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Musik

Youn: "Gott hat mir geholfen"

Samuel Youn übernahm in Bayreuth kurzfristig die Titelrolle im "Fliegenden Holländer". Er war als Zweitbesetzung für Evgeny Nikitin vorgesehen; dass daraus ein Vollzeitjob werden würde, hat er sich nicht träumen lassen.

DW: Wie fühlen Sie sich nach diesem außergewöhnlichen Debüt in Bayreuth?

Samuel Youn: Ich bin selber ganz überrascht, dass ich diese Aufgabe erfüllen konnte und auch noch Erfolg dabei hatte; ich bin überglücklich.

Es gibt immer wieder Geschichten von Leuten, die im letzten Augenblick für einen Star einspringen mussten – und oftmals war das das Sprungbrett für eine größere Karriere.

Samuel Youn blickt durch die Tür einer Probenbühne Foto: David Ebener dpa/lby +++(c) dpa - Bildfunk

Youn erfuhr erst kurz vor der Generalprobe von seinem Einsatz

Ich bin schon zufrieden, dass ich eine solche Gelegenheit in meinem Leben überhaupt bekommen habe. Das war meine erste derartig große Chance. Ich stand plötzlich weltweit im Mittelpunkt, alle wollten mich sehen und hören. Man hat viel von mir erwartet, natürlich hochwertigen Gesang, aber vor allem auch, dass ich nach dem Eklat die schwierige Situation rette. Für mich stand in dem Moment erst mal gar nicht meine Karriere im Vordergrund, sondern ich wollte die Aufführung retten. Das war meine wichtigste Aufgabe.

Es gibt immer einen, der in den Startlöchern steht, um für die Hauptrolle einzuspringen, wenn die erste Besetzung ausfällt. Aber in hundert Fällen kommt das höchstens ein- oder zweimal vor. Sind Sie mit der Vorstellung nach Bayreuth gegangen, dass so etwas vielleicht passieren kann?

Ich habe das erst vier Stunden vor der Generalprobe erfahren. Bis dahin war mir überhaupt nicht der Gedanke gekommen, dass ich eventuell einspringen muss. Obwohl ich als Zweitbesetzung natürlich vorbereitet war. Ich habe mir dann sofort die Noten geschnappt und nachgeguckt, ob ich alles richtig gelernt hatte, aber viel Zeit hatte ich nicht. Es ging alles so schnell. Ich musste in die Kostümabteilung, dann in die Maske, die Zeit verging wie im Flug. Und dann hatte ich gerade mal zwei Stunden, um mit dem Dirigenten Christian Thielemann zu proben – der natürlich höchsten Wert auf gute Musik legt. Das alles war wirklich eine Blitzaktion.

Es klingt so, als ob Sie gar keine Zeit gehabt hätten, Panik zu kriegen...

Nein, überhaupt nicht. Es war zunächst natürlich ein Schock, aber es ging alles so schnell. Erst am Ende der Generalprobe habe ich realisiert, was eigentlich passiert ist. Und dann konnte ich zwei Tage lang nicht richtig einschlafen, und auch vor der Premiere habe ich höchstens drei, vier Stunden geschlafen. Ich weiß nicht, ob das Nervosität war, aber so kurzfristig rechnet man einfach nicht mit so einer Aufgabe – obwohl das natürlich eine Riesenchance war.

Szene aus Der fliegende Holländer Foto: Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath.

Eine Liebe ohne Happyend: Senta und der Fliegende Holländer

Die Rolle des Fliegenden Holländers war Ihnen ja vertraut. Aber was haben Sie getan, um in der kurzen Vorlaufzeit sowohl musikalisch als auch charakterlich seine Gestalt verkörpern zu können?

Wenn ich eine Rolle übernehme, bin ich sowohl Sänger als auch Schauspieler. Wenn man sich nur auf die Stimme konzentriert, schafft man es nicht, so einen vielschichtigen und schwierigen Charakter wie den Holländer auszufüllen. Ich habe mich sehr darauf konzentriert, diesen tief sitzenden Schmerz nicht nur stimmlich, sondern auch darstellerisch rüberzubringen. Man muss schon fast philosophisch an die Rolle rangehen, es war eine wirklich große Aufgabe.

Wo bekommen Sie die Kraft für die doch sehr anstrengenden Auftritte her? Liegt das in den Genen, essen Sie etwas Besonderes zum Frühstück oder meditieren Sie?

Ich bin sehr gläubig. Ich habe auch nach der Premiere mehrmals gesagt, dass ich es allein nicht geschafft hätte. Gott hat mir geholfen, er stand mir die ganze Zeit zur Seite, und ohne seine Kraft hätte ich es nicht geschafft. Ich bin sehr glücklich, dass ich auch so schwierige Situationen meistern kann, weil mich Gott unterstützt. Ich bin evangelisch, und ich sage den Leuten immer, ich habe eine Aufgabe, und das ist nicht nur, auf der Bühne zu stehen und zu singen. Ich habe die Chance bekommen, in Bayreuth zu singen, aber Gott hat mir auch gezeigt, was ich daraus machen soll: nämlich andere Leuten zu unterstützen, die Hilfe brauchen.

Blitzlichtgewitter in Bayreuth Photo: Marc Müller dpa/lby +++(c) dpa - Bildfunk+++

Im Fokus der Medien

Sehen Sie, ich habe ganz klein angefangen. Es stimmt nicht, dass ich von jetzt auf gleich groß rausgekommen und ganz plötzlich zum Holländer geworden bin. Nein, ich habe die Partie schon in Köln gesungen, bin in Paris, in der Mailänder Scala und an der Oper Berlin aufgetreten. Und es ist mir wichtig zu betonen, dass ich nicht nur für mich singe, sondern um den Menschen etwas zu geben. Ich bin mehr als nur der Holländer; ich will die Leute motivieren, wieder auf die Beine zu kommen.

Das klingt ein bisschen so, als ob Sie hoffen und wünschen, dass etwas von Ihrer Stärke durch die Musik vermittelbar ist, und dass das Publikum im Zuschauerraum diese Energie auffängt.

Das stimmt schon. Aber meine Energie kommt nicht von allein. Vor der Vorstellung ist man hochkonzentriert; der eine denkt an Noten, der andere an Textpassagen. Ich bete, dass ich nicht nervös werde, und Gott gibt mir Kraft. Natürlich habe ich lange Gesang studiert, aber das reicht nicht. Was ich in der Premiere gezeigt habe, kommt nicht nur von mir allein.

Sie haben in Italien studiert. Ist es da naheliegend, an den Belcanto-Gesangsstil zu denken?

Auf jeden Fall, wobei die Ausbildung in Mailand nicht ganz einfach war. Es lernen viele Ausländer dort. Als ich 1994 anfing, studierten dort allein 3000 Koreaner Gesang. Einer davon war ich. Man wurde immer angehalten, an Wettbewerben teilzunehmen und an Masterkurse teilzunehmen, aber es gab nie irgendeine Bestätigung dafür. Vier Jahre lang hab ich das mitgemacht, und beim allerletzten Wettbewerb, an dem ich teilnahm - "Toti dal Monte" Treviso - , hat die ehemalige Operndirektorin von Köln meine Stimme gehört und mich nach Deutschland geholt. Seitdem bin ich hier.

Was hat es mit den Koreanern auf sich? Allein in Bayreuth werden zwei Hauptrollen von Koreanern gesungen. Es gibt in der westlichen Welt kein Orchester, das ohne Koreaner auskommt, zahlreiche Solisten kommen aus Korea. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Youn als Der fliegende Holländer, dpa/lby Foto: Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath.

Youn als "Der fliegende Holländer"

Viele denken, wir hätten ein Geheimnis. Was stimmt, ist: Wir arbeiten mehr als die Deutschen oder die Europäer im Allgemeinen. Das liegt daran, dass unsere Sprache ganz anders ist und wir uns zwei- bis dreimal so lange mit den deutschen oder italienischen Texten auseinandersetzen müssen. Es geht nicht nur darum, die Stimme zu hören; das Publikum muss auch den Text verstehen. Und auch die traditionelle koreanische Musik klingt ganz anders, so dass wir uns mit der westlichen Musik ebenso intensiv auseinandersetzen müssen. Es ist also alles die Frucht harter Arbeit.

Sie sprachen von Aspekten des Glaubens. Wir haben mit der Figur des Fliegenden Holländers einen Untoten, der nach Erlösung sucht. Die Geschichte hat christliche Elemente und dann auch wieder nicht. Der Holländer ist in einer Welt gefangen, der man nicht entfliehen kann. Was können Sie mit diesem Themenkomplex anfangen?

Die einzige christliche Rolle, die ich bisher verkörpert habe, war Johanna in "Salome". Ich war damals sehr glücklich darüber, dass alle Gesangstexte aus der Bibel stammen. Beim Holländer sieht das schon ganz anders aus; es ist die Tragödie eines Mannes, der nur alle sieben Jahre einmal auf die Erde kommen kann, um eine Frau zu finden, die ihn wirklich liebt und von seinem Fluch erlöst. Mit dem wahren Leben hat diese Geschichte natürlich nichts zu tun. Obwohl die Figur sehr unglücklich angelegt ist und viele Schmerzen erdulden muss, erlebt sie auch Momente der Freude. Jeder hat eine andere Art, den Holländer dazustellen. Ich bin bei der Premiere zwar der Vorstellung des Regisseurs nahe gekommen, bin dabei aber trotzdem Samuel Youn geblieben. Ich will eine Figur nicht nur nachmachen, dann wird sie austauschbar. Samuel muss immer präsent bleiben. Das ist mein Ziel.

Samuel Youn ist kein Neuling bei den Bayreuther Festspielen; seit 2005 hat er schon mehrmals kleinere Rollen in "Parsifal", "Tannhäuser" und "Lohengrin" gesungen. Der Bassbariton studierte Gesang in Seoul, Mailand und an der Musikhochschule Köln und gab sein Operndebüt als MEFISTOLE in "Faust" am Teatro Comunale di Treviso in Italien. Seit 1999 ist der Südkoreaner festes Mitglied im Ensemble der Oper Köln.

Das Gespräch führte Rick Fulker

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