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Asien

Vom Tiananmen-Platz ins Internet

Internetjournalismus gegen Internetzensur - In China treffen Öffentlichkeit und Regierung heute nicht mehr bei Demonstrationen aufeinander, sondern im Netz.

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Internetcafe in Shenyang

Vor zwanzig Jahren stand Yang Hengjun selbst bei den Studenten auf dem Platz des Himmlischen Friedens, wo Hunderttausende Demokratie, Menschenrechte, Meinungsfreiheit forderten. Im heutigen China scheinen Demonstrationen diesen Ausmaßes undenkbar. Doch die Ideen von damals - glaubt Yang - sind noch immer lebendig. Nicht auf öffentlichen Plätzen, sondern im Internet. "Jeder Blogger, jeder User, der einen Forumseintrag macht, ist ein kleiner Tiananmen-Platz", ist er überzeugt.

"Blogger sind die wahren Journalisten"

Global Media Forum 2009 Yang Hengjun

Yang Hengjun, chinesischer Blogger

Yang betreibt mehrere Blogs im chinesischsprachigen Internet. Derzeit ist er zu Gast auf dem Global-Media-Forum der Deutschen Welle in Bonn. Bis zu einhundert Millionen Chinesen informierten sich regelmäßig über Blogs, schätzt er. Seine eigene Leserzahl schätzt er auf fünf Millionen. "Die Arbeit, die im Westen von Journalisten erledigt wird, machen bei uns die Internetnutzer. Sie sind die wahren Journalisten in China." Längst wird in diesem Zusammenhang von "Bürgerjournalismus" gesprochen. Der Einzelne verbreitet seine Beobachtungen über elektronische Kommunikationswege, über Blogs im Internet, per SMS oder über Netzwerke wie Twitter und Facebook. Als 2003 die ersten Fälle der Lungenkrankheit SARS bekannt wurden, versuchte die chinesische Regierung, Nachrichten über die Krankheit zu unterdrücken. In den folgenden zwei Monaten tauschten die Chinesen über das Handy eine Milliarde Kurznachrichten über die Krankheit aus. Hamsterkäufe in Apotheken und eine drohende Massenpanik zwangen die Regierung schließlich, ihre Politik zu ändern.

Shi Ming, freier Publizist und Mitarbeiter im chinesischen Programm der Deutschen Welle, erinnert sich, das das auch für die Auslandsmedien eine große Herausforderung war. Denn so vielfältig die Nachrichten waren, so wenig konnten die Menschen die Zuverlässigkeit der Informationen überprüfen. Und so sieht er in den etablierten westlichen Medien nach wie vor eine wichtige Funktion. "Wir können keine Informationen vor Ort recherchieren, aber wir können helfen vergleichbare Fälle bekannt zu machen, Hintergründe zu recherchieren, die bei der Einordnung helfen."

Zensurwelle vor dem Jahrestag

Vor dem Jahrestag des Tiananmen-Massakers hat die chinesische Regierung nun massiv versucht, die Kommunikation über das Internet zu stören. Die Kommunikationsplattform Twitter, über die Kurznachrichten an tausende Abonnenten verschickt werden können, wurde gesperrt. Der Videoanbieter Youtube ist schon seit Wochen blockiert. Ausländische Medien wie die Seiten der Deutschen Welle sind schon lange nicht mehr erreichbar. Als Gegengewicht zur liberalen Internetgemeinde mobilisiert die Regierung außerdem junge nationalistische User, die die Netzöffentlichkeit in ihre Richtung beeinflussen sollen. Fünfzig-Cent-Partei werden sie von den Chinesen spöttisch genannt, denn Gerüchten zufolge erhalten sie für jeden Eintrag fünfzig Cent aus der Staatskasse. Der Blogger Yang Hengjun sieht dieses Phänomen gelassen. "Sie sind nicht genug, um wirklich Einfluss zu gewinnen. Eher werden sie noch selbst von den Blogs beeinflusst, die sie jeden Tag lesen."

Günther Nooke, Menschenrechtsbeauftragter der Bundesregierung

Günther Nooke, Menschenrechtsbeauftragter der Bundesregierung

So hätten sich die Jugendlichen, die noch während der Olympischen Spiele begeistert der chinesischen Nationalmannschaft zugejubelt hatten, sich nur wenige Wochen später empört von der Regierung abgewandt, als herauskam, wie sehr die Behörden in den Milchskandal verstrickt waren. Fast zeitgleich mit den Spielen waren viele Säuglinge in China gestorben, weil sie mit verseuchter Milch gefüttert worden waren. Auch hier war es der Druck aus der Internet-Öffentlichkeit, der die Regierung zum Handeln gezwungen hatte. Günther Nooke, Menschenrechtsbeauftragter der Bundesregierung ist deshalb überzeugt, dass die Zensurversuche der Regierung letztlich ins Leere laufen: "Diktaturen sind nicht kreativ genug, um alles zu kontrollieren. Der Einzelne ist immer kreativer als die Apparate."

Autor: Mathias Bölinger
Redaktion: Esther Broders

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