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Politik & Gesellschaft

Karl May lebt!

Er erfand Winnetou, den Indianer-Häuptling und dessen weißen Blutsbruder Old Shatterhand. Karl Mays Abenteuerromane und seine Reise-Erzählungen über den Orient begeistern ebenso wie seine eigene Biografie.

Blumensträuße stehen am Denkmal zu Ehren Karl Mays, dem berühmtesten Sohn der Stadt Hohenstein-Ernstthal in Sachsen. Er selbst hätte seine Büste wahrscheinlich mitten in der Prärie aufragen lassen, so hoch wie ein Marterpfahl, nun aber steht sein Abbild hier vor der Trinitatiskirche. Auch passend, denn Karl May war ein sehr frommer Mann.

Blumen vor dem Karl-May-Denkmal in Mays Geburtsstadt Hohenstein-Ernstthal. Copyright: DW/Karin Jäger 22.03.2012

Karl-May-Denkmal in Hohenstein-Ernstthal

Das Leben Carl Friedrich Mays, Sohn eines armen protestantischen Webers, spielte sich zunächst im überschaubaren Radius rund um die Kirche der Kleinstadt ab. Im ehemaligen Gasthaus, so steht es an der Wand von Haus Nummer 17 geschrieben, erbettelten sich die Mays Kartoffelschalen, um daraus eine Hunger stillende Suppe zu kochen. In der öffentlichen Bibliothek lieh er sich Bücher aus, die als Vorlage für seine Abenteuerromane dienten.

Weitere Stationen des frühen Lebens kann der Fan auf dem Karl-May-Wanderweg erkunden. Das Haus mit der Kegelbahn, wo der junge Carl Friedrich sich Mitte des 19. Jahrhunderts durch das Aufstellen der Kegel ein paar Münzen verdiente, wird gerade renoviert. Der Eigentümer will es den Karl-May-Fans zugänglich machen. Hier schnappte der Junge Erzählungen von Männern auf, die in Amerika waren. Geschichten, die seine eigene Fantasie beflügelten.

Lebensthema: Gut und Böse und das Streben nach Gerechtigkeit

Karl May geriet früh mit dem Gesetz in Konflikt. Wenn er wieder einmal wegen Diebstahls und Betrügereien von der Polizei gesucht wurde, versteckte er sich im Stollen nördlich der Stadt, heute Pilgerstätte für Anhänger des Autors. Die Karl-May-Höhle, in der Bergmänner ab dem 17. Jahrhundert Erz abbauten, ist vor allem eines: dunkel. Erhellender werden die Eindrücke, erkenntnisreicher die Dimensionen seines anfänglichen Lebens und späteren Schaffens, beim Besuch des Karl-May-Hauses.

André Neubert, Direktor des Karl-May-Hauses in Hohenstein-Ernstthal. Copyright: DW/Karin Jäger 22.03.2012

André Neubert lebt mit Karl May

Hier ist André Neubert der Häuptling, standesgemäß bekleidet mit Cowboy-Stiefeln und dem Bolotie, einer Cowboykrawatte. Der Museums-Chef erklärt auf breitestem Sächsisch, wie er unter Einsatz seines Lebens für den Erhalt des Kopfsteinpflasters vor Mays Geburtshaus kämpfte: "Ich habe die gewarnt, wenn die hier anrücken und Teer drauf schütten, werfe ich mich vor die Dampfwalze." So ist es zu erklären, dass vor dem grünen Haus die Autos abbremsen, weil der holprige Straßenbelag sie dazu zwingt.

Für Neubert steht fest: Karl May lebt! Und wie er lebt, zeigt die gleichnamige Ausstellung im Karl-May-Haus.

Blick auf das Geburtshaus von Karl May, aufgenommen am 08.02.2012 in Hohenstein-Ernstthal. Am 25. Februar jährt sich sein Geburtstag zum 170. Mal, sein Todestag fünf Wochen später zum 100. Mal. (Foto: dpa)

Karl-May-Geburtshaus (grün)

In dem nur 4 Meter 25 schmalen Gebäude wurde der Schriftsteller am 25. Februar 1842 geboren. Museumsleiter Neubert steigt die knarrzenden Stufen der engen Wendeltreppe empor und zeigt Besuchern gern die überschaubare Stube mit dem Webstuhl. Hier ging Vater May seiner Arbeit nach während die Mutter sich um die Kinder kümmerte. Neubert hat Karl-May-Bilder, -Filme und -Bücher zusammengetragen, aber auch Dokumentationen über den Romanautor. "Hinz und Kunz beschäftigt sich mit diesem außergewöhnlichen Knaben", staunt Neubert immer noch beim Anblick der Vitrinen.

Der Nachlass Karl Mays umfasst mehr als Texte

Mays Sammelleidenschaft ist es zu verdanken, dass viele Dokumente im Original noch erhalten sind, auch wenn Mays zweite Frau Klara viele Zeugnisse seiner kriminellen Vergangenheit vernichtet hat. "Sie hat es gut gemeint, aber schlecht gemacht", bedauert der Historiker André Neubert. Auf großen Wandtafeln wird die Anzahl der Länder veranschaulicht, in denen Mays Bücher gelesen werden, insgesamt 200 Millionen Bände wurden verkauft. Allein die unterschiedlichen und farbenreichen Illustrationen der Buchtitel in mehr als 40 Sprachen, in die May übersetzt wurde, lohnen den Besuch.

Erst einmal vergessen  - Die DDR und Karl May

Auswahl von Büchern, die über Karl May geschrieben wurden, ausgestellt im Karl-May-Haus in Hohenstein-Ernstthal. Copyright: DW/Karin Jäger 22.03.2012

Bücher über Karl May

Karl May lebte in Orten auf dem Gebiet der späteren Deutschen Demokratischen Republik, wo alles, was mit dem Westen oder Freiheit in Verbindung stand, verpönt war. So auch Mays Werke, denn sie vermittelten fundierte völkerkundliche Kenntnisse und führten so manch DDR-Bürger an Schauplätze der Abenteuer. Die allerdings lagen allesamt im nichtsozialistischen Ausland, die das Regime nicht gestattete, sie zu besuchen. Auch May schrieb die meisten seiner Titel über den Wilden Westen, ohne die Gebiete bereist zu haben. Sein fundiertes Wissen hatte er aus Büchern bezogen. In der DDR waren Karl-May-Romane offiziell nicht verboten. Es gab sie einfach nicht zu kaufen, im Gegensatz zu den Schriften des Kommunismus-Erfinders Karl Marx. "Dabei kann man beide durchaus vergleichen. Beide haben über Dinge geschrieben, die sie nie erlebt haben", lacht André Neubert verschmitzt. Der Karl-May-Haus-Chef hatte Glück, er erbte von seinem Onkel dessen einziges Buch. Es war noch vor dem Zweiten Weltkrieg aufgelegt worden.

Zwölf Jahre alt war Neubert damals als er vom Karl-May-Virus infiziert wurde und auf Jagd nach neuen Büchern ging, die nur unter der Hand zu kriegen waren. "Es waren zerlesene Schwarten, aber ich habe mich in die Abenteuer von Winnetou, Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi hinein begeben, und irgendwann wollte ich wissen, was ist das für eine Type, der solche Literatur geschrieben hat." Und dann merkte Neubert, dass das Leben Karl Mays noch interessanter war als die Abenteuer von Winnetou und Old Shatterhand.

Fantastisch, lehrreich und wertvoll

Neubert studierte Geschichte, eben auch wegen der "hochinteressanten Persönlichkeit", über die er tagelang erzählen könnte: "Er war ein Spinner, ein genialer Spinner".

Durch das Studium der Vita Karl Mays der Jahre 1842 bis 1912 habe er viel über einen bewegenden Abschnitt deutscher Geschichte gelernt, erzählt Neubert, über die Industrialisierung und die Revolution. Und May durchlebte alle Höhen und Tiefen des Lebens. Arm geboren, kriminell geworden, siebeneinhalb Jahre in Haft, entwickelte er sich, Dank seiner Persönlichkeit, zum kreativen und wohlhabenden Schriftsteller, der sich Reisen in ferne Länder leisten konnte. In die USA kam er jedoch erst nachdem er seine Winnetou-Erzählungen verfasst hatte.

Von der Zensur befreit

Immerhin setzte bei den DDR-Machthabern in den 1980er Jahren ein Umdenken ein, was das Kulturerbe Ostdeutschlands angeht, zu denen auch die Werke Karl Mays zählen. Im Juli 1982 kamen in der Deutschen Demokratischen Republik die ersten Bände auf den Markt in einer Auflage von 250.000 Stück pro Band. Die waren innerhalb von 24 Stunden vergriffen. Das Geburtshaus steht  dem Publikum seit 1985 offen.

Der Wilde Westen im Osten Deutschlands

Villa Bärenfett im Garten des Karl-May-Museums. Copyright: Karl May Museum Radebeul 22.03.2012

Villa Bärenfett

Auch an anderen Orten in Sachsen wird die Erinnerung an Karl May wachgehalten. Eine Ausstellung über Indianer findet sich in der "Villa Bärenfett", die 1926 im Garten des May´schen Anwesens in Radebeul bei Dresden erbaut wurde. Das Holzblockhaus beherbergt eine der bedeutendsten Sammlungen über Leben und Leiden der Indianer in Nordamerika. Der Besucher erfährt viel über Kleidung, Handwerk und den aussichtslosen Kampf gegen den weißen Mann. Die "Villa Bärenfett", seit 1928 geöffnet, hieß in der DDR allerdings Indianermuseum.

Im Wohnhaus Karl Mays, der Villa "Shatterhand" sind die berühmten Gewehre aus den Romanen ausgestellt: Silberbüchse, Henrystutzen und Bärentöter. May, der bis zu seinem Tod hier lebte und arbeitete, hatte sie anfertigen lassen. Die Räume sind mit original Mobiliar eingerichtet.

Prärieindianer-Familie, ausgestellt im Karl-May-Museum. Foto: Karl May Museum Radebeul

Prärie-Indianer in Radebeul

Vorbild Winnetou

Das DDR-Regime stand Karl May ablehnend gegenüber. Die sozialistische Führung hatte ihn schlicht nicht gelesen, erzählt Museumsdirektor René Wagner. Außerdem galt er als Lieblingsautor Adolf Hitlers, und der christliche Pazifismus Mays passte auch nicht in die Erziehungskultur der Staatsführung.

René Wagner, Direktor des Karl May Museums, in Radebeul. Copyright: DW/Karin Jäger 22.03.2012

Karl-May-Fan René Wagner

Auch Wagner ist bekennender Wild-West-Fan. Er trägt eine Krawatte mit reitenden Indianern und Cowboys und Silberringe mit Türkissteinen. "Die Indianer gehörten zur unterdrückten Schicht der Völker in den Vereinigten Staaten. Im Kampf gegen den Anti-Imperialismus schlugen sich die DDR-Oberen schließlich auf die Seite der Schwachen. Wir als Leser haben ein festgefügtes Bild erhalten von Amerika, dem Orient, von Orten, die wir nie bereisen durften, und wir wollten alle sein wie der edelste aller Indianer, Winnetou." Auf die Frage, ob Harry Potter die Jugend nicht mehr begeistert als die Romanhelden Karl Mays, schüttelt René Wagner den Kopf. "Wer durch Harry Potter lesen lernt und Gefallen an der Art des Schreibens findet, der wird irgendwann auch bei Winnetou und Old Shatterhand landen. Denn Harry Potter muss erst einmal nachmachen, was den beiden Blutsbrüdern gelang, nämlich 100 Jahre im Bewusstsein zu bleiben."

5m hohes Familiengrabmal Karl Mays, einem griechischen Tempel nachempfunden, auf dem Friedhof Radebeul-Ost.. Copyright: DW/Karin Jäger 22.03.2012

Karl Mays ewige Jagdgründe

May-Fans wie René Wagner werden sich darum bemühen: Auf dem Anwesen des Schriftstellers ist der Neubau eines Besucherzentrums geplant. Auf dem Erlebnispfad können Kinder sich bald austoben und in einem museumspädgogischen Zentrum vieles Lernen über Leben und Kultur der Indianer. Karl May hätte wohl mit einem indianischen "Hau" sein Einverständnis erklärt.

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