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Kultur

Zu Besuch bei deutschen "Indianern"

Deutsche sind fasziniert von den Stämmen der amerikanischen Ureinwohner. Der Kult geht über Karl Mays Indianermythos hinaus. In deutschen Wäldern pflegt man die Traditionen der Indianer, streng nach historischem Vorbild.

Ein eisiger Wind weht durch die Wälder, die das Zeltlager am Fluss umgeben. Hier haben sie ihre Tipis aufgebaut, sitzen am Lagerfeuer, kochen in gusseisernen Kesseln, spielen Volkslieder mit Trommeln, schnitzen und schmieden Speere und Pfeile. Fragt man sie nach der Uhrzeit, verweisen sie Richtung Himmel.

Wir befinden uns nicht, wie man nun denken könnte, bei einem Indianerstamm in Kanada oder den USA. Sondern in Kaltenbroich im Bergischen Land, einer Waldregion im Nordwesten Deutschlands. Hier zelten deutsche "Indianer". Das ist ihr Hobby. Die rund 30 Personen, die sich im Lager eingefunden haben, wollen trotz der Kälte, die an diesem Wochenende herrscht, ein paar Tage lang wie ein indigenes Volk leben. Ohne technische Geräte wie eine Uhr oder ein Handy.

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Volkslied mit Trommel

In Einklang mit der Natur

Ein paar Tage lang tauchen die Hobby-Indianer komplett in die Natur ein. Jedoch ist der Begriff "Indianer" zu weit gefasst. Um die Zelte tummeln sich Irokesen und Absarokee, heute bekannt als Crow. Die Irokesen sind Wald-Indianer und lebten im Nordosten Amerikas, die Crow hingegen sind Prärie-Indianer aus dem Nordwesten. In Bergisch Gladbach leben sie beide zusammen.    

Faszination Indianerkultur

Initiiert wurde das Lager von Alois Schülter. Er bezeichnet sich selbst als Trapper. Das waren Ortskundige, die in Nordamerika Pelztiere jagten und mit den indigenen Völkern befreundet waren. Schon als kleiner Junge spielte Schülter gerne Indianer. Dann entwickelte sich das zu einem exzessiven Hobby. Wenn die Mitglieder seines Vereins "Trappers Kaltenbroich" nicht zelten, fahren sie mit Kanus durch die Agger, die durch das Bergische Land fließt. Oder sie üben Bogenschießen in der "Ranch" - in diesem Fall sind das Schrebergärten, in denen Holzhütten zu Saloons umfunktioniert wurden und Zielscheiben auf Bäumen befestigt sind. "Ich habe einfach Spaß daran, mit der Natur verbunden zu sein und mit netten Leuten zusammenzukommen, die dieselbe Leidenschaft teilen", sagt Schülter.

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Kampfkunst der Irokesen

   

Das Hobby "Indianer" ist in Deutschland angesagt. Gerade in Waldregionen gibt es Vereine, die sich mit den verschiedenen indigenen Völkern befassen und deren Traditionen und Riten nachahmen. Jährlich strömen tausende Besucher zu den Karl-May Festspielen, die im westfälischen Sauerland oder in Sachsen in Ostdeutschland stattfinden. Bei den Festspielen werden Karl Mays berühmte Werke wie die Winnetou-Trilogie unter freiem Himmel inszeniert. Was fasziniert die Deutschen so sehr an den Indianern?

Demokratie der Irokesen

Verkleidete Hobby-Indianer Alois Schülter und Peter Brück (Foto: Ananda Grade)

Alois Schülter (l.) und Peter Brück sind erfahrene Hobby-Indianer

Peter Brück, der Stammesälteste der "Trappers Kaltenbroich" ist als Irokese mit traditioneller Festtagskleidung und perlenbestickter Kappe verkleidet. Er findet gerade die irokesische Kultur faszinierend, denn "von deren Demokratie können wir noch immer lernen, obwohl wir schon viel übernommen haben". Damit meint er die politische und soziale Ordnung der Irokesen: Es gab einen Stammesrat mit weiblichen und männlichen Familienoberhäuptern und war einer Art Bundesrat untergeordnet. Beschlüsse wurden unter den Ratsmitgliedern abgestimmt und konnten nur einstimmig gefasst werden.

Die Frauen hatten einen starken Einfluss auf die politische Ordnung ihrer Gemeinschaft. Peter Brück beschreibt das so: "Frauen hatten bei den Irokesen sehr viel zu sagen, sie haben bestimmt, wer im Rat saß und wer über das Volk entscheidet. Und wenn etwas nicht passte, wurde das von den Frauen abgesetzt."

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Irokesische Frauenmode

 

Indianer in Deutschland

Alois Schülter sieht den Ursprung seiner Begeisterung woanders: "Ich habe wahrscheinlich zu viele Westernromane gelesen", schmunzelt er. Das Indianerbild der Deutschen wurde stark von der Abenteuerliteratur wie Karl Mays Winnetou-Trilogie oder James Fenimore Coopers "Lederstrumpf"-Serie geprägt. Doch nicht nur über Bücher wurden die Deutschen auf die Ureinwohner Amerikas aufmerksam.

Es waren Stammesangehörige selbst, die Deutschland bereisten und ihre Kultur in Szene setzten: Ende des 19. Jahrhunderts begannen die Völkerschauen, an denen "echte Indianer" teilnahmen, vor allem die Lakota. Größtenteils nutzten sie es als Chance, ihren heruntergekommenen Reservaten zu entfliehen, durch Europa zu reisen und ihre Riten und Traditionen - wenn auch nur auf der Bühne - zu pflegen und andere Kulturen damit zu inspirieren. Einer dieser prominenten Lakotas liegt in Dresden begraben: Der Lakota-Häuptling Edward Two Two (gebürtiger Familienname Nupalla) machte in den Wildwest-Shows des Dresdner Zirkus Sarrasani Karriere und wurde auf eigenen Wunsch in Deutschland begraben.

Tipis in der Schneelandschaft

Indianerzelte in verschneiter Landschaft (Foto: Manfred Dasbach)

Auch vor Schnee und Kälte schrecken die Hobby-Indianer nicht zurück

Schülter und sein Verein schätzen die Kulturen der indigenen Völker. Ihr Kult geht über die Stereotype in Karl Mays Romanen hinaus. Spricht man die Vereinsmitglieder auf ihre Bekleidung, Trommelinstrumente oder Waffen an, können die Hobby-Indianer genau erklären, welche Traditionen zu welchem Indianerstamm gehören. Für die Tipis des Lagers entschuldigen sich die Irokesen-Hobbyisten sogleich: Ein Langhaus zu bauen wäre nicht möglich gewesen. Denn darin haben die Stämme der Irokesen zu mehreren Familien gelebt. Langhäuser waren komplexe Bauten aus Skelettgerüsten und Baumrindeplatten. Eine Baukunst, die in der Steinzeit im Rhein- und Siegerland bekannt war, heute jedoch nur noch historischen Architekten bekannt ist.

Doch auch der Aufbau der drei Meter hohen Tipis war nicht leicht - ausgerechnet am Tag des Lageraufbaus fiel Schnee. Die Hobby-Indinaner haben sich für das restliche Wochenende mit Lederkleidern und warmen Schurwolljacken ausgestattet. Sie blicken in den Himmel und sagen: "Uns macht das Wetter aber nichts aus."  

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