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Kultur

Das scharfe Schwert der Karikatur

Satire war schon immer eine gefährliche Kunstform: Schreibverbot, Morddrohungen, Gefängnis - auch die Karikaturisten der früheren Jahrhunderte haben das riskiert. Ein Rückblick in die europäische Kultur-Geschichte.

Die Titel der Blätter sind "Wespennest", "Fackel" und "Stachelschwein". Und die Namen sind Programm - der Inhalt soll weh tun. Die Zeichner und Karikaturisten setzen den Stachel der scharfen Ironie gern ins Fleisch der wohlbeleibten Bürger und Monarchen oder auch anderer Zielscheiben ihres Spottes. Satire-Zeitschriften im Europa des 19. und 20. Jahrhunderts sind sich in ihrem Auftrag einig, auch wenn sie das im Lauf der Zeiten in sehr unterschiedlicher künstlerischer Ausprägung und in verschiedene politische Richtungen hin umsetzen. Anfangs ist diese neue Form der Gesellschaftskritik noch gewöhnungsbedürftig. Die ersten Versuche werden kaum gekauft und scheitern schon nach 3 bis 4 Ausgaben.

Polemik gegen die Herrschenden

Das erste Satireblatt, das Erfolg bei der breiten Bevölkerung hat, ist die Zeitschrift "Le Caricature". Sie erscheint 1830 im Paris der Julirevolution mit einer neuartigen Mischung aus Karikaturen, Bildergeschichten und bissigen Texten. Die Zeichnungen sind sehr unterhaltsam und werden als farbige Lithographien gedruckt, ein Verfahren, das bislang vorwiegend Künstler verwenden. Herausgeber ist Charles Philipon, ein umtriebiger Buntpapierhändler, Zeichner und Mitarbeiter einer Pariser Galerie für Kunst und Druckgrafik.

Karikatur von Honore Daumier

Lithographie von Honoré Daumier: Louis Philippe als korrupter Monarch, der alles unter den Mantel kehrt (1854)

Engster Mitarbeiter und kreativer Kopf ist Honoré Daumier, der mit genialer Zeichentechnik und klugem Augenmaß die politischen Geschehnisse in Frankreich begleitet. 1832 gründet Philipon das Nachfolgeblatt "Le Charivari". "Beide Zeitschriften waren sehr beliebt", berichtet die Historikerin Louisa Reichstetter, die an der Universität Jena zur Geschichte der europäischen Satirezeitschriften in der Zwischenkriegszeit forscht. "Mit Daumier hatte Philipon einen Zeichner gefunden, der offenbar den Nerv der Zeit trifft."

Die Obrigkeit als Zielscheibe

Die neuartigen französischen Zeitschriften finden überall in Europa Nachahmer. "'Punch', die berühmte englische Zeitschrift, heißt am Anfang im Untertitel 'London Charivari', erzählt Reichstetter im DW-Gespräch. "Viele Blätter beziehen sich auf diese Pariser Zeitschrift und nennen sich im Untertitel genauso. Auch der 'Kladderadatsch' in Berlin, der im Zusammenhang mit der 1848er-Revolution entsteht und sich dann über die Jahrzehnte politisch wandelt, bezieht sich auf diese Pariser Zeitschriften der Julirevolution."

Karikatur von Honore Daumier

Ziel des Spottes: der satte "Bürger-König" auf dem Thron (Zeichung aus der Zeitschrift La Caricature, 28.8. 1834)

Beliebte Motive der Karikaturen sind in Frankreich der König und seine Hofschranzen oder die Bourgeoisie und das Spießbürgertum. Die Karikaturisten beziehen mit offener Schadenfreude Stellung und nehmen die herrschende Klasse mit Ironie und scharfen satirischen Seitenhieben aufs Korn. Nur in England ist der König weitgehend Tabu. Die Satireblätter des Inselreiches legen sich lieber mit den Feindbildern auf dem europäischen Kontinent an. Und auch bei ihnen ist das Militär oft Zielscheibe des Spottes.

Satiriker leben gefährlich

In Paris versteht die adlige Herrschaftsklasse bald keinen Spaß mehr. Am 14. November 1831 steht Herausgeber Charles Philipon wegen Majestätsbeleidigung vor Gericht. Er wird freigesprochen - doch kurz darauf wird sein Mitarbeiter Honoré Daumier zu einem halben Jahr Kerkerhaft verurteilt. "Er wird für seine mutigen, Tabus brechenden Karikaturen und Zeichnungen angeklagt, kriegt aber kein Berufsverbot", ergänzt Louisa Reichstetter. "Er macht danach unbeirrt weiter, bekommt aber stark zu spüren, dass die Freiheit und die Liberalität im restaurativen Frankreich nicht ausreicht, um so etwas zu tolerieren." Die Pressefreiheit kehrt erst mit der Dritten Republik in Frankreich 1870 zurück. Danach florieren illustrierte Magazine und Satirezeitschriften wieder.

1. Weltkrieg - Kriegspropaganda

Freche Karikatur: Der französische Staatspräsident Raymond Poincare versohlt den deutschen Kaiser Wilhelm II.

Das späte 19. Jahrhundert ist die Blütezeit der Satire und der humoristisch-politischen Zeitschriften in Europa: in der Schweiz erscheint der "Nebelspalter", "Kikeriki" in Österreich, "Ulk", "Berliner Wespen" und die "Leuchtkugeln" im Deutschen Kaiserreich. 1848 war schon der "Kladderadatsch" in Berlin auf den Zeitungsmarkt gekommen - ein "humoristisch-satyrisches Wochenblatt". Revolutionswirren und Kriegszeiten bringen hohe Auflagen. 1923 wird das Magazin an den Industriellen Hugo Stinnes verkauft. Die Inhalte werden von da ab immer rechtskonservativer, die Karikaturen zunehmend antisemitisch.

Hart am politischen Wind gesegelt

Der Münchner "Simplicissimus" wird nach dem "Kladderadatsch" die traditionsreichste deutsche Satirezeitschrift - fast 50 Jahre pointierte Gesellschaftskritik. Die Erstauflage lassen die Herausgeber Albert Langen und Thomas Theodor Heine 1896 gleich in 480.000 Exemplaren drucken. Aber nur 10.000 werden verkauft, der Rest verschenkt und eingestampft. Der "Simpl" wird trotzdem noch zur Institution im Kaiserreich: antiklerikal, antifeudal und lange fundamental-demokratisch. Und ein Forum für die wichtigsten Literaten der Epoche, bis in die Weimarer Republik. Als im März 1933 ein SA-Trupp die Redaktionsräume verwüstet, flieht Heine ins Exil. Die Zeitschrift läßt sich danach vom NS-Regime politisch gleichschalten - das Ende des literarisch wie künstlerisch ambitionierten Satiremagazins.

Deutschland Geschichte Presse Zensur Karikatur auf die Pressezensur

Pressezensur im Deutschen Kaiserreich - Karikatur aus dem Satireblatt "Kladderadatsch" (1860)

Nach dem Zweiten Weltkrieg kommen in Europa Cartoons und Comiczeitschriften wieder in Mode. 1959 wird in Paris "Pilote" gegründet. Chefzeichner René Goscinny erlangt mit seinen Asterix-Serien später Weltruhm. Auch die satirische Monatszeitschrift "Hara-Kiri" - der Vorläufer von "Charlie Hebdo" - wird Anfang der Sechziger Jahre aus der Taufe gehoben. In Deutschland gibt es ab 1962 "Pardon", die bis heute erscheinende Satirezeitschrift "Titanic" kommt erst 1979 auf den Markt. Die französischen Karikaturisten greifen die Tradition von Philipon und Daumier mit neuer Schärfe auf: provokativ, grenzüberschreitend und alle Tabus brechend.

Die Ente in Ketten

Das einflussreichste und berühmteste Satireblatt Europas aber bleibt "Le Canard enchainé". Seit 1915, also seit gut 100 Jahren, reizt die Mischung aus Enthüllungsgeschichten, beißenden Kommentaren und politischen Karikaturen die Mächtigen bis auf Blut. Die druckfrischen Exemplare werden jede Woche direkt in den Élyssée-Palast geliefert. "Die Pressefreiheit geht verloren, wenn man sie nicht nutzt" - mit dieser Maxime hat sich die Redaktion ihre tollkühne Tradition bewahrt - allen Prozessen wegen Beleidigung zum Trotz.

"Diese Tradition von 'Le Canard enchainé' hat auch ganz viel mit einer Wut über die eigene Zunft, also gegenüber der Massenpresse zu tun, die sich im Ersten Weltkrieg das kritische Wort verbieten ließ und deshalb von 'Le Canard enchainé' verspottet wurde", sagt Historikerin Louisa Reichstetter. "Ob das linke Presse oder rechte Presse ist, war erstmal egal. Es ging ihnen um Unabhängigkeit und die Freiheit des Humors." Was die Zeitschrift bis heute geschafft hat: Sie erscheint inzwischen in einer Auflage von 500.000 verkauften Exemplaren.

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