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Kultur

"Wir lassen uns den Mund nicht verbieten!"

Wie weit darf Satire gehen? Nach den Pariser Anschlägen beschäftigt diese Frage auch die Organisatoren der Rosenmontagsumzüge. Die Kölner haben ihre Karnevalsidee zum Thema "Je suis Charlie" schon bekannt gegeben.

"Die waren mutig", sagt Wagenbauer Jacques Tilly und meint die Zeichner der Satirezeitschrift "Charlie Hebdo", die bei den Terroranschlägen in Paris ums Leben gekommen sind. Über seinem Schreibtisch hängt ein Zeitungsausschnitt mit einer Karikatur und den Fotos der Ermordeten. Darüber die Entwürfe für die Motivwagen zum Rosenmontagszug.

Der Düsseldorfer Wagenbauer Jacques Tilly in seinem Büro (Foto: DW/Gaby Reucher)

Wagenbauer Jacques Tilly in seiner Denkfabrik

"Als ich von den Anschlägen erfahren habe, habe ich mich erst mal hingesetzt und gedacht, was bedeutet das für Europa und was bedeutet das für Satire und Humor hier bei uns im Karneval. Dieses Attentat ist sehr nah an unserer Arbeit dran." Mit seinem Team hat Jacques Tilly gleich überlegt, wie man diesen Angriff auf die Meinungsfreiheit im Karneval thematisieren kann. Das Ergebnis ist allerdings bis Rosenmontag noch streng geheim.

"Je suis Charlie" im Wettbewerb

In Köln ist man da offener. Seit jeher ruft das Festkomitee Kölner Karneval die Bürger dazu auf, Themen zu nennen, die ihnen unter den Nägeln brennen. Einiges davon findet sich dann als Pappfiguren-Szenerie auf den Motivwagen wieder. Nach den Anschlägen auf die Pariser Satirezeitschrift hat das Komitee beschlossen, einen Wettbewerb auszurufen. 14 Entwürfe zum Thema "Je suis Charlie" kamen in die engere Auswahl und wurden auf Facebook gepostet. Den Gewinner haben die User gekürt. Der Entwurf zeigt einen Zeichner mit roter Pappnase, der seinen Stift in den Lauf des Gewehrs eines Attentäters steckt.

Das Motiv sei ganz im Sinne des Kölner Karnevals, sagt Zugleiter Christoph Kuckelkorn. Im Rosenmontagszug mache man immer wieder auf politische und gesellschaftliche Missstände aufmerksam. "Dass dies geht, ohne Menschen bloßzustellen oder gar ihre religiösen Gefühle anzugreifen, zeigt der von den Facebook-Nutzern ausgewählte Wagen vorbildlich", betont der Karnevalist. Die Kölner wollen mit ihren Motiven weder Religionen noch Menschen verletzen. Natürlich können sich Menschen, die durch den Kakao gezogen werden, trotzdem verletzt fühlen. "Religion ist halt Menschenwerk, und Menschenwerk ist fehlbar und deshalb eben auch ein natürliches Opfer der Satire, und da werden auch keine Unterschiede gemacht", sagt Jacques Tilly für das Comitee Düsseldorfer Carneval.

Angst nein, Vorsicht ja

Dennoch sind sich die Karnevalsorganisatoren der großen Umzüge in Köln, Mainz und Düsseldorf einig: Es geht darum, das Fehlverhalten von Menschen zu kritisieren und nicht die Religion an sich. "Bei mir kam der Kindesmissbrauch der katholischen Kirche vor oder der Umgang mit den Frauen im Islam", erzählt Jacques Tilly. Da gab es zum Beispiel den Wagen mit den Burka-Frauen. Eine Frau, die immer stärker verhüllt wurde, bis sie schließlich ganz in einem Sack verschwunden war. Mohammed oder Gott hat Tilly noch nie dargestellt. "Den Mohammed werden wir sowieso nicht bauen, egal was kommt. Wir wollen ja nicht religiöse Grundlagen angreifen, sondern es geht uns tatsächlich um das Bodenpersonal, um die Verfehlungen der einzelnen Menschen."

Karnevalswagen von Jacques Tilly aus dem Jahr 2011: Eine Frau, die immer stärker mit einer Burka verhüllt wird, bis sie schließlich ganz in einem Sack verschwunden ist (Foto: Jacques Tilly)

Jacques Tilly provoziert gern - so auch im Karneval 2011 mit seinem "Burka-Wagen"

Das lief nicht immer ohne Ärger ab. "Ich habe auch sehr viele böse E-Mails bekommen. Die härtesten Reaktionen kamen tatsächlich von Christen beim Thema Abtreibung, muss ich sagen." Trotzdem will sich der Düsseldorfer Wagenbauer auf keinen Fall den Mund verbieten lassen. "Ich bin Humanist, ich bin radikaler Verfechter der Menschenrechtsidee und vor allem auch der Idee des Selbstbestimmungsrechts des Menschen, und das hat natürlich auch politische Auswirkungen, dass ich Meinungsfreiheit und Pressefreiheit verteidige."

Christen oft kritischer als Muslime

Auch den Mainzern ist die Meinungsfreiheit im Karneval wichtig. Dennoch hat man lange diskutiert, wie man auf die Anschläge eingeht, und ob Terror überhaupt ein Thema für einen Rosenmontagszug ist. Schließlich habe man Verantwortung, sagt Richard Wagner, der Vorsitzende des Mainzer Carneval-Vereins. "Es ist eine öffentliche Veranstaltung, und leider kennen wir diese ideologisierten Typen nicht." Vor solchen Leuten müsse man das Publikum schützen. "Wenn man Kirche und Religion kritisiert, braucht es Toleranz, aber bei denen ist nur Hass".

Die Mainzer sprechen aus Erfahrung. Vor Jahren hat Wagenbauer Dieter Wenger den Zölibat katholischer Priester kritisiert. Den Motivwagen zierte eine Blondine, die mit einem Pfarrer in der Badewanne sitzt. Das Ganze unter dem Titel "Zöli-Bad". Es hagelte heftige Kritik. Eine Gruppe von Katholiken wollte diesen Wagen um jeden Preis verhindern. Unter großem Polizeiaufgebot fuhr er Rosenmontag trotzdem mit. Am Ende des Umzuges wurden die Figuren dann mit Molotow-Cocktails beworfen, und der Fahrer musste sich von dem brennenden Wagen in Sicherheit bringen. "Das ist interessant", sagt Wenger, "mit dem Papst kann ich machen was ich will, nur wenn es um die Katholiken selbst geht, die regen sich dann auf."

Rosenmontagszug in Mainz 2007 - Thema

Die Mainzer nahmen auch schon Papst Benedikt XVI. aufs Korn - hier fährt er mit dem "Papamobil" in eine Moschee

Wenn der Hofnarr spricht

Muslime nimmt Wenger selten aufs Korn. Vor einigen Jahren, als es um die Auseinandersetzung zwischen Papst und Islam ging, hat er den Papst in seinem Wagen gegen das Minarett einer Moschee fahren lassen. Da standen beide Religionen gleichermaßen im Visier der Satire. Von islamischer Seite kam da keine Kritik. Den Anschlag in Paris, der nicht nur Menschen, sondern auch die Presse und Religionsfreiheit betrifft, will Wenger mit "erhobenem Zeigefinger" kommentieren, ohne dabei Bezug auf Paris zu nehmen. "Hier herrscht Ordnung. Wir haben Meinungs-, Presse- und Religionsfreiheit, und das versuchen wir darzustellen."

Für den Mainzer Karneval gibt es eine Symbolfigur, den "Beyaz". Mit seiner Laterne in der Hand verkörpert er einen Hofnarr des Karnevals. "Er sucht die Wahrheit und die Gerechtigkeit", erläutert der Vorsitzende des Mainzer Carneval-Vereins, Richard Wagner. Vor 40 Jahren habe dieser Narr von sich selbst als "Er" gesprochen und gesagt, was auch heute noch für den Mainzer Karneval gilt: "Er darf sich nie beirren lassen, er werde nie zum Instrument. Er hat das Eisen anzufassen, auch wenn's die Finger ihm verbrennt."

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