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Geschichte

Das Paradebeispiel "intellektueller Mobilmachung"

Zwischen Kriegsbegeisterung und Skepsis: Wie haben die Deutschen den Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren erlebt? Wir zeigen deutsche Schicksale 1914. Diese Woche: Ernst Troeltsch.

Am 2. August 1914, einen Tag nach der deutschen Mobilmachung, meldet sich in Heidelberg ein angesehener Wissenschaftler zu Wort: Ernst Troeltsch, Professor für Evangelische Theologie und Philosophie, drängt es wie andere deutsche Intellektuelle auch, sich an der geistigen Führung des Krieges zu beteiligen: "Seit gestern sind wir ein Volk in Waffen", verkündet er und ruft zur militärischen Entschlossenheit auf: "Die Losung ertönt mit allem Zauber männlich-heldischer Gesinnung: zu den Waffen, zu den Waffen." Nun braucht Troeltsch selbst sicherlich nicht mehr ein Gewehr in die Hand zu nehmen (er ist gerade 49 Jahre alt geworden), ihm bleiben aber die Waffen des Intellektuellen: "Oh, könnte der Redner dieser Stunde jedes Wort verwandeln in ein Bajonett, verwandeln in ein Gewehr, in eine Kanone!"

Ernst Troeltsch zählt im Sommer 1914 zu den herausragenden Vertretern der deutschen Kriegspublizistik, wobei er besonderen Wert auf den angeblichen Kulturgegensatz zu den östlichen und westlichen Kriegsgegnern legt. Er wird nicht müde, einen "dekadenten" französischen Hochmut anzuprangern, und von England behauptet er, es kämpfe "wie ein physisch unkräftiges Weib mit den Mitteln einer wohlberechneten giftigen Zunge". Die vorbildhaften deutschen Soldaten seien sittlich und kulturell allen Feinden überlegen, und sie müssten eben mit besonderer Härte vorgehen, weil sie "die Roheit fanatisch-analphabetischer Bevölkerungen um unseres Selbstschutzes willen" dazu zwinge.

Damit verteidigt Troeltsch unverkennbar das deutsche Vorgehen vor allem in Belgien: Die dortigen Übergriffe auf die Zivilbevölkerung haben schon wenige Wochen nach Kriegsbeginn internationale Empörung hervorgerufen. Dass die Deutschen sich wie "Hunnen" oder "Barbaren" aufführen, ist vor allem für deutsche Professoren ein schwer hinzunehmender Vorwurf: Sie wehren sich in ihrer Mehrheit (zumeist wohl wider besseren Wissens) gegen die Klagen und halten an der Argumentation eines gerechten deutschen Krieges und der kulturellen Überlegenheit der Deutschen unbeirrbar fest.

Wie manche - aber leider keineswegs alle - kriegsbeseelte Intellektuelle findet Ernst Troeltsch indes den Weg zur Selbstkorrektur: Seit Ende 1916 setzt er sich zunehmend für eine gemäßigte Kriegszielpolitik ein und spricht sich für dringend notwendige Verfassungsreformen nach dem Krieg aus. Nach 1918 wird er zu einem liberalen Befürworter der Weimarer Republik und engagiert sich in der Deutschen Demokratischen Partei (DDP). 1923 stirbt Ernst Troeltsch im Alter von 57 Jahren.

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