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Nahost

Der kurze Weg in den Dschihad

Der Zustrom deutscher Kämpfer in die "Dschihad-Gebiete" in Syrien und im Irak ist ungebrochen. Die Behörden sind alarmiert - können aber kaum etwas dagegen tun.

Es ist die größte internationale Mobilisierung von Kämpfern seit Jahrzehnten: Rund 12.000 Ausländer aus 74 Ländern kämpfen in Syrien, so die neuen Zahlen

des auf Radikalisierung spezialisierten Forschungsinstitutes ICSR

des Londoner King's College. Mehr als ein Fünftel der überwiegend arabischstämmigen Kämpfer kommt aus westlichen Staaten, 400 von ihnen aus Deutschland.

Nie war der Weg in den Dschihad kürzer. In Deutschland existiert heute eine lebendige Szene junger radikaler Islamisten, die stetig wächst. Zwar stellen diese 5000 bis 10.000 Salafisten nur einen winzigen Bruchteil der rund vier Millionen Muslime in Deutschland, doch sind sie äußerst aktiv: Sie verteilen in Innenstädten kostenlos Koran-Ausgaben, laden zu Veranstaltungen, gründen Gruppen im Umfeld von Moscheen und sorgen mit Aktionen

immer wieder für bundesweites Aufsehen.

In vielen Städten bemühen sich Salafisten mit den Methoden von Straßensozialarbeitern, neue Anhänger zu rekrutieren - insbesondere unter perspektivlosen Jugendlichen.

Klare Antworten, klare Strukturen

Zwar verlaufe jeder Weg in die Radikalisierung unterschiedlich, doch gebe es wiederkehrende Muster, sagt Florian Endres vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF). "Oft bildet eine Sinnsuche oder Lebenskrise den Nährboden für radikale islamistische Ideologien", so der Leiter der "Beratungsstelle Radikalisierung" des BAMF. Der Salafismus biete klare Antworten und klare Strukturen: "Die starke Betonung des Gemeinschaftsgefühls ist in salafistischen Gruppen sehr ausgeprägt. Man begreift sich als Elite."

Ein Salafist verteilt in einer süddeutschen Kleinstadt Koran-Ausgaben (Archivfoto: dapd))

Ein Salafist verteilt in einer süddeutschen Kleinstadt Koran-Ausgaben

Kennern der Szene zufolge ist Syrien derzeit in allen salafistischen Zusammenhängen das zentrale Thema. Die meisten Gruppen propagieren zwar keine dschihadistische Gewalt, doch die Diskussionen werden von Internet-Propaganda aus Syrien und dem Irak flankiert. Die Medienabteilung der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) hat die Werbung für den Dschihad auf eine neue Ebene gehoben: Professionell produzierte Filme inszenieren den Kampf in Syrien und im Irak als Action-Kino. "Für den einen oder anderen kann es dann eine Form der Selbstfindung oder -bestätigung sein, nach Syrien zu reisen", sagt Florian Endres. Das ist denkbar einfach: Drei Stunden dauert ein Flug in die Türkei und der Übertritt über die durchlässige syrische Grenze lässt sich leicht vorher organisieren.

Fremd im Orient

Im Irak und in Syrien spielen die Rekruten aus Deutschland offenbar nur selten

eine wichtige Rolle

in ihren Verbänden. "Ein Problem ist die fehlende interkulturelle Kompetenz", sagt Marwan Abou-Taam, im Landeskriminalamt Rheinland-Pfalz zuständig für "politisch motivierte Kriminalität". Weil sie mit der Kultur des arabischen Raumes nicht vertraut seien, eckten sie häufig an. Dazu komme der Mangel an Kampferfahrung. "Die meisten waren nicht bei der Bundeswehr", sagt der Sozialwissenschaftler. Im Gegensatz dazu hätten die meisten Kämpfer aus arabischen Staaten Wehrdienst geleistet.

Philip Bergner in einem Propaganda-Video (Screenshot)

Philip Bergner in einem Propaganda-Video

Immer wieder werden die Kämpfer aus Deutschland als Selbstmordattentäter eingesetzt - die in der IS-Taktik eine zentrale Rolle spielen: Sie reißen zunächst, etwa mit Sprengstoff-Lastwagen, Lücken in die Verteidigungslinien der Gegner, bevor dann aus allen Rohren feuernde IS-Verbände in Geländewagen angerast kommen. Vor knapp einem Monat sprengte sich der Konvertit Philip Bergner aus Dinslaken in der Nähe von Mossul in die Luft und riss 20 Menschen mit in den Tod. Mindestens fünf deutsche Dschihadisten haben im Irak Selbstmordanschläge verübt, doch das sind nur die identifizierten Fälle - die tatsächliche Zahl soll viel höher sein.

Die Sicherheitsbehörden stehen dem Treiben einigermaßen hilflos gegenüber. Offen zum Kampf in Syrien aufzurufen, wäre zwar strafbar - aber auch überflüssig, weil das Thema in radikalislamischen Kreisen ohnehin präsent ist und es im Internet bereits genügend Aufrufe gibt. Verdächtige mit einem Pass-Entzug an der Ausreise zu hindern, ist meist unmöglich, weil deutsche Staatsbürger zur Einreise in die Türkei kein Visum brauchen. Oft kehren die Dschihadisten problemlos nach Deutschland zurück. Zwar könne es sein, dass ein Verfahren gegen sie eröffnet werde, sagt Marwan Abou-Taam vom LKA in Mainz. "Das Problem ist aber, dass man in Syrien nicht ermitteln kann - das heißt, man weiß nicht wirklich, was die dort gemacht haben."

"Erhöhte Gefährdung"

Die Rückkehrer machen den Sicherheitsbehörden zunehmend Sorgen. Einige kämen enttäuscht zurück und würden sich von der Idee des Dschihad abwenden, andere kämen mit psychischen Problemen und Kampferfahrung zurück und seien schwer berechenbar, sagt Abou-Taam. "Dann gibt es die dritte Gruppe, die mit Aufträgen nach Europa zurückgekommen ist, die den Kampf in die westlichen Gesellschaften hineintragen will." Die Situation werde dadurch unüberschaubar, dass viele Kämpfer den Behörden gar nicht bekannt seien. "Das ist die vierte Gruppe, die hier klandestin arbeiten kann, ohne dass das überhaupt bemerkt wird."

Noch hat der Verfassungsschutz keine Anhaltspunkte, dass Rückkehrer konkrete terroristische Aufträge verfolgen. Allerdings hat der IS-Terror bereits das Nachbarland Belgien erreicht: Der Attentäter, der im Mai drei Menschen im Jüdischen Museum in Brüssel getötet hat, soll zuvor als Gefängniswärter des IS Geiseln gefoltert haben. Mit den deutschen Waffenlieferungen in den Irak ist die Gefahr von Anschlägen nach allgemeiner Einschätzung gestiegen. Auch Bundesinnenminister Thomas de Maizière will eine "erhöhte Gefährdung" nicht ausschließen.

Um das Problem mittelfristig in den Griff zu bekommen, fordern Experten ein Engagement gegen den radikalen Islam nach dem Vorbild der politischen Bildungsarbeit und der Aussteigerprogramme im Bereich des Rechtsextremismus. Florian Endres von der Beratungsstelle Radikalisierung sieht vor allem auch die Schulen in der Pflicht, stärker über Themen wie Islamismus, Salafismus oder Muslimfeindlichkeit aufzuklären: "Wir stellen immer wieder fest, dass die Leute, die sich in Richtung Salafismus orientieren, wenig Wissen und Erfahrung im religiösen Bereich haben."

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