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Kultur

Venedig versinkt im Touristen-Meer

Die Stadt Venedig hat Anstandsdamen angestellt, damit sich die Touristen künftig besser benehmen. Doch ob man damit den täglichen Touristenansturm besser in den Griff bekommt, bleibt fraglich.

Markusplatz in Venedig, Quelle: dpa

Touristenmagnet: Markusplatz in Venedig

Es ist ein sonniger Junitag. Der Markusplatz, einer der berühmtesten Plätze der Welt, ist mit tausenden von Touristen gefüllt. Touristengruppen von China bis Portugal drängen sich am Eingang des Markusdoms. Andere Venedigbesucher kreischen auf, als Tauben auf ihren ausgestreckten Armen landen.

Eine Gruppe prächtig gekleideter indischer Touristen hat ihre Sandalen ausgezogen und entspannt sich auf den Stufen rund um den Platz. Neben ihnen packt eine holländische Familie einen großen Fresskorb aus. Ähnliche Szenen wiederholen sich rund um die berühmte Piazza, die mit einer Kombination aus großartigem Ausblick und schattenspendenden Loggias der ideale Pausenfleck ist. Aber genau dieses Touristen-Verhalten versucht Venedigs Stadtverwaltung jetzt zu stoppen.

Hostessen sollen für Anstand sorgen

Touristen-Hostessen in Venedig, Quelle: Deutsche Welle

Touristen-Hostessen auf Anstandsmission

Diese hat das Essen, Sonnen, Hinlegen und Campieren auf der Piazza und der umliegenden Nachbarschaft verboten. Sogenannte "Hostessen" sollen darüber wachen, dass die Regeln eingehalten werden.

"Die sieben Hostessen sollen das gute Benehmen fördern", sagt Tourismus-Stadtrat Augusto Salvadori. "Sie erklären den Touristen zum Beispiel, dass sie nicht auf der Piazza picknicken oder ihren Oberkörper entblößen sollen. Und sie erinnern sie daran, dass sie nicht einfach ihren Müll rumliegen lassen können."

Salvadori sagt, dass die Einführung der Hostessen eine "positive Initiative" sei, die den "Anstand und Sauberkeit" auf dem Platz wiederherstellen soll. Aber auf dem Markusplatz ist diese Benimm-Dich-Razzia nicht gerade beliebt. "Das ist lächerlich", sagt die Amerikanerin Courtney Walker, während sie ihren Hamburger und Fritten fest umklammert. Sie wurde gerade gemeinsam mit ihren Freunden von den Treppen verscheucht. "Bei McDonald's kann man nirgendwo essen und dieser Platz hier ist doch riesig." Viele Venezianer teilen diese Meinung. So würden die Hostessen vor allem nicht das Problem beheben, wie man mit mehr als 19,5 Millionen Touristen im Jahr umgehen soll.

Venedig an einem Tag

"Statt zukünftige Strategien für den Tourismus und die Bewirtschaftung zu entwickeln, verbietet die Stadtverwaltung das Essen von Sandwiches", sagt Andrea Chiappa, Vize-Präsident der Hotelier-Vereinigung Venedig, kopfschüttelnd.

Gondeln am Canale Grande in Venedig, Quelle: AP

Venedig ist voll von Sehenswürdigkeiten ...

Nach Rom ist Venedig das beliebteste Reiseziel in Italien. Doch die meisten Touristen kommen nur für einen Tag, um die hohen Preise zu vermeiden - bestückt mit Wasserflaschen und Lunchpaketen.

"Die Tagestouristen kosten hinsichtlich der Instandhaltung und Reinigung viel mehr, als was sie in die Stadt bringen", sagt Chiappa. Aber die Touristen sind nicht nur teuer, sie drängen auch vermehrt die Venezianer aus der Stadt. In den letzten 50 Jahren hat sich die ansässige Bevölkerung auf 62.000 halbiert. Statistiker gehen davon aus, dass sich Venedig - sollte dieser Trend anhalten - bis zum Jahr 2030 in eine Geisterstadt verwandeln würde.

Venezianer wehren sich

"Alles hier dreht sich um die Touristen", beschwert sich Anwohner Sergio Malara. "Es gibt fast keine Grundversorgung mehr. Einen Metzger, einen Obst- und Gemüsehändler oder einen Schuster findet man kaum noch." Stattdessen sind die Straßenzüge im Zentrum voll von Läden mit venezianischen Masken und Glasperlen.

Zwei japanische Touristen fotografieren, im Hintergrund sieht man einen Kanal, Quelle: picturebox

... und von Touristen

Ein weiteres Problem sind die engen Gassen und Brücken. Malara ist aus der Stadtmitte weggezogen, weil es ihm einfach auf Dauer zu stressig war, sich jeden Morgen - besonders in den Sommermonaten - durch die Horden von Touristen zur Arbeit zu kämpfen.

Doch zieht einmal ein Anwohner wie Malara weg, kommt so schnell kein neuer nach. Denn die Eigentumspreise sind so hoch, dass es sich nur wenige Venezianer leisten können, eine Wohnung im Zentrum zu mieten oder zu kaufen. Das führt zwangsläufig dazu, dass die leer stehenden Wohnungen an die Touristen vermietet werden, die für ein kleines, moskitoverseuchtes Zimmer mit Bad auf dem Gang ohne zu Zögern 100 Euro bezahlen.

Im Bemühen darum, den Wegzug der ansässigen Venezianer aufzuhalten, hat die Stadtverwaltung die Regeln für Hotel-Neueröffnungen verschärft. Doch das neue Gesetz ist lückenhaft, so dass sich weiterhin Pensionen und Bed&Breakfasts ausbreiten können. Allein in den letzten Jahren wurden mehr als 700 in Venedig eröffnet.

Wohin mit den Touristen?

Eine Begrenzung der Anzahl der Touristen, wäre eine Idee, wie man den täglichen Touristenansturm lösen könnte. Allerdings müsste laut Hotelier Chiappa noch einiges getan werden, bevor man solche "drastischen Maßnahmen" diskutiert.

Abendstimmung in Venedig -Blick auf Markusplatz und Dogenpalast, Quelle: AP

Abend in Venedig: Ruhe nach dem täglichen Touristenansturm

"Die Touristenseason geht von April bis Oktober. Im Winter liegt die Belegung der Hotels bei unter 50 Prozent", sagt Chiappa. Er kritisiert, dass die wichtigsten Ereignisse vorwiegend im Juni und September stattfinden und auch die Museumsausstellungen während der Sommermonate laufen. "Man kann doch genauso gut im Winter ins Museum gehen", sagt er.

Als die Sonne untergeht schwärmen die Touristen aus der Stadt und die Venezianer auf die Plätze, um einen ruhigen Abend zu genießen. Doch treffen sich hier vor allem grauhaarige Rentner auf einen Aperitif oder auf ein Schwätzchen auf der Parkbank. Die jüngeren Venezianer sind schon längst weggezogen.

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