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Hintergrund

Was macht eine "Blinde Kuh" im virtuellen Klassenraum?

Digitaler Campus und virtuelles Klassenzimmer: Das Internet verändert das angeblich reformresistente deutsche Bildungssystem. Doch Experten stellen den Computer als Allheilmittel für den Unterricht in Frage

Erstklässlerinnen sitzen vorm Computer

Computer im Unterricht: Schon ab der 1. Klasse kommt der PC zum Einsatz

Wer das Nell-Breuning Berufskolleg in Bad Honnef bei Bonn besucht, könnte der PISA-Studie recht geben, wonach Schüler im Unterricht besser abschneiden, wenn sie viel Zeit am Computer verbringen. Jedem zweiten Schüler steht hier ein Computer mit Internetzugang zur Verfügung. Und sie werden auch intensiv genutzt.

"Wir benutzen das Internet sehr häufig im Unterricht, um Informationen zu holen und den Unterrichtsstoff zu verbessern", sagt die Schülerin Monika Kanert. "Je mehr man es nutzt, desto besser kann man damit umgehen. Und das ist sicherlich von Vorteil für das spätere Berufsleben, wo der Computer immer häufiger zum Einsatz kommt.

Computerkenntnisse sichern Ausbildungsplatz

Das Ergebnis des intensiven Computer- und Interneteinsatzes im Unterricht lässt sich sehen. Wer an dieser höheren Handelschule seinen Abschluss schafft, hat bislang auch immer einen Ausbildungsplatz bekommen. Deshalb blicken die meisten der 146 Jugendlichen, obwohl viele von ihnen durch eine Körperbehinderung gehandicapt sind, sehr zuversichtlich in die Zukunft.

2006 wurde die Schule für ihren vorbildlichen Einsatz von neuen Medien ausgezeichnet. Dabei war sie zehn Jahre zuvor, als das Bundesministerium für Bildung und Forschung und die Deutsche Telekom die Initiative Schulen ans Netz (SaN) ins Leben riefen, wie die meisten Schulen in Deutschland computertechnisch noch Brachland. Ganze sechs PCs und zwölf Schreibmaschinen standen den Schülern zur Verfügung.

Grundschüler lernen am Computer

Tippen statt Schreiben, und das schon in der Grundschule

Über SaN bekam die Schule anfangs neue Computer, kostenlose Internetzugänge, Unterstützung von EDV-Fachleuten und führte dann die Aufrüstung konsequent in Eigenregie fort. Heute stehen zwei große PC-Räume bereit, in jedem Klassenraum befindet sich mindestens ein Computer am Lehrerpult. Außerdem können die Schüler vor Schulbeginn, in der Pause und diejenigen von ihnen, die im Internat wohnen, sogar bis spät in den Abend an sechs Rechnern auf den Schulgängen arbeiten und surfen. "Damit sind wir natürlich eine Ausnahme in Deutschland", gibt der Informatik-Lehrer Markus Niederastroth zu.

Bildung geht online

Laut einem Bericht des Bundesministeriums für Bildung und Forschung waren 2006 insgesamt 30.304 Schulen mit 1.075.393 Computern ausgestattet. In den Grundschulen teilen sich im Schnitt 12 Schüler einen Computer; in den Sekundarschulen I und II ist dieses Verhältnis 11:1, und in den berufsbildenden Schulen sogar 9:1. Damit wird in allen drei Schulformen das von der Europäischen Kommission im Rahmen des Aktionsplans "eLearning" gesetzte Ziel von 15 Schülern pro Computer übertroffen.

Grundschüler lernen am Computer

Schildschirm statt Tafelbild, I-Dötzchen lernen am Monitor

Dem Bericht des BMBF zu Folge sind 71% der Computer in den bundesdeutschen Schulen mit dem Internet verbunden. In 79% der Grundschulen wird das WWW häufig oder gelegentlich im Sachunterricht, 66% im Fach Deutsch und 54% in Arbeitsgemeinschaften genutzt. In den Sekundarschulen I und II wird es am häufigsten in den naturwissenschaftlichen Fächern (81%) engesetzt, gefolgt von Gesellschaftswissenschaften (79%), Informatik (77%) und Deutsch (76%). Das Fach Informatik ist auch in den berufsbildenden Schulen Spitzenreiter bei der Internetnutzung im Unterricht, so das Ministerium.

Internetrecherche als Hausaufgabe

"Ganz häufig wird das Internet für Rechercheaufträge verwendet", so Niederastroth. Das bestätigen auch seine Kollegen anderer Schulen. Manfred Roppelt setzt die so genannten Webquests im Deutschunterricht der 6. Klasse am Gabrieli-Gymnasium-Eichstätt (Bayern) ein. "Dabei bekommen die Schüler eine feste Aufgabe und führen dann eine gezielte Recherche im Web durch. Aber auch die freie Suche nach Informationen zu einem bestimmten Thema über Google oder andere Suchmaschinen, wie www.blindekuh.de, kommt zum Einsatz", erklärt er.

"Blinde Kuh" ist eine deutschsprachige Suchmaschine für Kinder, die seit 2004 vom Bundesfamilienministerium gefördert wird. Dort finden Schulkinder eine redaktionell betreute Linksammlung zu Themen wie "Umwelt und Technik", "Tiere und Pflanzen" oder auch Tipps zum Forschen, Schreiben, Rechnen, Kochen, Basteln, Malen und Spielen. Es ist die Lieblingsseite von der Fünftklässlerin Gloria Grimm am Alexander-von-Humboldt-Gymnasium in Lauterbach (Osthessen): "Da kann man wie bei Google nach verschiedenen Sachen für den Unterricht suchen", sagt sie.

Schüler lernt am Computer

CD-Rom statt Schulbuch

Bei Gloria kommt es aber eher selten vor, dass der Lehrer Aufgaben per Internet lösen lässt, erzählt ihre Mutter Regina. Anders sei es bei den beiden Großen – Anna (9. Klasse) und Henrieke (11. Klasse). "Da wird sehr viel für Hausaufgaben, Referate oder Hausarbeiten aus dem Internet bezogen. Ich bin mir aber nicht immer sicher, ob das Lernen auf herkömmliche Weise nicht besser ist", sagt Regina Grimm.

Flinke Schülerfinger

Groß sei vor allem die Ablenkungsgefahr beim Interneteinsatz im Unterricht, so Henning Jöhncke, Politik- und Deutsch-Lehrer an der Wernher-von-Braun-Gesamtschule in Neuhof bei Fulda. Daher sei es wichtig, klare Aufgaben zu stellen. "Wenn Schüler einen Rechercheauftrag haben und wissen, wonach sie suchen sollen, gibt es viele positive Aspekte des Einsatzes des Internets im Unterricht."

Allerdings müssten Lehrer immer aufpassen, dass die Schüler, gerade wenn sie mit ihrer Aufgabe fertig sind, "keinen Blödsinn machen. Es gibt Schüler, die die Zeit für Spiele verwenden und relativ flink mit dem Aufrufen von nicht erlaubten Seiten sind. Das bekommt man als Lehrer meist zu spät mit."

Unerlaubtes können Schüler aber auch treiben, wenn sie ganz legale Seiten aufrufen, zum Beispiel Wikipedia. Die freie Online-Enzyklopädie gilt als Recherchequelle Nummer Eins bei Schülern. Oft würden daraus per "Copy & Paste" ganze Textpassagen übernommen. "Plagiat ist leider ein großes Problem", so Jöhncke.

Klassenzimmer

Vom Computertisch in den Klassenraum: Lehrer können sich im Internet auf Unterricht vorbereiten

Auch Lehrer übernehmen Unterrichtsstunden von speziellen Seiten im Internet. "Ich persönlich benutze ganz gerne den virtuellen Klassenraum auf "Lo-net", erzählt Markus Niederastroth. "Lo-net" ist eine Arbeitsumgebung, die für den schulischen Einsatz (Unterricht, Lehreraus- und fortbildung) vom Verein "Schulen ans Netz" entwickelt wurde. In virtuellen Gruppen, Klassen- und Privaträumen können Lehrkräfte untereinander und mit Schülern kommunizieren und arbeiten. Rund 500.000 Schüler und Lehrer aus ca. 4000 deutschen Schulen sind dort angemeldet, so Dirk Frank, von "Schulen ans Netz".

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