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Kultur

Faszination Dschihad

Laut Verfassungsschutz sind 320 junge Männer aus Deutschland nach Syrien und in den Irak gereist, um für islamistische Gruppierungen zu kämpfen. Aus welchen Gründen schließen sie sich den "Gotteskriegern" an?

Ein junger Mann sitzt in saftig-grünem Gras. "Ich habe meine deutsche Staatsangehörigkeit aufgegeben und mich dem islamischen Staat angeschlossen", sagt er. Im Vordergrund weht sacht die schwarz-weiße Fahne des IS, des Islamischen Staats. Darauf ist die Schahada, das islamische Glaubensbekenntnis, zu lesen

Ein eindringliches Video - der junge Mann, der mit bürgerlichem Namen Denis Mamadou Cuspert heißt, versteht etwas von Inszenierung. Als "Deso Dogg" war er vor wenigen Jahren in der deutschen Rap-Szene erfolgreich. Er nahm Drogen, saß mehrmals im Gefängnis. Heute, sieben Jahre später, schwört er unter dem Namen Abu Talha al-Almani einen Treueeid auf den Islamischen Staat und spricht von sich als "kleinem, schwachen Diener Gottes". Die Geschichte von Denis Mamadou Cuspert alias Deso Dogg alias Abu Talha al-Almani mag außergewöhnlich sein. Und doch ist sie ein Beispiel dafür, wie aus einem Menschen mit Problemen ein islamischer "Gotteskrieger" werden kann.

Der ehemalige Berliner Rapper Deso Dogg in einem Video der IS. Screenshot http://www.youtube.com/watch?v=DMGU2XDjpqo

Rapper-Video: "Bittet Allah darum, dass er Gnade mit euch hat"

"Leichte Beute" für Islamisten

Cuspert wächst als Kind einer Deutschen und eines Ghanaers in Berlin auf. Der Vater wird irgendwann abgeschoben. Der Stiefvater, ein Soldat der US-Armee pflegt zu Hause einen ruppigen Umgangston. Langeweile und Orientierungslosigkeit treiben den Jugendlichen auf die Straße und in die Arme von Gangs. Auf Verurteilung folgt Bewährung, dann folgen neue Verurteilungen.

Der Berliner Psychologe Kazim Erdogan bezeichnet Menschen mit dieser Biographie als "leichte Beute" für radikale Islamisten. "Diese jungen Leute fühlen sich von der deutschen Gesellschaft diskriminiert und abgewertet", sagt er. Viele von ihnen haben eine Einwanderungsgeschichte. Vom Wohlstand haben die meisten nichts abbekommen. 90 Prozent der jungen Menschen, die sich am Ende dem "Heiligen Krieg" anschließen, fühlten sich als Versager, "als letztes Schaf in der Herde", so der Psychologe. Die eigenen Eltern tragen oft viel zur Problematik bei. "Ich schäme mich für dich. Du hast ja noch nicht mal einen Hauptschulabschluss", bekämen die Teenager immer wieder zu hören.

Abenteuerlust und Gewaltfantasien

Kazim Erdogan, Psychologe und Soziologe. (Foto: Kazim Erdogan)

Erdogan: "Vielen suchen nur nach einer Vaterfigur"

Unter diesen Voraussetzungen haben die radikalen Anwerber leichtes Spiel: Oft sprechen sie ihre potenziellen Opfer direkt auf der Straße an. Bei Tee und Sesamring bekommen die Jugendlichen plötzlich die Aufmerksamkeit, nach der sie sich so sehr sehnen. Oft fehlt in ihren Familien die Vaterfigur, weil die Eltern getrennt leben oder der Erzeuger nicht versteht, wie es in dem eigenen Sohn aussieht. "Der 'bärtige Onkel' kann dann viel schneller zum Opfer durchdringen", so Erdogan. Zum islamischen "Gotteskrieger" ist der Weg oft nicht mehr weit.

Die Bereitschaft, sich für Allah zu opfern, sei bei Europäern in erster Linie eine Protesthaltung, weiß der Islamwissenschaftler Guido Steinberg. "Es gibt für einen jungen Migranten fast keine bessere Möglichkeit Ablehnung auszudrücken, weil er sich damit gegen die eigenen Eltern wendet, gegen die muslimische Gemeinschaft hier und gegen den deutschen Staat." Für die Jugendlichen sei es wichtig, Empörung hervorzurufen.

Auch Geborgenheit spielt eine große Rolle. Viele junge Leute suchen danach und finden sie in Moscheen und radikalen Gruppen. Hinzu kommen Gewaltfantasien und eine allgemeine Abenteuerlust, die in Deutschland nicht mehr befriedigt wird. "Man kann noch nicht mal mehr zur Bundeswehr gehen. Diese Leute aber wollen kämpfen, wollen in den Bergen herumrennen und etwas erleben", so Steinberg.

Endlich eine Bedeutung haben

Dr. Guido Steinberg - Foto: DW/S. Amri

Steinberg: "Protesthaltung gegen die eigenen Eltern"

In den meisten Fällen handelt es sich um Türken, Kurden, Palästinenser, Libanesen und Araber. In jüngerer Zeit melden sich aber auch immer mehr Konvertiten. Philip B. aus Dinslaken ist das vielleicht prominenteste Beispiel. Er gilt als wichtige Identifikationsfigur in der deutschen Dschihadisten-Szene - auch nach seinem Tod im irakischen Kampfgebiet. Die Radikalisierung scheint bei den zum Islam Übergetretenen einfacher zu funktionieren. Im Gegensatz zu ihren arabischen Gesinnungsgenossen, fehlt ihnen aber die jahrelange Auseinandersetzung mit der Religion und der sprachliche Hintergrund. Ihre Ideologie ist oft nicht gefestigt - das macht sie aber umso gefährlicher. Während andere nach Anerkennung suchten, ist es für die Konvertiten wichtiger etwas darzustellen.

Die Lebensläufe der freiwilligen "Soldaten Gottes" ähneln sich dabei. Eine schwierige Kindheit, Probleme in der Schule, Alkohol-und Drogenmissbrauch schon in jungen Jahren. Kinder aus der Mittelschicht sind in der Unterzahl.

Das wahre Leben beginnt im Jenseits

Anhand grausamer Fotos und Videos demonstriert man den Jugendlichen, welche Gräueltaten die Ungläubigen an den Muslimen weltweit begehen. "Vieles davon hat so nie stattgefunden", sagt Kazim Erdogan. Die Geschichten sollen die Halbwüchsigen härter und erbarmungsloser machen für den Moment, wenn sie zur Waffe greifen oder wenn sie den Auslöser am Sprengstoffgürtel drücken. Bis das passiert, wird Druck ausgeübt.

Friedenskundgebung für Gaza in Bremen - Foto: N.Steudel/DW

Die radikalen Anwerber sprechen ihre potenziellen Opfer direkt auf der Straße an

In der Regel ist das aber nicht notwendig, denn die Aussicht auf das Paradies und die dort wartenden Jungfrauen ist Lohn genug. "Sie sind davon überzeugt, dass das hier die falsche Welt ist und das wahre Leben im Jenseits beginnt", so der Psychologe. "Mit dem Verstand kann man das nicht nachvollziehen." Ihm ist wichtig, dass Eltern deswegen darauf achten, in welche Moschee sie ihre Kinder schicken. Allzu oft hätten Prediger die Gelegenheit genutzt, die Gemeinde aufzuhetzen."Aus mir wurde nichts, weil ich Moslem oder Araber bin", sind die Gedanken, die die Jugendlichen dann mit nach Hause nehmen. Das macht wütend.

Wahrscheinlich war Denis Mamadou Cuspert auch wütend, als er sich 2009 dazu entschloss, sein altes kriminelles Leben gegen ein "gottgefälliges" einzutauschen. Über Nacht wurde aus dem semi-erfolgreichen Rapper ein Mann, um den sich radikal-islamische Prediger bemühten. Von Syrien aus verbreitet er jetzt Hassbotschaften. Jetzt wird er nicht nur gehört, sondern auch gefürchtet.

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