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Deutsch-deutsche Geschichte

"Zum Abschuss freigegeben": 327 Menschen starben an der innerdeutschen Grenze

Bislang gab es noch keine verlässlichen Zahlen darüber, wie viele Menschen zwischen 1949 und 1989 an der Westgrenze der DDR ihr Leben verloren. Nun wurde in Berlin ein zweites Todesbuch mit Opfer-Biografien vorgestellt.

Politisch war Deutschland schon seit 1949, also seit Gründung der beiden deutschen Staaten geteilt. Das wurde bald schon von der DDR brutal umgesetzt. Von der Grenzpolizei wurden Schusswaffen gegen "illegale Grenzgänger" eingesetzt. 1952 wurde ein fünf Kilometer breites Sperrgebiet eingerichtet, streng bewacht mit Stacheldrahtzaun und Militärposten. In Berlin, damals noch ohne Mauer, konnte man als DDR-Bürger mit der S-Bahn in den Westteil der Stadt fahren, um beispielsweise Verwandte zu besuchen oder sich mit umgetauschtem Geld einen in der DDR nicht erhältlichen Petticoat zu kaufen. An der innerdeutschen Grenze zwischen Lübecker Bucht und Vogtland aber brauchte man einen Passierschein zum "legalen Grenzübertritt", etwa von Thüringen nach Bayern und zurück, wie es anfangs noch viele Pendler taten. Mitte der 1950er Jahre wurde auch diese Möglichkeit abgeschafft. Schließlich beförderten sie das "Ausbluten der DDR". Das heißt, es blieben nach Ansicht des DDR-Regimes zu viele Menschen im freien und wohlhabenderen West-Deutschland. 

Dann, mit dem Bau der Mauer im Berliner Stadtgebiet 1961 wurde die gesamte Grenze durch Schießbefehl und Minenfelder zum Todesstreifen, der bis zum Ende der DDR 1989 blieb und als "Eiserner Vorhang" in die Geschichte einging. Hier stießen der Westen und der Osten aufeinander, die Markierungslinie des Kalten Kriegs.

Picture Teaser Museen an der ehemaligen innerdeutschen Grenze

Verlauf der innerdeutschen Grenze - hier markiert mit Museen, die daran erinnern

Ein zweites Todesbuch

Internationales Symbol dieser Trennung wurde dann aber vor allem die Berliner Mauer. Wohl auch deshalb wurde schon 2009 ein Buch vorgestellt, das sich den Toten an der Berliner Mauer widmete - es waren 139 Menschen. Es gilt seitdem als ein Standardwerk der Aufarbeitung der DDR-Diktatur. Doch die "innerdeutsch" genannte Grenze war viel länger - ein 1400 Kilometer langer Todesstreifen. Bislang gab es noch keine verlässlichen Zahlen darüber, wie viele Menschen wegen oder an dieser Grenze starben.

Der damalige Kulturstaatsminister Bernd Neumann hatte 2012 den Startschuss für das Forschungsprojekt an der Freien Universität Berlin über die Folgen dieser Grenze gegeben. Wie viele Menschen starben dort und unter welchen Umständen?

Richard Hillebrand wurde 1951 von einer DDR-Grenzstreife durch einen Herzschuss ermordet. Aus: Die Todesopfer des DDR-Grenzregimes an der innerdeutschen Grenze von Dr. Jochen Staadt | (Privat)

Richard Hillebrand wurde 1951 von einer DDR-Grenzstreife durch einen Herzschuss ermordet

Erinnerungen an 327 Tote und deren Biografien

Das Buch umfasst 684 Seiten. Auf dem Titel ist ein damaliger DDR-Sozialausweis zu sehen, der von Kugel durchlöchert wurde. Die amtierende Kulturstaatsministerin Monika Grütters sagte zur Vorstellung des Buches im Berliner Mauermuseum: Hier zeige sich das wahre Gesicht der DDR. Menschen, die vor Repressionen zu fliehen versuchten, seien "zum Abschuss freigegeben" gewesen. Das Buch belege, wie hart erkämpft die Freiheit von heute sei.

Das Inhaltsverzeichnis des Totenbuches ist gegliedert nach fünf sogenannten Fallgruppen - und ergibt ein Gesamtbild des Schreckens: 327 Tote aus Ost- und Westdeutschland. Aufgelistet sind nicht nur die Menschen, die direkt an der Grenze erschossen wurden, sondern alle, deren Leben wegen der Umstände der Grenze endete. Dazu zählen auch DDR-Einwohner, die 1952 wegen der Zwangsumsiedlungen Selbstmord begingen. Oder DDR-Grenzpolizisten, die wegen Fahnenflucht zum Tode verurteilt und hingerichtet wurden. Aufgelistet sind auch Bürger, die nach abgelehntem Ausreise-Ersuchen Suizid begingen. Es gab auch Herzinfarkte aufgrund der unmenschlichen Schikanen an Grenzübergängen. 

Teil des Projektes war auch ein sozio-demografischer Blick auf die Toten. Die meisten waren Arbeiter, Bauern und Handwerker. 80 Prozent waren jünger als 35 Jahre. Jeder Zweite sogar jünger als 25. Auch 19 Kinder und Jugendliche starben. Das jüngste aus dem Archivgut ermittelte Todesopfer war ein im Juli 1977 im Kofferraum eines Fluchtfahrzeugs erstickter sechs Monate alter Säugling. Das älteste Todesopfer war ein 81-jähriger Bauer auf der Westseite der Grenze, der irrtümlich in ein Minenfeld geriet. Ihm wurden beide Beine abgerissen. Er verblutete unter den Augen eines DDR-Arztes, der sich nicht in das Minenfeld traute. Sein Todeskampf dauerte drei Stunden.

Noch immer Lücken in der Forschung

Die Erforschung der Todesumstände war ein wesentlicher Bestandteil der Forschungsarbeit. Denn die Stasi, also das Ministerium für Staatssicherheit der DDR, die für die Todesfälle an der Grenze zuständig war, vertuschte in der Regel die wahren Umstände. So wurden Verkehrsunfälle oder tödliche Unglücke erfunden und Totenscheine gefälscht. Den Angehörigen wurde oftmals verweigert, den Toten noch einmal zu sehen.

Die Forscher haben mehr als 1400 Verdachtsfälle akribisch anhand von Archiven und Zeitzeugen untersucht. Sie haben letztendlich 327 Opfer der innerdeutschen Grenze gezählt. Doch so tragisch jeder dieser Fälle gewesen sei, es war dennoch nur die Spitze des Eisbergs, sagte Projektleiter Klaus Schroeder von der Freien Universität Berlin. Denn dazu kämen tausende Verletzte und rund 150.000 Festgenommene. Denn die meisten Flüchtlinge, so Schroeder, hätten es gar nicht bis zur eigentlichen Grenze geschafft. Viele seien verraten worden. Zahlen von 1974 bis 1979 belegten, dass nur fünf Prozent die Flucht gelang. Sie konnten also die Grenze überwinden. 

Im Projekt seien auch 452 Todesfälle unter Grenzsoldaten untersucht worden, betonte der Co-Autor des Buches Jochen Staadt. 203 davon seien Suizide gewesen. Bei 44 von ihnen stand der Selbstmord wohl im Zusammenhang mit ihrem Dienst. Deshalb seien auch sie zu den Toten dazu gezählt worden. "Sie gehörten auch zu den Opfern des Systems", so Staadt.

Noch erforscht werden müssten die Toten an der Ostsee und an der sogenannten verlängerten Grenze, also zum Beispiel an der damaligen bulgarisch-türkischen Grenze, sagte Schroeder. Hier würden noch einmal bis zu 500 Tote angenommen.

An finanzieller Förderung solle dies nicht scheitern, so die Kulturstaatsministerin. Allerdings müssten hierbei auch die Bundesländer noch stärker als bisher ihre Bereitschaft zeigen, beim Forschungsprojekt mitzumachen.

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