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Deutschland

"Was soll ich mit einem Koran?"

Ein radikales Kölner Salafiten-Netzwerk steht an der Spitze der Koranverteilungen in fast 40 deutschen Fußgängerzonen am Wochenende. Von irritiert bis neugierig: wie die Passanten reagierten.

Für zehn Uhr ist der Stand angekündigt, doch erst mittags wird in Bonn ein großer roter Passanten-Stopper aufgeklappt: "Lies!" befehlen goldene Lettern auf rotem Grund.

Auf der Homepage der Veranstalter "Die wahre Religion" sind bis zuletzt gleich mehrere Orte der jüngsten Koranverteilaktionen, die laut Ordnungsamt am Samstag in 38 deutschen Städten stattgefunden haben, falsch angegeben. Wer sich trotzdem schon morgens bis zum Bonner Friedensplatz durchgefragt hat, findet sich zunächst nur unter Reportern wieder. Noch tags zuvor haben Salafisten, eine als radikal geltende Gruppierung von Salafiten, via YouTube-Video namentlich zum Mord an einigen kritisch berichtenden Journalisten großer deutscher Tageszeitungen aufgerufen. Das hält die aber nicht ab: Mit gezückten Kugelschreibern sind weitere Pressevertreter in märtyerhafter Manier bereit, den ersten religiös radikalisierten Rheinländer zu befragen, der sich hier blicken lässt.

Bereits im Herbst 2011 starteten die Salafisten die Aktion "Lies!" - unter der spirituellen Führung des palästinensischen Predigers Ibrahim Abou-Nagie, der von Köln aus agiert. Insgesamt 25 Millionen Korane sollten in ganz Deutschland verteilt werden. Nach immerhin 300.000 Exemplaren hat die Ulmer Druckerei "Ebner&Spiegel" die Vervielfältigung nun allerdings eingestellt. Aufgrund der negativen Publicity prüft sie inzwischen, vom Vertrag zurückzutreten.

"Gläubig und manipulierbar"

Stand der Salafisten in Bonn, die den Koran verschenken, April 2012; Copyright: DW/J. Mahncke

Stand der Salafisten in Bonn

Gegen fünf Uhr nachmittags, als das Bonner Infoständchen wieder abgebaut wird, sind hier 600 Korane verteilt, die Journalisten abgezogen und viele Fragen der Passanten beantwortet - jedoch, so scheint es, haben sich Fronten und Vorurteile nur noch verhärtet.

"Muslime sind so gläubig, damit auch manipulierbar", ereifert sich ein Passant. "Ich spreche hier für viele: Raus mit dem Volk! Ich weiß noch nicht einmal, in welche Schule ich meine kleine Tochter schicken soll, weil ich möchte, dass sie unter Deutschen im Unterricht sitzt. Das hier zieht unsere ganze Kultur herunter!" Das Kind quengelt, vergräbt den Kopf am Hals seiner Mutter. "Was soll ich mit einem Koran?", fragt die. "Ich brauche weder einen Koran, noch habe ich eine Bibel zuhause, noch sonstige gläubige Schriften."

Und auch eine ältere Dame, die den Stand bemerkt hat, runzelt die Stirn. Das schüre "nur Hass und Gegenhass", meint sie: "Jeder soll seinen Glauben haben, und wer möchte, kann sich ja informieren - das sollte aber niemandem in dieser Art aufgezwungen werden."

Offensive Bekanntmachung des Islam

Stand der Salafisten in Bonn, die den Koran verschenken, April 2012; Copyright: DW/J. Mahncke

Der Koran als Passanten-Geschenk

Das Rheinland gilt als Hochburg der Salafiten, einer teilweise radikalisierten Strömung des Islam, die in Predigten auffallend auf jene Höllenqualen hinweist, die 'Ungläubige' erwarten - und die stark missionarisch vorgeht. "Kennzeichnend für den Salafismus ist eine sehr dichotome Weltsicht", fasst die Islam-Expertin Claudia Dantschke von der "Gesellschaft Demokratische Kultur" zusammen. "Alles wird eingeteilt in 'richtig' und 'falsch', 'gut' und 'böse', 'schwarz' und 'weiß', ohne Grautöne dazwischen." Und nur, wer diesem religiösen Weg folgt, habe überhaupt die Chance, ins Paradies einzuziehen.

Sie unterscheidet drei Strömungen des Salafismus: Zum einen seien da die "Puristen, die nur privat streng dogmatisch-religiös oder fundamentalistisch leben", aber weder Gewalt noch Hass predigten und sich von politischen Aktionen fernhielten.

Dann gebe es den "so genannten Mainstream-Salafismus", dem auch eine Mehrheit der radikalisierten Salafiten in Deutschland angehören: Ihm gehe es um politische Aktionen und vor allem um eine "offensive Bekanntmachung mit dem Islam". Demokratie als System werde offen abgelehnt, "auch propagandistisch als Weg des Unglaubens diffamiert, der direkt in die Hölle führe" – allerdings werde kein Umsturz legitimiert. Vielmehr würde sich die Demokratie selbst erübrigen, wenn nur genug Menschen durch "Aufklärung" zum "wahren Glauben" fänden.

Als dritte und einzig gefährliche Strömung nennt Dantschke jene, die auch hinter den aktuellen Koranverteilungs-Aktionen stehen: "Sie legitimieren auch Gewalt, verknüpfen Abgrenzung mit massiven Abwertungen selbst der gemäßigten Salafiten, mit Diffamierungen und Hass." Da die Muslime überall auf der Welt diskriminiert würden, sei jeder 'wahre Muslim' zur Verteidigung aufgerufen, "wobei Gewalt - also der bewaffnete Djihad - als ein legitimes Mittel" dargestellt werde. Diese Strömung bilde laut Dantschke "den Übergang zum djihadistischen Salafismus, also zu denen, die nicht mehr 'nur' reden, sondern handeln."

Rheinland als Hochburg der Salafisten

Stand der Salafisten in Bonn, die den Koran verschenken, April 2012; Copyright: DW/J. Mahncke

600 Exemplare wurden in Bonn verteilt

Experten vermuten, dass das Rheinland aufgrund einer toleranten Asylpolitik in den Achtziger- und Neunzigerjahren zu einem Ballungsgebiet für die Salafisten wurde. So sieht auch der Religionswissenschaftler Andreas Reitinger von der Universität Köln eine mögliche Erklärung in "strukturell-logistischen Gründen": "Im Rheinland gibt es eine Szene, die sich selbst verstärkt. Die Salafisten glauben, hier mehr Anhänger finden zu können als anderswo." Viele Muslime seien seit Generationen hier verwurzelt, ihre Anzahl höher als in anderen deutschen Großstädten wie etwa München.

Wenn man von einer solch quantitativen Betrachtung ausgehe, müsse eine vergleichbare, sich selbst verstärkende Szene zwar zunächst auch in Berlin vermutet werden - jedoch, mutmaßt Reitinger: "Berlin ist die säkularste deutsche Großstadt überhaupt. Religion spielt hier insgesamt eine untergeordnete Rolle. Möglicherweise erklärt sich so die stärkere Prävalenz der Salafisten im Rheinland."

"Komplett überbewertet"

Ausgerechnet in Köln sind die Salafisten an diesem Samstag aber gar nicht anzutreffen – trotzdem sind schon in den Morgenstunden beim Ordnungsamt Beschwerden von Passanten wegen eines "islamistischen Informationsstandes" eingegangen. Tatsächlich bleiben jedoch nur wenige der Vorbeieilenden stehen und lesen das Banner "Islam heißt Frieden".

Davor halten knapp zehnjährige Jungen Passanten an, drücken ihnen Informationsbroschüren in die Hand. Nicht alle fühlen sich gestört. "Mich interessiert das", sagt ein Mann und klappt den blauen Flyer auf. "Ich will da einfach mal reinlesen." Und wieder drängen sich einige Journalisten um den Stand.

Die Verkäuferin eines benachbarten Dessous-Geschäftes kann da nur belustigt lächeln: "Die stehen doch nur sechsmal im Jahr hier", meint sie. "Erst jetzt, weil so viel berichtet wird, bekommen sie Beachtung." Sie hält die Aufregung für "komplett überbewertet": "Das schaut sich doch ohnehin kaum einer an!"

Eine Marktfrau, die ihren Gemüsestand gegenüber betreibt, pflichtet ihr bei: "Wir sehen ab und an, wie junge Männer mit Büchern im Arm herumstehen." Gestört fühlt sie sich nicht. "Das Ordnungsamt kümmert sich darum", sagt ihr Mann. "Den Leuten einfach Sachen in die Hand drücken, das dürfen die ja nicht."

Doch seit der intensiven Berichterstattung werden viele islamische Infostände in Fußgängerzonen vorschnell salafistischen Strömungen zugerechnet. Die 26-jährige Samira studiert Religionswissenschaften und interessiert sich für den Islam. "Ich habe diese Leute hier erst einmal gefragt, zu welcher Gruppe sie überhaupt gehören, zu den Sunniten oder zu den Schiiten", sagt sie, nachdem sie länger an dem Infostand stehengeblieben ist. "Faktisch sind das aber ja Ahmadiyyas, eine Gruppierung, die offiziell von anderen Muslimen nicht einmal anerkannt ist." Ein 12-jähriger Junge habe ihr schließlich erklärt, dass in letzter Zeit trotzdem ständig "Bilder von ihnen in Printmedien abgedruckt waren und sie in Verbindung mit der Koranverteilung der letzten Wochen genannt wurden" – letztlich nur eine peinliche Verwechslung nachlässiger Journalisten.

"Nicht alle über einen Kamm scheren"

Blick auf eine Ausgabe des Koran und weitere religiöse Schriften im Interkulturellen Zentrum für Dialog und Bildung im Soldiner Kiez in Berlin, (c) dpa - Bildfunk+++

Die Aktion "Lies!" startete bereits im Herbst 2011

Am Stand in Bonn können sich interessierte Einkäufer unterdessen immer noch die Ausschließlichkeit der salafitischen Heilslehre erklären lassen: "Auch einen Dattelbaum muss man schütteln, damit die Datteln runterfallen", doziert ein höchstens 25-jähriger Mann mit akkurat gestutztem Bart vor einer skeptischen Passantin. "Und wenn ich mein Kamel vor einem Haus abstelle, muss ich es schon anbinden, damit es nicht wegläuft. Wir glauben, dass man auch für das Paradies etwas tun muss." Aber müssten sich denn "die Muslime" in Deutschland "immer gleich so aufführen", fragt die grauhaarige Frau, zieht die Stirn in Sorgenfalten und stützt sich auf ihr Fahrrad. Und da wirkt die Antwort des jungen Mannes weit weniger aus der Zeit gefallen: "Ich war letztes Jahr zum Feiern auf Mallorca", sagt er und lacht. "Haben Sie schon einmal im Fernsehen gesehen, wie sich die Deutschen dort benehmen?"

Sichtbarkeit schaffen, Präsenz zeigen – das ist den Salafisten mit ihrer Aktion sicherlich gelungen. Verfassungsrechtlich ist das Verteilen der Korane durch das Recht auf Religionsfreiheit gedeckt, sodass bereits in zwei Wochen der nächste Termin geplant ist. "Das Kölner Netzwerk versucht, sich durch diese Aktionen an die Spitze der salafitischen Bewegung in Deutschland zu setzen", meint Expertin Claudia Dantschke. Doch müsse man sich auch vor Augen halten, wie zersplittert die Bewegung im Grunde sei. "Die heftigste Kritik erfahren Ibrahim Abou-Nagie und seine 'Brüder' nicht aus dem liberalen muslimischen, sondern aus dem salafitischen Bereich", so Dantschke. "Und deshalb wäre es auch so fatal, alle Salafiten jetzt über einen Kamm zu scheren."

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