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Musik

Gloger: "Dezente Heutigkeit"/ Teil 2

Jan Philipp Gloger, Regie-Debütant bei den Richard Wagner Festspielen in Bayreuth, übersetzte die Geschichte vom verfluchten Seefahrer und einer erlösungswilligen Frau in moderne Bilder und Handlungen.

Im zweiten Teil unseres Interviews dreht sich alles um Glogers Neuinszenierung und seine Sicht auf Wagners "fliegenden Holländer".

DW: Wie bringt man eine Spinnstube, ein Segelschiff und die Figuren, die Sie beschrieben haben, so auf die Bühne, dass es auch heute noch glaubwürdig erscheint?

Jan Philipp Gloger: Wir haben uns für eine "dezente Heutigkeit" entschieden. Der Holländer beispielweise: Er ritzt sich in den Arm und kann nicht bluten. Er ist ewig unterwegs und kann nicht sterben, nie zur Ruhe kommen. Aber dann, während des Liebesduetts, fängt er auf einmal an zu bluten. Wir sehen einen Menschen, der im Grunde mit dem Leiden auch die Liebe wiederfindet, zumindest für einen Moment.

Szene aus Der fliegende Holländer . dpa/lby Foto: Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath

Senta und dem Holländer ist kein ewiges Liebesglück beschieden

Bei Wagner ist die Musik gestisch komponiert. Das heißt, die Musik erzählt ständig, was passiert. Was genau auf der Bühne passieren soll, ist von Wagner zum Teil ausformuliert, man kann es in der Partitur nachlesen. Ich habe mir aber teilweise erlaubt, das in Bilder zu übersetzen, die unserer Welt vertraut sind.

Die Figur Erik ist beispielsweise kein Jäger, sondern ein Hausmeister. Er hat eine Außenseiterrolle und feiert sein Leiden auf pseudo-revolutionäre und narzisstische Weise zugleich. Wenn er sagt: "Ach willst du – du verdirbst mich ganz", so nimmt er ein Teppichmesser, reicht es der Angebeteten und sagt: "Bring mich um". Ein typisches Bild für eine verzweifelte Figur, die zum nächstbesten Gegenstand greift. Oft suche ich diese Mischung aus dem, wo man schmunzeln muss und dem, was einem leid tut.

Sentas Spinnstube hat in Ihrer Version keine Spinnräder…

Nein, wir haben es übersetzt. Wo "Summ’, gutes Rädchen" gesungen wird, haben wir gesagt: Finden wir etwas Unwichtiges mit Rädern, denn das ist banale Arbeit. So haben wir eine Ventilatoren-Fabrik erfunden. Eben ein Fließband, auf dem die Chorsängerinnen die Ventilatoren drehen, weiterreichen und verpacken. "Brumm'! Summ'! Gutes Rädchen!"

Szenenbild Der fliegende Holländer, Juli 2012; Copyright: Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath***

In der Ventilatorenfabrik brummen die Räder

Bei Wagner klingt das schon possierlich. Es ist leicht zu erkennen, warum Senta diese Welt banal findet. Die Mädels in der Stube haben Spaß und gehen auf in dieser Arbeit. Das macht Senta nur noch aggressiver. Sie nimmt dann Verpackungsmaterialien und fängt an zu basteln und daraus Kunst zu machen – unter anderem eine kleine Holländer-Skulptur. Später steht der echte Holländer vor ihr. Eine Skulptur, die irgendwann zum Leben erwacht.

Senta bricht also aus dieser Fabrikwelt aus, indem sie kreativ wird?

Genau das passt zu Richard Wagner, der von der Erlösung des nützlichen Menschen schreibt und in der Zukunft den künstlerischen Menschen sieht. Es geht also darum, Senta aktiv zu machen. Sie hat eine - wenn auch diffuse - Vision, ist also keine passive Träumerin. Mit diesem Ansatz versuche ich, die klischeehaften Seiten dieser Geschichte aufzulösen und produktiv zu machen.

Der Holländer und Senta wollen heiraten, die Hochzeit ist verkündet; warum klappt es dann doch nicht?

- Der fliegende Holländer, Probenfoto von Juli 2012: Samuel Youn (Holländer).dpa/lby Foto: Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath. +++(c) dpa - Bildfunk+++

Der fliegende Holländer im zeitgenössischen Outfit

Erik kommt und singt von der Treue, die ihm Senta geschworen haben soll, aber das ist wohl lange her und Senta selbst bezweifelt das. Dann sagt der Holländer sofort: "Verloren, ach verloren…" Es ist aber keine Eifersuchts-Dreiergeschichte. Der Holländer ist offenbar extrem gefühlsskeptisch, vielleicht zu distanziert zu seinen eigenen Gefühlen. Von so einem kleinen Stein kommt die Lawine ins rollen. Bei uns steht der Holländer mit einem zerbrochenen Kunstgegenstand auf der Bühne. Zuvor hat der Chor in einer groß choreographierten Aktion die ganze Kunst- und Fantasiewelt abgeräumt. Kein Platz für Kunst in dieser Welt! Dann öffnet sich der Raum. Es wird klar: Die Welt der Profitsteigerung, des ständigen Reisens und Unterwegsseins zieht den Holländer wieder zurück auf sein Geisterschiff.

Was ist Senta für eine Figur? Ist sie eine Borderline-Schizophrene?

Nein, für mich ist sie keine kranke Figur. Sie leidet einfach in dieser Welt. Ihr Vater denkt, er könne sie mal eben verkaufen. Sie funktioniert aber ganz anders. Sie sucht einen Raum für Fantasie und für Emotionalität fernab der Fliessbandarbeit. Diese Skulpturen, die Senta macht, sind keine Basteleien einer Kranken, sondern erschaffen eine Parallelwelt, in der so viel Fantasie steckt, dass die Welt damit verändert werden könnte. Sie hat ein unglaubliches Mitteilungsbedürfnis, sonst würde sie nicht die berühmte "Ballade der Senta" singen. Man traut ihr und dem Holländer zumindest einen Moment lang zu, dass sie die Welt um sich herum verändern können.

Das Interview führte Hans Christoph von Bock

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