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Deutschland

Die Toten an der innerdeutschen Grenze

Die Opfer der Berliner Mauer sind weitestgehend erforscht. Anders sieht es bei der fast 1400 Kilometer langen innerdeutschen Grenze aus. Das soll sich mit Hilfe eines Dokumentations- und Forschungsprojekts ändern.

Am 13. August 1961 begann das kommunistische DDR-Regime mit dem Bau der Berliner Mauer. Sie war das Symbol der deutschen Teilung schlechthin. Weniger im Blickpunkt der Weltöffentlichkeit stand die lange Grenze zwischen dem geteilten Deutschland. Auch sie wurde scharf bewacht - und das schon viel früher. Denn politisch war das Land schon seit 1949 geteilt. Vier Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde im Westen die Bundesrepublik Deutschland (BRD) gegründet und im Osten die Deutsche Demokratische Republik (DDR), die im Widerspruch zu ihrem Namen eine kommunistische Diktatur war.

Schon 1952 gab es ein fünf Kilometer breites Sperrgebiet

Politisch und wirtschaftlich war der größere westliche Teilstaat von Beginn an erfolgreicher. Entsprechend stark war die Anziehungskraft, die er auf die Bevölkerung in der DDR ausübte. Täglich kehrten tausende Menschen ihrer Heimat den Rücken. Um den Aderlass zu unterbinden, errichtete die allein herrschende Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) 1952 ein fünf Kilometer breites Sperrgebiet. Die innerdeutsche Grenze erstreckte sich von der Ostsee bis zum Vogtland in Sachsen und war fast 1400 Kilometer lang. Wer sich in diesem streng bewachten Abschnitt bewegte, riskierte verhaftet oder im schlimmsten Fall getötet zu werden.

Der innerdeutsche Grenzübergang Herleshausen-Wartha im Jahre 1969.

Die innerdeutsche Grenze am Kontrollpunkt Herleshausen-Wartha im Jahre 1969

Wie viele Menschen bis zur Grenzöffnung 1989 mitten in Deutschland ums Leben kamen, wird jetzt vom Forschungsverbund SED-Staat der Freien Universität Berlin systematisch untersucht. Finanziert wird das Forschungs- und Dokumentationsprojekt von der Bundesregierung und drei Bundesländern, durch die knapp 41 Jahre lang eine innerdeutsche Grenze verlief. Natürlich gibt es schon seit langem Zahlen über Opfer des DDR-Grenzregimes. Aber sie stammen von unterschiedlichen Institutionen und sind teilweise umstritten.

Neumann: "Den Opfern ihre Würde wiedergeben"

Die nach der deutschen Einheit 1990 eingerichtete Zentrale Ermittlungsstelle für Regierungs- und Vereinigungskriminalität (ZERV) zählte bis zur Jahrtausendwende 248 Tote an der innerdeutschen Grenze. Die tatsächliche Zahl dürfte viel höher sein. Doch den Initiatoren des Projekts geht es nach den Worten des Staatsministers für Kultur und Medien, Bernd Neumann, vor allem um die Menschen hinter der nackten Statistik. Die Erforschung der einzelnen Schicksale soll den Opfern Namen und Gesicht und damit ihre Würde wiedergeben. "Ihre Biographien werden uns daran erinnern, wie brutal sich die SED-Diktatur und das unmenschliche Grenzregime auf die Menschen in Deutschland ausgewirkt haben", sagte Neumann bei der Präsentation des Projekts in der Berliner Mauer-Gedenkstätte Bernauer Straße. 

Staatsminister Bernd Neumann (Quelle: http://www.pragenturhamburg.de/opz/gedachtnis-der-nation/pressebilder)

Staatsminister Bernd Neumann

Die gesamten Ergebnisse sollen 2015 vorliegen. Am Ende wird es ein Totenbuch mit Kurzbiographien der Opfer geben. Als Vorbild dient die Erforschung der Opfer an der Berliner Mauer, die weitestgehend abgeschlossen ist. In der Bernauer Straße kann man zudem das "Fenster des Gedenkens" mit Namen und Bildern der Toten besuchen, das mitten auf dem ehemaligen Grenzstreifen steht.

Bedauern über fehlendes Engagement anderer Länder

Für das neue Projekt stehen zunächst 500.000 Euro zur Verfügung. Knapp drei Viertel stammen aus dem Etat des Staatsministers für Kultur und Medien, den Rest teilen sich Sachsen-Anhalt, Hessen und Niedersachsen. Der Kultusminister Sachsen-Anhalts, Stephan Dorgerloh, hätte sich über eine finanzielle Beteiligung aller Bundesländer gefreut, durch die einst die innerdeutsche Grenze verlief. Er ist aber auch froh, dass 22 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung das Schicksal jener Opfer des DDR-Grenzregimes stärker gewürdigt wird, die immer ein wenig im Schatten der Berliner Mauer-Toten standen.

Natürlich sei Berlin weltweit Symbol für die deutsche Teilung gewesen. Aber jetzt komme es darauf an, die innerdeutsche Grenze in den Mittelpunkt zu stellen, betont Dorgerloh. "Die war schon lange vor dem Bau der Berliner Mauer hermetisch abgeriegelt." In der Tat konnten sich die Menschen in Berlin bis zum Beginn des Mauerbaus am 13. August 1961 vergleichsweise frei bewegen.

Die innerdeutsche Grenze hingegen war zu diesem Zeitpunkt schon lange mit Stacheldrahtzaun und Militärposten abgesichert. Im Laufe der Zeit gelang es immer weniger Fluchtwilligen, die Sperranlagen zu überwinden. Für Grenzsoldaten galt der Schießbefehl, zudem hatte das DDR-Regime über eine Million Minen verlegt.

In Travemünde wurde eine Wasserleiche angeschwemmt

Projektleiter Klaus Schroeder. (Foto: Maurizio Gambarini / dpa)

Projektleiter Klaus Schroeder

Die Zahl der Fluchtversuche blieb trotzdem hoch. Projektleiter Klaus Schroeder von der Freien Universität weiß aus Unterlagen des Ministeriums für Staatssicherheit (Stasi), dass zum Beispiel im Zeitraum von 1974 bis 1979 knapp 5000 Menschen das Wagnis eingingen.

Nur 229 hätten es in den freien Westen geschafft. Knapp 100 seien entweder auf eine Mine getreten oder hätten Selbstschussanlagen ausgelöst. Über das weitere Schicksal der Flüchtlinge finden sich laut Schroeder in den Stasi-Akten keine Informationen.

Mit Hilfe des von ihm geleiteten Projekts mehr über die Opfer an der innerdeutschen Grenze zu erfahren, ist für Schroeder mehr als eine wissenschaftliche Herausforderung. Es sei eine persönliche Herzensangelegenheit, weil er in Travemünde in Sichtweite zur Grenze aufgewachsen sei, erzählt Schroeder. Die Grenze sei schon relativ früh abgeschottet worden – mit einem Zaun, bewaffneten Kräften und Hundestaffeln.  So wollten die DDR-Machthaber verhindern, dass Bürger ihres Landes über den Strand und über die See flüchten. Seine erste negative Erfahrung sei das Anschwemmen einer Wasserleiche gewesen, erinnert sich Projektleiter Schroeder. "Das konnten wir als Kinder überhaupt nicht begreifen."    

Am Ende ist ein Internetauftritt geplant

Vor allem für Jüngere ohne persönliche Erfahrungen mit der deutschen Teilung ist das Thema meistens nicht mehr als ein Kapitel im Geschichtsunterricht. Die tragische menschliche Dimension bleibt dabei oft eher abstrakt. Das Projekt soll künftig einen konkreten, in gewisser Weise sinnlichen Zugang zu den Opfern an der innerdeutschen Grenze ermöglichen. Geplant  ist ein Internetauftritt, in dem anhand von Einzelschicksalen die Geschichte der gescheiterten Fluchten erzählt werden soll, kündigte Projektleiter Schroeder an.

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