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Asien

Vietnams Tote sollen endlich Ruhe finden

40 Jahre nach Ende des Vietnamkriegs sollen mit deutscher Unterstützung 500.000 namenlose Kriegstote identifiziert werden. Das Mammutprojekt wird Jahre beanspruchen.

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Die namenlosen Toten des Vietnamkriegs

In Vietnam gehen die Geister um. Zumindest im siebten Monat des Mondkalenders. Die Vietnamesen feiern dann nämlich das Geisterfest Tet Trung Nguyen. Sie glauben, dass die Geister der Toten in dieser Zeit aus der Unterwelt aufsteigen, um im Reich der Lebenden nach dem Rechten zu sehen. Um die Geister der Toten gebührend zu empfangen, bereiten die Menschen für ihre Vorfahren rituelle Speisen vor, verbrennen Votivgeld und zünden Laternen an. Denn sind die Vorfahren nicht zufrieden, können sie der Familie Unglück bringen.

Die Verehrung der Toten und die Erinnerung an die Vorfahren ist zentraler Bestandteil der vietnamesischen Kultur. In keinem Haus fehlt der Ahnenaltar. Umso schmerzhafter ist für viele Familien, das hunderttausende Tote des Vietnamkriegs (1955-1975) als Namenlose in Massengräbern verscharrt wurden. Bis heute wünschen sich viele Familien Aufklärung darüber, wo ihre Verstorbenen sind, um sie anständig zu begraben und damit die Seelen der Toten endlich Ruhe finden.

Mammutprojekt mit deutscher Unterstützung

Die vietnamesische Regierung hat in den vergangenen Jahren bereits vereinzelt Massengräber und Friedhöfe mit unbekannten Toten aufgearbeitet. Jetzt hat sie entschieden, sämtliche Gräber im Land systematisch zu erfassen. Tran Dong, Botschaftsrat für Wissenschaft und Technologie der Sozialistischen Republik Vietnam sagt dazu: "Für Vietnam stellt das Identifizierungsprojekt einen entscheidenden Schritt zur Bewältigung unserer schmerzhaften Vergangenheit dar. Erst mit der Identifizierung und Beerdigung der Toten können viele Familien wirklich Frieden finden."

Vietnam, Ahnenverehrung, Votivgeld

Jedes Jahr schicken die Vietnamesen Milliarden als Rauch gen Himmel. Den Verstorebenen soll es an nichts mangeln

Die Überreste von geschätzt 500.000 Toten müssen geborgen, ihre DNA herausgearbeitet und mit den heute noch lebenden Verwandten abgeglichen werden. "Ein Projekt dieser Dimension wird viele Jahre, vielleicht sogar Jahrzehnte dauern", sagt Wolfgang Höppner vom deutschen Genetiklabor Bioglobe in Hamburg gegenüber der DW. Das Labor gehört zu dem Konsortium, das mit dem Mammutprojekt betraut wurde. Höppner hat einen Projektplan entworfen. Neben Bioglobe sind noch das Institut für Rechtsmedizin der Universität Hamburg und die Unternehmen QIAGEN sowie die Hamburger Eppendorf AG beteiligt.

Höppners Labor bildet vietnamesische Forensikexperten fort, damit diese dann mit der allerneusten Technik von QIAGEN und der Eppendorf AG die Überreste untersuchen. "Ziel ist, dass in fünf Jahren ein bestimmter Teil - etwa 300.000 dieser Skelette - aufgearbeitet werden", erklärt Höppner.

Technische Herausforderungen

Das wird allerdings nicht leicht. Der Vietnamkrieg endete 1975. Die Überreste der Toten sind damit mindestens 40 Jahre lang dem tropischen Klima, Mikroorganismen und dem Wurzelwerk von Pflanzen ausgesetzt gewesen, die die DNA beschädigen und kontaminieren. Höppner sagt: "Das Material ist sehr stark abgebaut und enthält nur noch geringe Spuren von DNA. Diese Spuren herauszupräparieren ist relativ schwierig." Allerdings seien in den letzten fünf bis zehn Jahren große Fortschritte erzielt worden. Er ist zuversichtlich mit der Herausforderung fertig zu werden. "Wobei wir nicht behaupten, dass wir zu allen gefundenen Überresten tatsächlich ein Profil liefern können, dass für die Identifizierung geeignet ist."

Vietnam Gräber von unbekannten Soldaten aus dem Krieg mit USA

Das Grab eines identifizierten Toten auf einem Friedhof in Zentralvietnam wurde frisch gestrichen und mit Blumen geschmückt

Optimistisch stimmt Höppner die aktuelle Zusammenarbeit mit den vietnamesischen Kollegen in Hamburg: "Das läuft alles ganz wunderbar." Wie es dann vor Ort in Hanoi in einigen Monaten weitergeht, müsse man abwarten. Aber soweit er gehört habe, würden die Labore bereits umgebaut, die besonders hohen Standards etwa bei der Belüftung genügen müssen, um weiteren Verunreinigungen der Überreste vorzubeugen.

Aufwendige Suche

Bei der großen Zahl der Toten muss die Initiative zum DNA-Abgleich von den heute noch lebenden Angehörigen ausgehen. Wer einen Verwandten suchen lassen möchte, wendet sich an die Behörden. Diese versuchen dann mit Hilfe von Anhaltspunkten wie dem Jahr, in dem der Tote verschwunden ist, der Einheit, in der er gedient hat oder dem Ort, an den ihn der letzte Marschbefehl geführt hat, die Stelle einzugrenzen, wo sich die sterblichen Überreste befinden könnten. Dann werden die DNA-Proben der Lebenden mit denen der in der Region aufgefundenen Toten abgeglichen. "Schließlich wird ausgerechnet, mit welcher Wahrscheinlichkeit es sich tatsächlich um den Vermissten handelt. Und wenn die Wahrscheinlichkeit groß genug ist, dann kann man die Überreste der Familie übergeben", erklärt Höppner.

Bildgalerie Horst Fass Vietnamkrieg

Der Vietnamkrieg wurde mit großer Brutalität geführt. Oft gerieten Zivilisten zwischen die Fronten

Gefahr des Missbrauchs

Im Laufe des Projekts entsteht so eine umfangreiche Gendatenbank von tausenden vietnamesischen Bürgern. Da besteht natürlich auch die Gefahr des Missbrauchs. "Diese Gefahr sehe ich", sagt Höppner und verweist auf die Beteiligung der Internationalen Kommission für vermisste Personen (ICMP), die nach dem Jugoslawienkrieg gegründet wurde und seither in der ganzen Welt das Schicksal Vermisster nach Naturkatastrophen, Kriegen und Bürgerkriegen aufklärt. Das ICMP hat in den Ex-Jugoslawienstaaten Verfahren entwickelt, um die sensiblen Daten so sicher wie möglich zu verwalten. Eine vollständige Anonymisierung ist aber nicht möglich, da ja sonst keine Zusammenführung der Toten und der Lebenden möglich wäre.

Höppner erklärt mit Nachdruck: "Ich lege großen Wert darauf, dass ICMP die Erfahrung, die sie in Jugoslawien gesammelt hat, auch an die Vietnamesen weitergibt und ihnen Wege aufzeigt, wie dieses Projekt gemanagt werden muss, damit ein Missbrauch nicht möglich ist. Wenn natürlich von Regierungsseite darauf kein Wert gelegt wird, dann kann man darauf von außen keinen Einfluss nehmen." Allerdings ist für Höppner auch klar, dass die Menschen ihre Daten nicht zur Verfügung stellen werden, wenn sie befürchten, dass sie dadurch in Schwierigkeiten geraten und die Daten auch für andere Zwecke verwendet werden.

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