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Musik

Gloger : "Wie die Jungfrau zum Kinde"/ Teil 1

Jan Philipp Gloger ist mit 30 Jahren der jüngste Regie-Debütant bei den Bayreuther Festspielen. Von Haus aus Schauspielregisseur hat er erst zweimal eine Oper inszeniert. Die DW sprach mit dem Wagner-Neuling.

DW: Herr Gloger, mit dem "Fliegenden Holländer" inszenieren Sie ihr erstes Wagner-Werk - und das gleich auf dem Grünen Hügel. Wie sind Sie zu dem Engagement gekommen?

Jan Philipp Gloger: Wie die Jungfrau zum Kinde: Ich bin einfach angerufen und gefragt worden. Ich habe mir eine Bedenkfrist erbeten, nachdem mir die Kinnlade natürlich erst runtergekippt ist: dritte Operninszenierung und gleich in Bayreuth! Ich habe mich dann zwei Wochen mit dem Stück beschäftigt, habe Gespräche mit der Festspielleitung geführt, was sie an mir und meiner Arbeit interessiert und habe dann angenommen.

Für jeden Opernregisseur, erfahren oder nicht, ist es etwas ganz Besonderes, in Bayreuth zu inszenieren. Gab es hier etwas, was Sie komplett überrascht hat?

[Festspielhaus in Bayreuth (Oberfranken). Foto: Daniel Karmann dpa/lby +++(c) dpa - Bildfunk+++

Der Traum jedes Regisseurs: eine Inszenierung auf dem Grünen Hügel

Ich habe unterschätzt, dass Bayreuth kein Opernhaus im konventionellen Sinne ist, sondern dass es nur zur Festspielzeit besetzt ist. Das heißt, der ganze Laden funktioniert nur, wenn man ganz genau reißbrettartig planen kann. Das ist etwas, was in der Vorbereitungszeit hart war, auch jetzt während der Proben. Positiv überrascht hat mich die viel beschworene Atmosphäre eines geschützten Ortes, weit weg von allem anderen. Die Leute können nicht mal schnell nach Hause. Man ist isoliert, und das ist für eine konzentrierte Arbeit gar nicht schlecht.


Die Geschichte vom "Fliegenden Holländer" ist recht banal: Er hat die Senta noch nie gesehen und will sie heiraten, sie kennt ihn nur vom Bild und schwört ihm gleich ewige Treue. Was hat Sie daran interessiert?

Ich finde die Geschichte gar nicht banal. Es ist eine ganz spezielle Liebesgeschichte. Daneben haben mich die beiden Welten interessiert, aus denen Senta und der Holländer kommen. Der Holländer ist immer unterwegs, in ständiger Bewegung, zu Rastlosigkeit und Heimatlosigkeit verbannt. Ich sehe eine Verbindung zu unserer heutigen Zeit, in der den Menschen immer mehr Flexibilität und Mobilität abgefordert wird. Für mich ist der Holländer ein ruheloser Reisender - einer, der in einer selbstausbeuterischen Arbeitswelt lebt. In dieser Rastlosigkeit gibt es die große Sehnsucht nach der Ruhe "aus den Stürmen des Lebens", wie Wagner die Essenz des "Holländers" ganz allgemein formulierte.

Der Fliegenden Holländer (Foto: Alexey Danichev/RIA Novosti)

Proben zum "Fliegenden Holländer"

Senta wiederum leidet auch unter ihrer Welt in der Spinnstube ihres Vaters Daland. Da gilt das Motto, das ihre Amme bringt: "Mein liebes Kind, wenn du nicht spinnst, so, Schatz, du kein Geschenk gewinnst." Senta ist ökonomischen, profitablen Gesetzmäßigkeiten unterworfen, die bis in die persönlichen Beziehungen reichen.

Zwei Leute, die aus zwei Welten kommen, in denen der Umgang mit Gefühlen und mit der Liebe "durchökonomisiert" ist. Und jetzt versuchen die beiden, gemeinsam aus diesen Welten zu entkommen. Eine Liebe mit utopischem Gehalt, die aufgeladen ist vom dem Versuch, ein besseres Leben zu führen. Ein Versuch, der dann ein großes Projekt ist, das möglicherweise scheitert, möglicherweise Erfolg hat, möglicherweise in Teilen oder in imaginären Sphären realisiert wird. Das wird man am Ende der Inszenierung dann sehen, wie das ausgehen wird.

Sie sind der Neuling in Bayreuth, im Orchestergraben steht dafür ein alter Hase. Haben Sie vom Dirigenten Christian Thielemann profitieren können?

Christian Thielemann und der ehemalige Festspielleiter Wolfgang Wagner 2002 (Foto: dpa/lby)

Christian Thielemann arbeitete schon mit Wolfgang Wagner zusammen

Ja, er ist ein unglaublich guter Partner. Er war oft bei den Bühnenproben dabei. Das war auch meine Bitte. Er gibt den Sängern ein Gefühl der Sicherheit, sorgt aber allein durch seine Anwesenheit auch für eine ungeheure Spannung. Er ist jemand, der zwar eine sehr genaue musikalische Vorstellung hat, aber es gab immer wieder Gespräche darüber, wie man diese dann realisiert. Auch wenn wir beide dem Wesen nach keine kompromissbereiten Menschen sind, wissen wir, dass man manchmal darüber reden muss.

Was möchten Sie mit dieser Arbeit erreichen?

Ich erwarte mir von der Inszenierung, was ich erst mal von allen Inszenierungen erwarte: dass die Zuschauer sensibilisiert werden für die Welt, in der sie leben und dass man menschliche Vorgänge genauer versteht und beobachten kann. Ich glaube auch, dass meine Arbeit zum Nachdenken darüber einladen kann, in welcher Welt wir leben. Man sollte darüber nachdenken, ob Widerstand in dieser Welt möglich sein kann. Am Schluss wird man sehen.

Beim "Fliegenden Holländer" gibt es zwei mögliche Schlussvarianten: einen Erlösungsschluss und einen harten Schluss. Welcher gespielt wird? Das verraten wir natürlich nicht. Aber man wird am Ende möglicherweise mit der Frage rausgehen, ob Widerstand überhaupt möglich ist. Gerade wenn man Widerstand leistet oder leisten will, schnappt das System oft zu, saugt diesen Widerstand auf und macht ihn nutzbar. Insoweit kann man mit dieser Geschichte, die ursprünglich im archaischen Norwegen angesiedelt ist, noch heute überzeugen.

Das Interview führte Hans-Christoph von Bock

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