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Kultur

"Opfer-Abo" ist das Unwort des Jahres

So etwas gibt es nur in Deutschland: Einmal im Jahr sucht eine Jury von Wissenschaftlern ein Wort, um es öffentlich an den Pranger zu stellen. Es geht um einen Begriff, der andere Menschen diskriminiert.

Was soll "Opfer-Abo" eigentlich bedeuten? Der Wetter-Moderator Jörg Kachelmann hatte die Wendung in einem Interview benutzt. Er stellte Frauen laut der Unwort-Jury damit "pauschal und inakzeptabel" in den Verdacht, sexuelle Gewalt zu erfinden. "Es ist problematisch, dass ein so Prominenter den Begriff verwendet hat", erläutert die Jury-Vorsitzende Nina Janich. Gemeinsam mit drei anderen Sprachwissenschaftlern und einem Journalisten hat sie das Unwort des Jahres ausgewählt. 

Mit dem Unwort des Jahres lenken die Juroren den Blick auf diskriminierende Formulierungen im öffentlichen Sprachgebrauch. Die Jury möchte die Deutschen stärker für ihre Sprache sensibilisieren und zur Reflexion über die eigene Ausdrucksweise anregen. Das hat einen Grund: Wer sich auf Deutsch politisch korrekt ausdrücken möchte, muss oft extrem aufpassen.

Die Intention macht den Unterschied

Begriffe wie "Neger" und "Mohr" sind seit Jahren ein No-Go in öffentlichen Debatten, aber "Negerküsse" oder "Mohrenköpfe" aus Zucker, Schokolade und Waffeln, sind nach wie vor der Renner auf Kindergeburtstagen. Und das ist, so der Gesprächsforscher Bernd Müller-Jaquier, der Grund, warum solche Begriffe immer noch benutzt werden: "Wenn ich sage, ich hätte gerne einen Mohrenkopf, habe ich eben die Chance, auch einen zu bekommen." Wer solche Phrasen benutze, sei nicht automatisch rassistisch. Es käme bei der Verwendung vielmehr auf die Intention an. Demnach kann man einem Gast, der im Restaurant ein "Zigeunerschnitzel" bestellt, nicht automatisch Rassismus vorwerfen.

Algerische Frauen mit weißen Kopftüchern (Foto: AP)

"Kopftuchmädchen" - wertet ab

Liriam Sponholz ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Medien und Kommunikationswissenschaft in Erfurt. Sie sagt, dass Sprache erst dann diskriminiert,  wenn sie kategorisiert, abwertet und Unterschiede konstruiert, die eigentlich nicht vorhanden sind. "Nicht alle rassistischen Begriffe sind auf den ersten Blick rassistisch. Sie können rassistisch verwendet werden, ohne dass man es sofort merkt. Jeder Begriff, der kategorisiert, ist prinzipiell verdächtig." Zum Beispiel das Wort "Kopftuchmädchen": Diese Bezeichnung kategorisiere, werte ab und unterstelle einen substantiellen Unterschied zwischen Mädchen mit und ohne Kopftuch – obwohl nicht klar sei, ob es diesen Unterschied tatsächlich gebe. Man müsse daher darauf achten, welche Funktion die Sprache habe, so Sponholz. Tut man dies, wird aber schnell deutlich: Auch scheinbar harmlose Begriffe im Alltagsgebrauch sind zweifelhaft.

Subtile Diskriminierung

Julia Bayer, Ethnologin und Dozentin an der Universität München, hat zum Beispiel beobachtet, dass diese Art der unauffälligen Diskriminierung vor allem bei der Beschreibung von Menschen vorkommt, die vermeintlich anders sind. Nicht nur am Stammtisch, sondern auch in den Feuilletons wird über "Ureinwohner", "Eingeborene" und "Naturvölker" geredet, die "fernab der Zivilisation" so leben "wie in der Steinzeit". Alle diese Begriffe lassen das Fremde vielleicht exotischer und spannender erscheinen – aber begegnen den Menschen dahinter nicht auf Augenhöhe.

Ein Mitglied der brasilianischen Kayapo mit traditionellem Kopfschmuck am Laptop (Foto: AP)

Ein Mitglied der brasilianischen Kayapo: der Kopfschmuck passt ins stereotype Bild, der Laptop nicht.

"Da schwingt eine urkoloniale Vorstellung mit, von einer weißen 'Rasse', die mehr wert ist als andere Leute", meint Bayer. Die Begriffe seien nicht nur wissenschaftlich falsch und veraltet, sondern transportierten auch oft falsche Assoziationen. Julia Bayer zitiert dazu ein Beispiel aus dem Buch "Afrika und die deutsche Sprache" von Susan Arndt und Antje Hornscheid: "Schließen sie die Augen, stellen Sie sich einen Häuptling vor und sagen Sie, was sie sehen. Ich selbst sehe einen Indianer mit Federschmuck, oder einen Stammesführer mit Lendenschurz - wobei auch diese Begriffe ihrerseits problematisch sind. Machen Sie nun dasselbe Experiment mit einem anderen Begriff: 'Ranghoher Politiker'. Das Ergebnis wird ein anderes. Und das, obwohl ein Häuptling nichts anderes ist als ein ranghoher Politiker. Da wird klar, wie an jedem Begriff Vorstellungen hängen und die Vorstellungen werden mittransportiert. Daher ist kein Begriff unschuldig", so Julia Bayer.

Das Fremde in unseren Köpfen

Ist der Gebrauch solcher Worte also einfach Unachtsamkeit oder steckt noch etwas anderes dahinter? Der Verweis auf rudimentäre Denkmuster? Für Julia Bayer sagen die Begriffe, die jemand verwendet, mehr über den Sprecher aus, als über die Personen, über die geredet wird. "Dieses sogenannte 'Fremde' war schon immer ein Ort von europäischen Fantasievorstellungen, die oft relativ wenig damit zu tun haben, wie das Leben der Anderen tatsächlich aussieht." Man habe schon in Kinderbüchern gelernt dass "Eskimos in Iglus leben" und dass "in Afrika die Leute Baströckchen tragen", so die Ethnologin. Man wisse zwar per Intellekt, dass diese Bilder stereotyp seien, aber sie säßen fest. Wenn wir also weiter von "Häuptlingen" und "Ureinwohnern" reden, die "wie in der Steinzeit" leben, wecken wir demnach Assoziationen, die von klein auf erlernt wurden – oft aber schlichtweg falsch und diskriminierend sind. Stattdessen fehlten in den Vorstellungen vieler Menschen die Bilder von Indigenen am Laptop, in Konferenzen und im Parlament, obwohl diese überall auf der Welt Realität seien.

Weder für Müller-Jacquier noch für Sponholz und Bayer liegt die Patentlösung aber darin, Begriffe zu tabuisieren und durch "glattere" zu ersetzen. Wenn man Personen nur über ihre Herkunft definiere, helfe es wenig, statt "Gastarbeiter" "Migrant" zu sagen, so Bayer.

Interkulturell und sensibel sprechen - geht!

Luftaufnahme des Amazonasregenwaldes (Foto: picture alliance/WILDLIFE)

Im Amazonasgebiet sind nicht alle gleich - diese Unterschiede sollte man auch sprachlich machen

Eine Regel, mit der man währenddessen aber gut fährt, ist laut Bernd Müller-Jacquier, sich an der Selbstbezeichnung der Gruppe zu orientieren. "Roma" statt "Zigeuner" und "Samen" statt "Lappen" für Indigene in Skandinavien. Das bedeute dann aber, so vordergründig harmlose Vokabeln wie "Eskimo" aus der Sprache zu streichen. Schließlich handelt es sich dabei um eine Bezeichnung, die verschiedenen Volksgruppen auf einem Gebiet zwischen Grönland, Kanada und Sibirien von außen aufgedrückt wurde – und die diese überhaupt nicht gerne hören. Da wäre die Bezeichnung "Inuit" schon politisch korrekter, wenn auch nicht für alle zufriedenstellend.

An vielen Stellen ist eine interkulturell sensible Sprache möglich, indem man schlicht aufhört zu exotisieren und zu simplifizieren. Die Menschen im Amazonas-Gebiet bilden zum Beispiel nicht ein einziges "Naturvolk", das "fernab der Zivilisation" lebt. Dass die Menschen dort diverse eigene Kulturen haben, die nicht "unzivilisiert" genannt werden können und sich nicht unbedingt über Naturverbundenheit definieren, ist in ethnologischen Fachkreisen selbstverständliches Wissen. Dieses scheint, dem alltäglichen Sprachgebrauch zu urteilen, aber noch nicht in den deutschen Köpfen angekommen zu sein. Zumindest in anderen Bereichen ist man weiter: Dass bei "Dönermorden" keine Fleischspieße umgebracht wurden, hat die Auszeichnung zum Unwort des Jahres 2011 sehr deutlich gemacht.

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