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Kultur

"Volksverräter" ist Unwort des Jahres 2016

Seit 26 Jahren vergibt eine unabhängige Jury das Prädikat "Unwort des Jahres" und "ehrt" damit einen besonders zynischen Begriff. Das Ziel: ein sensiblerer Umgang mit der Sprache.

Deutschland Hetzparole gegen Sören Herbst flüchtlingspolitischer Sprecher Bündnis 90/Die Grünen in Sachsen-Anhalt (Sören Herbst)

2016 ist eine Hetzparole der rechten Szene zum Unwort des Jahres gekürt worden.

Die "sprachkritische Aktion" der Technischen Universität Darmstadt hat den Begriff "Volksverräter" zum Unwort des Jahres 2016 erklärt. Laut Jurysprecherin Nina Janich ist diese Vokabel ein Erbe von Diktaturen, vor allem der Nationalsozialisten. Als Vorwurf gegenüber Politikern sei das Wort diffamierend und würge die für die Demokratie notwendigen Diskussionen ab.

Für das vergangene Jahr sind 1064 Einsendungen mit 594 verschiedenen Vorschlägen eingereicht worden. Zu den Favoriten zählten auch im letzten Jahr Wörter aus der Flüchtlingsdebatte. Die 20 Begriffe, die am Ende in der engeren Wahl waren, hatten zu drei Vierteln damit zu tun, sagte eine Jurysprecherin im Vorfeld der Entscheidung. Wie etwa der Begriff "Rapefugee", eine Kombination aus den englischen Vokabeln für Vergewaltigung und Flüchtling, ein Renner nach der Kölner Silvesternacht 2015. Auch das aus dem Nationalsozialismus stammende Wort "Umvolkung" war ein vielversprechender Kandidat. Mehrfach eingereicht wurden auch die Begriffe "Biodeutscher" und "Flüchtlingsobergrenze".

Spiegel der politischen und gesellschaftlichen Debatte

Horror-Clown (picture-alliance/dpa/P. Zinken)

Im Herbst 2016 sorgten Horror-Clowns für Angst und Schrecken

Unworte sowie Worte des Jahres spiegeln die politischen und gesellschaftlichen Debatten im Land wider. So wurde im Dezember 2016 der Begriff "postfaktisch" zum Wort des Jahres erklärt. Übersetzt bedeutet es so viel wie "gefühlte Wahrheit" - ein Denken, das nicht mehr durch Fakten, sondern durch Gefühle erzeugt wird. Dass sich ein solches Denken in der deutschen Bevölkerung immer mehr Raum verschafft, dafür sorgen vor allem rechtsgerichtete Populisten, die die Kunst beherrschen, Halbwahrheiten und sogar offensichtliche Lügen als Realität hinzustellen. Weitere Begriffe in den Top Ten der Worte des Jahres 2016 sind "Brexit", "Gruselclown" und "Trump-Effekt".

Im Gegensatz zum Wort des Jahres, das auch mal klug, genial und schön sein kann, ist das Unwort grundsätzlich ein Begriff, der sachlich unangemessen, diffamierend und inhuman daherkommt oder aus seinem eigentlichen Kontext gerissen und "missbraucht" wird.

Die Jury, bestehend aus vier Sprachwissenschaftlern, einem Journalisten und einem jährlich wechselnden Gastjuror, wählt aus den Vorschlägen, die jeder sprachinteressierte Bürger einreichen kann, den "besten" Begriff aus. Das erste Unwort 1991 war die fremdenfeindliche Parole "ausländerfrei".

Oft gegen Flüchtlinge

Symbolbild Lügenpresse (picture-alliance/dpa/David Ebener)

In gewisser Weise auch "post-faktisch"...

Im Vorjahr war der "Gutmensch" zum Unwort des Jahres gekürt worden, davor waren es "Lügenpresse" (2014) und "Sozialtourismus" (2013). Alle Begriffe haben etwas mit der Flüchtlingsdebatte in Deutschland zu tun: Als "Gutmenschen" werden diejenigen diffamiert, die sich für Flüchtlinge einsetzen, ebenso aus der rechten Ecke kommt der Begriff "Lügenpresse" - er war schon während des Nationalsozialismus in Gebrauch und wird heutzutage gerne von Anhängern rechtspopulistischer Gruppen skandiert. Mit dem Wort "Sozialtouristen" wurde Stimmung gegen Zuwanderer, vor allem aus dem osteuropäischen Raum, gemacht. Heute nennt man diese Personengruppe auch "Wirtschaftsflüchtlinge", ein Begriff, an dem sich offenbar noch niemand stört.

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