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Geschichte

Wie der Weltkrieg in die Schulen kommt

Zwischen Kriegsbegeisterung und Skepsis: Wie haben die Deutschen den Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren erlebt? Wir zeigen deutsche Schicksale 1914. Diese Woche: Elfriede Kuhr

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs lernen die Kinder im Deutschen Reich eine neues Wort kennen – und schätzen: "siegfrei". Diese neue Form von schulfrei gibt es immer dann, wenn große oder vermeintlich große deutsche Siege errungen wurden. Da die deutsche Armeeführung im Sommer 1914 mehrfach glaubt, entscheidende Siege errungen zu haben, fällt der Unterricht vergleichsweise oft aus. Darüber freut sich mit den anderen Kinder auch die zwölfjährige Elfriede Kuhr aus dem ostpreußischen Städtchen Schneidemühl: Sie besucht das örtliche Gymnasium, wo sie erlebt, wie der Weltkrieg den Schulalltag verändert.

So wird das Kriegsgeschehen selbst zum Bestandteil des Unterrichts, in den Klassenzimmern hängen bald Landkarten, auf denen den verblüfften Kindern der aktuelle Frontverlauf geschildert wird. Die Oberprimaner können schnell eine Notreifeprüfung ablegen – bevor sie in diesem August noch in den Kampf ziehen. Die Volksschüler werden in den kommenden Wochen zu vormilitärischen Übungen, zum Ernteeinsatz oder zu Sammelaktionen herangezogen. Elfriede Kuhr und ihre Mitschülerinnen stricken Wollsachen für die Soldaten, um mit diesen "Liebesgaben" die Männer an der Front zu unterstützen.

Zugleich gibt es an der Schule neue Töne: Elfriede Kuhr berichtet in ihrem Tagbuch von zahlreichen Ansprachen des Direktors, der Schüler und Lehrer mehrfach zu besonders patriotischem Verhalten auffordert, zuweilen zu Tränen gerührt neueste Siegesmeldungen verliest und seine Auftritte gerne mit dem Ausruf "Mit Gott für König uns Vaterland!" beendet. Jeder muss jetzt auf seine Worte achten: "In der Schule sagen die Lehrer, wir hätten die vaterländische Pflichte, nicht mehr fremde Worte zu gebrauchen." Der Weltkrieg ist von Beginn auch immer auch ein Sprachkrieg. Die Zwölfjährige Elfriede muss sogar darauf achten, nicht mehr "Adieu" zu sagen, weil das eben französisch sei – und sogar „Mama“ muss durch das angeblich deutschere "Mutter" ersetzt werden …

Elfriede Kuhr erlebt das Ende des Krieges als 18-Jährige. Sie zieht nach Berlin, studiert Ballet und Tanz, nimmt den Künstlernamen "Jo Mihaly" an, wird Tänzerin und Schriftstellerin. 1933 flüchtet sie mit ihrer Familie vor den Nazis in die Schweiz, nach dem Zweiten Weltkrieg engagiert sie sich politisch unter anderem für die KPD und arbeitet weiter als Schriftstellerin und Pantomimin. Jo Mihaly stirbt 1989 im Alter von 86 Jahren.

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