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Deutschland

Den Mauer-Toten Namen und Gesicht geben

136 Todesfälle an der Berliner Mauer haben Historiker dokumentiert. 20 Jahre nach dem Fall der Mauer sind die Lebensgeschichten der Opfer erstmals in einem Handbuch erschienen - und auch im Internet abrufbar.

Das Grab von Chris Gueffroy auf dem Friedhof Baumschulenweg (Foto: Caro)

Das Grab von Chris Gueffroy, erschossen an der Berliner Mauer

Chris Gueffroy glaubte, der Schießbefehl sei ausgesetzt und wagte im Februar 1989 einen Fluchtversuch in Berlin-Treptow. Er wurde von einem Grenzsoldaten erschossen, massive Proteste folgten. Es waren die letzten Todesschüsse an der Berliner Mauer.

Nur wenige Geschichten sind so bekannt und so gut dokumentiert wie die Gueffroys. Wer kennt das Schicksal von Christel und Eckhard Wehage, die am 10. März 1970 versuchten, ein Flugzeug von Berlin-Schönefeld nach Hannover zu entführen? Als dies misslang, begingen sie noch in der Maschine Selbstmord.

Wer erinnert sich an Ida Siekmann, die am 22. August 1961 aus dem dritten Stock ihrer Wohnung in der Bernauer Straße in den Tod sprang? Ida Siekmann war die erste Tote an der Berliner Mauer. Ihr Foto und ihre Geschichte eröffnen die Reihe von 136 Biographien, die ein Forscherteam rekonstruiert und nun veröffentlicht hat.

Ein Buch gegen das Vergessen

Mehrere Jahre lang haben Historiker von der Gedenkstätte Berliner Mauer und vom Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam Daten und Fakten gesammelt, Angehörige befragt und die Archive der Staatssicherheit durchforstet. Das Ergebnis ist für Kulturstaatsminister Bernd Neumann weit mehr als eine Sammlung von Fotos und Texten. "Es geht darum, den Toten Gesicht und Namen und damit ihre Würde wiederzugeben." Gleichzeitig solle der Verharmlosung und der Verklärung der DDR entgegengewirkt werden, sagt Neumann. Vor allem junge Menschen wüssten nicht, dass die DDR eine Diktatur gewesen sei, die ihren Bürgern fundamentale Rechte wie die Reisefreiheit vorenthalten habe.

Peter Fechter, von Grenzposten am 17.8.1962 niedergeschossen, lag 50 Minuten lang schwer verletzt an der Mauer, bevor er im Sterben weggetragen wurde (Foto: AP)

Peter Fechter, von DDR-Grenzposten 1962 niedergeschossen, lag 50 Minuten lang schwer verletzt an der Mauer, bevor er im Sterben weggetragen wurde

Die Historiker hätten erschütternde Fälle von exzessiver Gewaltanwendung durch Grenzsoldaten dokumentiert, sagt Professor Martin Sabrow, der Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam. "Es wurden ganze Salven abgeschossen auf wehrlose, ohnmächtige, sterbende, verblutende Menschen."

Lügen und vertuschen

Für den Historiker Hans-Hermann Hertle gehört der Umgang des SED-Regimes mit den Toten und ihren Angehörigen zu den bedrückendsten Ergebnissen der Untersuchung. Wurde ein DDR-Bürger bei einem Fluchtversuch erschossen, dann belogen Stasi-Mitarbeiter die Angehörigen häufig über die Todesursache. Sie erfanden einen Verkehrsunfall oder ein anderes tödliches Unglück und fälschten den Totenschein.

"Den Angehörigen wurde in der Regel verweigert, den Toten noch einmal zu sehen, stattdessen wurde ihnen ihr Einverständnis zu einer Einäscherung und Urnenbeisetzung schriftlich abgezwungen", sagt Hertle. Einigen Hinterbliebenen sei die Urne per Post zugestellt worden, in anderen Fällen habe die Stasi den Tod gänzlich geleugnet.

Wer der Grenze zu nahe kam, war in Lebensgefahr

Die Grenzanlagen in Berlin, hier am Checkpoint Charlie (Foto: Ullstein)

Tag und Nacht streng bewacht: Die Grenzanlagen in Berlin

Nicht alle 136 Todesopfer kamen bei einem Fluchtversuch ums Leben. Es wurden auch Menschen erschossen, die gar keine Fluchtabsicht hegten, weil sie aus Versehen der Grenze zu nahe kamen. Unter den Opfern sind mehrere Kinder – sie fielen beim Spielen in Westberlin in die Spree und ertranken, weil die Gewässer zur DDR gehörten und sich kein Retter aus dem Westen ihnen nähern durfte. Die Biographien von acht DDR-Grenzsoldaten, die durch Flüchtlinge oder Kameraden getötet wurden, sind ebenfalls dokumentiert.

Alle diese Todesfälle haben nach Ansicht der Historiker eines gemeinsam: Sie hängen unmittelbar mit dem DDR-Grenzregime zusammen. Dass andere Fachleute wesentlich höhere Opferzahlen vorlegen, irritiert das Forscherteam nicht. Die genaue Zahl ändere nichts an der Bewertung der DDR, der Streit darüber sei unwürdig und makaber.

Untersucht haben die Historiker allerdings nur die Todesfälle an der Berliner Mauer. Für die gesamte innerdeutsche Grenze steht die Aufarbeitung der Fluchtgeschichten 20 Jahre nach dem Fall der Mauer noch aus.

Autor: Nina Werkhäuser
Redaktion: Manfred Götzke

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