stück näher. Doch es soll noch zwei schlimme Wochen dauern, ehe es soweit ist. Endlich, am Nachmittag des 27. Januar 1945, es ist ein Samstag, erreichen sowjetische Truppen Auschwitz. Die deutschen Einheiten leisten erbittert Widerstand. 231 Rotarmisten sterben im Kampf um die Befreiung des Vernichtungslagers. Die rund 7500 Geretteten wirken mehr tot als lebendig.

Was sich in Auschwitz ereignet hat, wird nicht sofort publik. Erst ab Mitte April 1945 berichten Überlebende im Deutschen Dienst der BBC über ihre Zeit im Lager. Auch Anita Lasker schildert ihre Erinnerungen im Radio: "Es stand ein Arzt und ein Kommandant bei Ankunft der Transporte an der Rampe und vor unseren Augen wurde sortiert. Das heißt: Man fragt nach dem Alter und dem Gesundheitszustand." Viele unwissende Ankömmlinge hätten irgendwelche Leiden angegeben und damit ihr eigenes Todesurteil besiegelt. "Besonders hat man es auf Kinder und Alte abgesehen. Rechts links, rechts links. Rechts ist zum Leben, links ist zum Kamin", schildert die Augenzeugin.

Der Organisator des Holocaust

Eingang zum ehemaligen KZ Auschwitz mit dem Schriftzug Arbeit macht frei (Foto: dpa)

Der Inbegriff des Zynismus: Über dem Eingang von Auschwitz prangt die Überschrift "Arbeit macht frei"

Auschwitz ist das größte und furchtbarste Konzentrations- und Vernichtungslager. Dort wird das mörderische NS-System zur Perfektion gebracht. Organisator des Massenmords ist Adolf Eichmann. Er leitet das sogenannte Referat für Judenangelegenheiten des Reichssicherheitshauptamtes, das dem Terrorapparat der SS untersteht. Nach Kriegsende taucht er zunächst unter, 1950 flieht Eichmann mit Unterstützung des Vatikans nach Argentinien.

Im Mai 1960 wird Eichmann vom israelischen Geheimdienst aufgespürt und nach Israel entführt, wo ihm der Prozess gemacht wird, bei dem er versucht, seine Rolle bei der Durchführung des Holocaust kleinzureden: "Ich bedaure und verurteile die von der damaligen deutschen Staatsführung angeordnete Vernichtungstätigkeit gegen die Juden." Er selbst hätte es aber auch nicht vermocht, über seinen eigenen Schatten zu springen. "Ich war lediglich ein Werkzeug in der Hand stärkerer Mächte und stärkerer Kräfte und eines unerfindlichen Schicksals", versucht Eichmann vor Gericht seine Verantwortung zu schmälern. Die zynisch wirkenden Ausflüchte verfehlen vor Gericht allerdings ihre Wirkung. Es spricht ihn schuldig und verurteilt ihn zum Tod. Eichmann wird 1962 hingerichtet.

Adolf Eichmann verfolgt seinen Prozess hinter schusssicherem Glas (Foto: AP Photo/Str)

Adolf Eichmann verfolgt seinen Prozess hinter schusssicherem Glas

Das Konzentrationslager Auschwitz, rund 60 Kilometer südwestlich von Krakau, entsteht im Frühjahr 1940. Im September 1941 gibt Lagerkommandant Rudolf Höß die Order, das Giftgas Zyklon B zur Ermordung der Häftlinge einzusetzen. Zyklon B ist ursprünglich ein Desinfektionsmittel, seine Dämpfe töten binnen Minuten. Seit 1942 deportiert die SS Juden aus ganz Europa nach Auschwitz . Ab 1943 werden Juden, Sinti, Roma und andere NS-Verfolgte "industriell" ermordet: Die Häftlinge werden in vier Gaskammern getötet und anschließend in riesigen Krematorien verbrannt.

Wie die Menschen in Auschwitz starben

Längst nicht alle Opfer von Auschwitz sterben durch Gas. Unmittelbar nach Ankunft der in Viehwaggons zusammengepferchten Menschen wird an der Entladerampe "selektiert", wie es im Nazi-Jargon heißt.

Wer gleich nach Ankunft vergast wird und wer nicht, das entscheiden SS-Ärzte. Einer von ihnen ist Josef Mengele, der als "Todesengel von Auschwitz" traurige Berühmtheit erlangt. Neben den "Selektionen" führt Mengele bestialische Experimente durch, auch an Kindern.

Das Sinti-Mädchen Settela Steinbach beim Transport nach Auschwitz, wo sie in der Gaskammer ermordet wurde.(Foto: Zentralrat Deutscher Sinti und Roma/ NIOD, Photo Nr. 66085)

Das Sinti-Mädchen Settela Steinbach beim Transport nach Auschwitz, wo sie in der Gaskammer ermordet wurde

Mengele flüchtet nach dem Krieg nach Argentinien, später nach Paraguay und Brasilien, wo er vermutlich 1978 bei einem Badeunfall ums Leben kam. Über ihn erzählt Anita Lasker in der BBC, wie er Frauen in den berüchtigten Block 10 bringen ließ, um dort mit ihnen zu experimentierten. "Man sterilisierte die Frauen, das heißt, man machte mit ihnen Experimente, die man mit Meerschweinchen zu tun pflegt. Aber Juden waren ihnen gerade gut genug dazu. Ferner experimentierte man mit Zwillingen. Das heißt man riss ihnen fast die Zungen raus oder man öffnete ihnen die Nase."

Wer körperlich robust genug erscheint, muss Zwangsarbeit leisten. Zum Beispiel für das Chemieunternehmen IG Farben, das seit 1941 in Auschwitz-Monowitz ein eigenes Werk für KZ-Häftlinge betreibt. Diese leisten bei völlig unzureichender Kleidung, Ernährung und medizinischer Versorgung Schwerstarbeit. Nach wenigen Monaten sind die Arbeitssklaven ausgezehrt, sterben an Unterernährung, Kälte oder infolge von Arbeitsunfällen.

Historische Aufnahme: Das Werk der IG Farben in Auschwitz-Monowitz (Foto: dpa)

Das Werk der IG Farben in Auschwitz-Monowitz: Mehr als 10.000 Zwangsarbeiter wurden getötet

Wer nicht mehr arbeiten kann, wird zurückgeschickt - ins Vernichtungslager. Die SS ermordet in Auschwitz mehr als eine Million Menschen. Um die Spuren ihrer Verbrechen vor der herannahenden Roten Armee zu verwischen, sprengt die SS Ende 1944 die Gaskammern und evakuiert die meisten Häftlinge Richtung Westen. Charlotte Grunow und Anita Lasker beispielsweise werden nach Bergen-Belsen in Niedersachsen gebracht und dort Mitte April 1945 von den Briten befreit.

Erinnerung an unfassbares Leid

Unterernährte und ausgemergelte Auschwitz-Häftlinge kurz nach der Befreiung durch die Rote Armee im Januar 1945 (Foto: AP).

Auschwitz-Überlebende nach der Befreiung

Die in Auschwitz verbliebenen Häftlinge können schon das sowjetische Artilleriefeuer hören. Doch die SS will verhindern, dass die Rote Armee das Lager befreit. Die Schergen jagen die ausgemergelten Gestalten aus dem Lager, lassen sie Tag und Nacht marschieren. Wer zurückbleibt, wird erschossen. 56.000 Menschen machen sich auf den Todesmarsch, für bis zu 15.000 ist es der letzte Weg. Ihre Leichen säumen den Wegesrand.

Den Holocaust, den Eichmann bei seinem Prozess ein "unerfindliches Schicksal" nennt, kostet weit über sechs Millionen Menschen das Leben: mindestens 5,6 Millionen Juden und rund eine halbe Million Sinti und Roma. Systematisch verfolgt wurden auch Menschen mit Behinderungen, Homosexuelle und Zeugen Jehovas. Unter den Ermordeten sind 1,5 Millionen Kinder. Seit 1996 gedenkt die Bundesrepublik Deutschland offiziell am 27. Januar den Opfern des NS-Regimes.

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