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Gastkommentar zur Bundestagswahl

Viktor Jerofejew: Deutschland braucht lebensfrohere Menschen an der Macht

Russen und Deutsche stehen sich mental sehr nahe. Und doch fehlen beiden Völkern entscheidende Eigenschaften, die sie für das jeweils andere unerreichbar machen, meint der bekannte russische Schriftsteller.

Im Unterschied zu anderen westeuropäischen Ländern ist Deutschland den Russen historisch verständlich. Die deutsche Mentalität ist der unseren verwandt, jedoch für uns unerreichbar. Bisweilen kommt es uns so vor, dass wir durchaus fast wie Deutsche werden könnten, wenn wir nur endlich ein neues Leben beginnen, unseren schlechten Gewohnheiten abschwören, uns ordentlich ins Zeug legen.

Nichtsdestoweniger bedeutet unser Unvermögen, ein neues Leben zu beginnen, keineswegs einen Bruch mit Deutschland. Eher handelt es sich um einen innerrussischen Bruch. Deutschland ist bei uns in allen möglichen Ausprägungen präsent, von alten deutschen Vierteln in russischen Städten bis zu den deutschen Prinzessinnen, die mit russischen Zaren verheiratet waren, von Bach bis Hitler, von den legendären deutschen Autos bis zu Kinderspielen.

Ein pazifistisches Land mit ängstlichem Gesicht

Vor diesem historischen Hintergrund zeigt sich das heutige Deutschland als pazifistisches Land mit ängstlichem Gesicht: Oh Gott, wenn bloß nichts Schlimmes passiert! Auf keinen Fall in irgendeinen Skandal verwickelt oder in einen lokalen Krieg hineingezogen werden, stets auf die guten Regungen der Seele hören und den bösen Kräften aus dem Weg gehen.

Deutschland trägt den Stempel chronischer Anspannung. Die Deutschen scheinen irgendwo tief innen einen Schmerz zu verbergen. Und dieser Phantomschmerz lebt in der deutschen Seele. Er macht sie verwundbar und manchmal auch ziemlich feige.

Ich habe ein sehr inniges Verhältnis zu Deutschland. Viele meiner Bücher sind auf Deutsch erschienen, mich verbindet nicht wenig mit diesem Land. Deshalb sehe ich den Wahlen in Deutschland tatsächlich besorgt entgegen: Wohin wird dieses Land gehen?

Ich würde mir wünschen, dass in Deutschland eine kluge Demokratie gewinnt - eine Demokratie, die imstande ist, sich zu verteidigen, und dabei offen bleibt für die Welt und ihre vielfältigen Kulturen.

Jetzt, da die Welt wieder in der Atmosphäre des Kalten Krieges versinkt, würde ich mir wünschen, dass die Deutschen aufhören, an der "Kinderkrankheit" des Anti-Amerikanismus zu leiden. Im Kreml reibt man sich natürlich die Hände angesichts der ständig wiederkehrenden Schübe dieser Krankheit.

Deutschland muss lockerer werden

Ich würde mir wünschen, dass in Deutschland lebensfrohere Menschen an die Macht kämen. Menschen, die nicht nur fähig sind, zu arbeiten und Schwierigkeiten zu überwinden, sondern auch, sich ebenso unbändig zu freuen wie zu arbeiten. Ich kenne solche Menschen in Deutschland - aber sie haben eine eher entfernte Beziehung zu den Mächtigen.

Deutschland ist ein starkes, ein modernes Land. Ich bin dort Wissenschaftlern und Künstlern begegnet - kreativen Menschen von höchstem Niveau, welche den internationalen Vergleich nicht zu scheuen brauchen. Deutschland sollte sich heiterer präsentieren: als ein Land mit hoch motivierten Studenten (ich habe an der Freien Universität Berlin unterrichtet und weiß, wovon ich rede), mit brillanten Journalisten, Professoren, gesellschaftlich engagierten Menschen, all jenen, die diskutieren und ihren Standpunkt verteidigen können.

Das propagandistische Bild vom verlogenen Paradies

Leider kommt Deutschland nur aus dem russischen Fernseher zu den Menschen, die irgendwo in der Weite des Landes in kleinen Städten leben und niemals dort gewesen sind. Und seit der Krimkrise arbeiten die staatlichen Sender auf Hochtouren daran, ganz Europa einschließlich Deutschlands wie einen großen Schwindel aussehen zu lassen, ein verlogenes Paradies. In Moskau und in der Provinz kann man sogar Autoaufkleber sehen mit Parolen wie: "Auf nach Berlin!" oder "Wir können das zurückholen!" Diese unglücklichen Menschen mit ihren von Propaganda vernebelten Hirnen verwechseln Gestern und Heute.

Man kann nur hoffen, dass die Politiker, die nach dem 24. September die deutsche Regierung bilden werden, wissen und verstehen, dass die grundlegenden Werte Russlands von seinen besten Kulturschaffenden verteidigt werden. Und das sind die Werte der großen russischen Literatur, nicht die der Propagandaschmiede des Kremls. Aus diesem Grund wird auch auf die russischen Künstler eingeprügelt (siehe den aktuellen Fall des Regisseurs Kirill Serebrennikow). Doch gerade die Kultur bietet Russland und Deutschland die Möglichkeit, aufeinander zuzugehen und einander zu verstehen. Wenn nicht jetzt, dann wenigstens in nicht allzu ferner Zukunft.

Aus dem Russischen übersetzt von Beate Rausch

Viktor Jerofejew, der heute, am 19. September, seinen 70. Geburtstag feiert, ist ein russischer Schriftsteller. 1979 wurde er aus dem Schriftstellerverband der Sowjetunion ausgeschlossen. International bekannt wurde er 1990 mit dem Roman "Die Moskauer Schönheit", der in 27 Sprachen übersetzt wurde. Er lebt in Moskau und äußert sich regelmäßig kritisch zur Politik Wladimir Putins.  

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