Der lange Schatten des Vietnamkriegs | Asien | DW | 08.07.2015
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Asien

Der lange Schatten des Vietnamkriegs

Für viele Veteranen aus Vietnam ist der Krieg noch nicht vorbei. Bis heute leiden sie an der Vergiftung durch das Entlaubungsmittel "Agent Orange". Die Dokumentation "Lighter Than Orange" erzählt ihre Geschichte.

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Trailer: Lighter Than Orange

Von 1961 bis 1971 setzte das US-amerikanische Militär diverse Entlaubungsmittel ein, um dem kommunistischen Gegner in den Wäldern leichter aufzuspüren und ihm die Nahrungsgrundlage zu entziehen. Produziert wurde das Gift von den Konzernen Dow Chemical, Monsanto und anderen. Insgesamt wurden mehr als 73 Millionen Liter Herbizide durch Hubschrauber, Flugzeuge oder mittels Löschkanonen und Schläuchen versprüht. Etwa zwei Drittel der ausgebrachten Chemikalien waren mit hochgiftigen Dioxinen belastet.

Die Dioxine vergifteten nicht nur vietnamesische und amerikanische Soldaten, sondern lagerten sich auch in den Böden an, so dass sich bis heute immer noch Menschen über Nahrungsmittel oder das Wasser vergiften. Allein in Vietnam sind mindestens drei Millionen Menschen betroffen. Die Folge: Krebs, Fehlbildungen und genetische Mutationen, die über viele Generationen weitervererbt werden.

Die Dokumentation "Lighter Than Orange" von Matthias Leupold schildert den Horror des Krieges und das nicht endende Leid von zwölf vietnamesischen Veteranen und deren Familien. Die Veteranen leben, zumindest zweitweise, im sogenannten Dorf der Freundschaft. In dem internationalen Projekt werden Opfer von Agent Orange betreut und unterstützt.

Im Interview mit der Deutschen Welle berichtet der Dokumentarfilmer von der Entstehung des Films und was ihn besonders bewegt hat.

Deutsche Welle: Wann und unter welchen Umständen ist Ihnen das Thema Agent Orange zum ersten Mal begegnet?

Lighter Than Orange Matthais Leupold

Matthias Leupold, Filmemacher

Matthias Leupold: Ich war 2010 und 2011 mit Fotografie-Studenten zu Workshops in Vietnam, für ein Buch-Projekt, das nichts mit Agent Orange zu tun hatte. Außerdem wollte ich ein Haus bauen, als Begegnungsstätte für asiatische und europäische Studenten. Auf der Suche nach einem geeigneten Ort bin ich auf das Dorf der Freundschaft gestoßen. Dort leben 120 Jugendliche, die an den Folgen von Agent Orange erkrankt sind und inzwischen auch 60 Veteranen. So bin ich auf das Thema gekommen.

Wann haben Sie sich entschieden, einen Film über das Thema zu machen?

Zuerst wollten wir dazu eine Kunstausstellung zu machen, mit Fotografien der Veteranen. Die Fotografien wollten wir auf Monitoren in einem Kreis aufstellen, mit Kopfhörern, über die der Besucher sich die Geschichte der Männer anhören kann. Dann wurde mir klar, dass die Problematik zu groß und die Reichweite einer solchen Ausstellung dafür zu klein wäre. So entstand schließlich die Idee, einen Dokumentarfilm zu machen.

Was ist ihnen persönlich von der Arbeit in Vietnam besonders im Gedächtnis geblieben?

Besonders berührt hat mich der Umgang der Menschen mit ihrem Schicksal. Das sind ja unabänderliche Tatsachen, die in die Familien sehr tief eingreifen, und zwar über Generationen. Man muss erst einmal begreifen - was eine ganze Weile dauert -, dass das Erbgut dauerhaft verändert ist und dass über jeder Schwangerschaft in den betroffenen Familien die bedrohliche Frage schwebt, ob das Kind jetzt gesund zur Welt kommt oder nicht. Es ist unglaublich, wie die Menschen damit umgehen. Für viele ist das Ertragen ihres Schicksals eine Selbstverständlichkeit, die manchmal sogar poetische Züge bekommt. Die Menschen schreiben Gedichte darüber. Auch wie die Menschen in den Familien miteinander umgehen und füreinander sorgen, hat mich tief beeindruckt.

2005 ist ein Entschädigungsverfahren, das amerikanische und vietnamesische Betroffene angestrengt hatten, vor dem zuständigen Gericht im Staat New York abgewiesen worden. Das amerikanische Verfassungsgericht hat eine Anhörung 2009 abgelehnt. Wie bewerten Sie dieses Urteil?

Es ist im amerikanischen Recht nicht so einfach, auf Entschädigung zu klagen. Das liegt daran, dass jeder einzelne, der krank ist, eine individuelle Klage anstrengen muss. Allerdings ist die Kausalität zwischen dem massenweisen Versprühen von Agent Orange und der Krankheit des einzelnen Betroffenen praktisch nicht nachweisbar. Das ist nur für eine Gruppe nachweisbar. Deswegen haben zum Beispiel die amerikanischen Veteranen nur als Gruppe, nicht aber als Einzelpersonen Geld bekommen.

Es ist aber nun mal Tatsache, dass Chemikalien von Monsanto und anderen Firmen, auch solchen aus Deutschland und der damaligen Tschechoslowakei, versprüht wurden und die Menschen krank machen. Abgesehen von der politisch-juristischen Ebene ist man verpflichtet, den Menschen zu helfen.

Was hoffen Sie, mit dem Film zu erreichen?

Einer der Veteranen, der zwölf tote Kinder zu beklagen hat, sagte nach dem Interview: Ihr fahrt jetzt nach Hause, aber was wird aus meiner Tochter Nga, die bald niemanden mehr hat, der sich um sie kümmert? Ihre Eltern haben nämlich die 70 schon überschritten. Die Idee war dann, für zwei der Familien mit dem Film Geld zu sammeln. Allerdings war das bisher erfolglos.

Warum erfolglos?

Die Zuschauer sind oft so betroffen nach dem Film und wissen gar nicht, dass die Opferzahlen so astronomisch hoch sind, dass sie überfordert sind. Sie gehen dann nicht den Weg, Geld in die Hand zu nehmen, um die Menschen zu unterstützen.

Was der Film aber vielleicht trotzdem leisten kann, habe ich vor kurzem auf einer Konferenz erlebt. Der Film bewahrt die Lebensgeschichten von zwölf Veteranen und auch ein Stück ihres Wesens. Der Zuschauer sieht und hört sie und in einigen Fällen ihre Gedichte.

Außerdem gibt es eine Reihe von Anfragen von Universitäten, die den Dokumentarfilm zeigen oder bei der Ausbildung ihrer Studenten einsetzen wollen. Vielleicht trägt der Film auch dazu bei, Konflikte zukünftig anders anzugehen als im Fall des Vietnamkriegs.

Matthias Leupold ist Professor für Fotografie an der Berliner Technische Kunsthochschule. Der Film "Lighter Than Orange" wurde auf zahlreichen internationalen Dokumentarfilmfestivals gezeigt und unter anderem mit dem Grand Prize des „Socially Relevant Film Festivals in New York ausgezeichnet.

Das Interview führte Rodion Ebbighausen.

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