1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Kultur

"Scharia-Polizei" entfacht neue Islamdebatte

Elf junge Salafisten schlüpften in orangefarbene Westen und patroullierten als "Scharia-Polizei" durch Wuppertal. Deutschland fragt sich: Wie soll man auf den Vorfall reagieren?

Harmloser Scherz oder gefährliche Provokation? Die selbsternannten Sittenwächter sind Salafisten. Sie gehören in Deutschland zur am schnellsten wachsenden Gruppe radikaler Muslime. Anführer der Wuppertaler Gruppe ist der deutsche Konvertit Sven Lau alias Abu Adam. Kurzzeitig zogen sie am vergangenen Mittwoch im Wuppertaler Stadtteil Elberfeld vor türkische Diskos, Cafés und Spielhallen und forderten Jugendliche auf, von Alkoholgenuss und Glückspiel die Finger zu lassen.

Sven Lau alias Abu Adam. Foto: Markus Scholz

Gezielte Provokation? Salafisten-Aktivist Sven Lau alias Abu Adam

"Echte" Polizisten überraschten die Aktivisten und nahmen ihre Personalien auf. In den folgenden Tagen ging eine Welle der Empörung durch Deutschland. "Die Scharia wird auf deutschem Boden nicht geduldet", betonte Bundesinnenminister Thomas de Maizre (CDU). "Eine illegale Paralleljustiz werden wir nicht dulden", versicherte Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD). Und nun äußerte sich auch die Kanzlerin und fordert ein entschiedenes Vorgehen: "Niemand anderes ist befugt, sich in die Rolle der Polizei hineinzuschleichen", so Angela Merkel im Fernsehsender Sat1.

Minimaler Aufwand, größtmögliche Aufmerksamkeit: "Die Burschen haben erreicht, was sie erreichen wollten", bilanziert der Erlanger Islamwissenschaftler und Jurist Mathias Rohe im DW-Gespräch. "Die Empörung war einkalkuliert." Der Konvertit Sven Lau frohlockt denn auch auf seiner Facebook-Seite: Genüsslich präsentiert er Presseberichte über die Aktion - von BILD bis FAZ ist alles dabei, was die deutsche Presselandschaft zu bieten hat. Darunter stehen anerkennende Kommentare von Unterstützern.

Scharia lässt Alarmlampen leuchten

Rechtswissenschaftler und Islamkenner Mathias Rohe. Foto: dpa

Der Rechtswissenschaftler und Islamexperte Mathias Rohe

Ganz offenkundig spielte die kleine Salafistengruppe erfolgreich mit der weitverbreiteten Angst der Deutschen vor dem Islam. Islamexperte Rohe verweist auf Umfragen und Statistiken: "Die Mehrheit der Bevölkerung hat eine starke Skepsis nicht vor den Muslimen, die hier leben, sondern vor dem Islam an sich." Die Menschen empfänden eine "abstrakte Bedrohung", die sich konkretisiere etwa durch Terrorbanden des Islamischen Staats in Syrien und im Irak. Schon der Begriff Scharia lasse alle Alarmlampen rot aufleuchten - "unabhängig, ob es um so schreckliche Dinge geht wie Hand abhacken oder Verbot von Glückspiel oder Alkoholgenuss".

Die Scharia, das islamische Gesetz, umfasst die religiösen Pflichten und Rechtsvorschriften, die nach islamischer Lehre das Leben gemäß des Willens Gottes regeln. Ihre Beachtung entscheidet über Lohn und Strafe im Jenseits. Der arabische Begriff kommt im Koran vor und heißt so viel wie "Weg zur Wassertränke". Nach muslimischer Auffassung regelt die Scharia das Dasein des Einzelnen und der Gemeinschaft und zwar in allen Bereichen des religiösen, zwischenmenschlichen und staatlichen Lebens. Theoretisch gilt sie auch für Nichtmuslime. Entwickelt wurde die Scharia von islamischen Juristen des achten und neunten Jahrhunderts.

Mathias Rohe: "Wir sind eine freiheitliche Gesellschaft"

Auf drei Ebenen, so der Erlanger Wissenschaftler Rohe, sollte die Gesellschaft auf den Wuppertaler Vorfall antworten. Neben der Verfolgung von Straftaten sei vor allem die gesellschaftliche Reaktion wichtig: "Deutlich zu machen, dass wir hier eine freiheitliche Gesellschaft sind, die wir auch verteidigen möchten!" Auch brauche es eine innermuslimische Debatte. Muslime und ihre Organisationen müssten sehr klar sagen: "Das passt nicht zu uns!" Diese innermuslimische Debatte müsse es auch in die Medien schaffen. "Muslime nehmen unentwegt öffentlich Stellung – aber das wird häufig nicht transportiert!"

Scharia-Polizei in Wuppertal. Foto: dpa

Sorgt für deutschlandweite Empörung: die "Scharia-Polizei" in Wuppertal

Immer wieder distanzierten sich deutsche Muslimverbände von extremistischen Aktionen, so auch diesmal. "Sich Polizeiarbeit anzumaßen, ist nicht hinnehmbar", erklärt etwa Ali Kizilkaya vom bundesweiten Koordinationsrat der Muslime (KRK) in Köln. "Das beschädigt das Ansehen der Muslime – obwohl die allermeisten Muslime sich nicht damit identifizieren", so Kizilkaya gegenüber der Deutschen Welle. In dieser Gesellschaft könne doch jeder seine Religion ausleben. Der KRK-Sprecher ärgert sich über die große Aufmerksamkeit, die Aktionen derart kleiner Gruppen zuteil werde.

Aiman Mazyek: "Islamismus mit dem Islam bekämpfen"

Durch den "PR-Gag einiger Halbstarker" wird nach Ansicht des Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, "die Trennschärfe zwischen Extremismus und Religion nicht mehr eingehalten." Damit schadeten die Aktivisten allen Muslimen in Deutschland. Viele der jungen Extremisten hätten sich längst aus der muslimischen Gemeinschaft verabschiedet. "Die sagen, das ist ein weichgespülter Islam. Ich möchte den harten Weg gehen."

Aiman Mazyek vom Zentralrat der Muslime. Foto: dpa

Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek

Als Rezept, die jungen Leute zurück zu gewinnen, empfiehlt Mazyek: Den Islamismus mit dem Islam bekämpfen, die Mitte der Muslime stärken, ihre Organisationen unterstützen. "Leider deutet das politische Klima nicht darauf hin, dass man das begriffen hat", so der Zentralratsvorsitzende im DW-Interview, "sondern man marginalisiert uns und damit stärkt man die radikalen Ränder."

Muslime in ganz Deutschland wollen in Kürze ein Zeichen für Frieden und gegen Extremismus setzen. Unter dem Motto "Muslime stehen auf gegen Hass und Unrecht" rufen die vier großen deutschen Islamverbände am 19. September in sieben Städten zu Mahnwachen und Friedenskundgebungen auf, wie der Koordinationsrat der Muslime in Köln mitteilte. Im Koordinationsrat sind der Zentralrat der Muslime, der Islamrat, der Verband der Islamischen Kulturzentren und Ditib, die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion, zusammengeschlossen.