1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Geschichte

Vom Sterben an den Fronten

Zwischen Kriegsbegeisterung und Skepsis: Wie haben die Deutschen den Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren erlebt? Wir zeigen deutsche Schicksale 1914. In unserer letzten Folge: Der unbekannte Soldat

Frankreich Soldatenfriedhof Douaumont bei Verdun

Der Soldatenfriedhof Douaumont bei Verdun

Am Ende wartet vielleicht nur ein Massengrab. Oder nicht einmal das: Vermutlich werden wohl die Hälfte der Gefallenen dieses Krieges nie bestattet, weil sie von Granaten zerrissen oder unter eingestürzten Unterständen verschüttet werden. Wenn doch eine Beisetzung stattfindet, dann gewöhnlich direkt auf dem Schlachtfeld, wobei es in der Natur der Sache liegt, dass dort niemand seine Ruhe finden kann – auch die Gräber selbst werden immer wieder zum Kampfort. Nur wenige der weltweit in diesem Krieg getöteten neun Millionen Soldaten werden in die Heimat überführt und dort beigesetzt. Dort wird der "unbekannte Soldat" nach dem Krieg zu einer festen Größe der Erinnerungs- und Trauerkultur.

Der Tod kommt bereits im August

1914

in erschreckendem Maße, die ersten Wochen zählen zu den verlustreichsten des gesamten Krieges. Getötet werden vor allem die jüngeren Soldaten, weil sie vor allem in den Infanterie-Einheiten eingesetzt werden, die an den intensivsten Kämpfen beteiligt sind. Dabei ist nicht das später häufig zitierte "Töten als Handarbeit" vorherrschend, also das Heranstürmen an den Feind und dessen Tötung etwa durch das Bajonett. Die größte Zerstörung geht von der Artillerie aus, mit der nicht mehr "Aug' in Aug'" gekämpft wird, sondern auf große Entfernung. Die Geschosse zielen vor allem auf die Infanteristen; die besten Überlebensaussichten hat ein Soldat dort, wo ihn die Granaten nicht erreichen.

Nur anfangs finden sich in den Feldpostbriefen Hinweise darauf, dass sich auffallend viele junge Männer für unverwundbar halten. Doch schließlich herrscht blanke Angst. Angst vor einem zu qualvollen Tod: "O du lieber Gott, hilf bloß, hilf, rette mich, sei gnädig mit dem Schuß, den ich bekomme", schreibt ein deutscher Medizinstudent in einem Feldpostbrief. Bloß keine Qualen, notiert er, nicht blind werden, nicht zu sehr entstellt nach Hause kommen. "Einen Arm will opfern, ein Bein auch, einen Brustschuß nehme ich auch hin."

Es gibt Verletzungen, die so grauenhaft sind, dass sich die Soldaten nicht mehr zeigen wollen. Bald gibt es Speziallazarette für die Opfer von Artilleriegeschossen, die entsetzliche Verstümmelungen des Gesichts erlitten oder beide Arme und Beine verloren haben. Es kommt vor, dass die Männer jeglichen Kontakt mit den Angehörigen abbrechen. In der Heimat macht man sich indes schon nach wenigen Monaten Gedanken über das rechte öffentliche Trauern, jetzt schon entstehen erste Kriegerdenkmäler. Der Krieg sollte noch lange andauern, aber der unbekannte Soldat als Symbol des Massensterbens hat bereits seinen Platz in der Heimat.

Die Redaktion empfiehlt