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Bücher

Rondo Veneziano - Zu Besuch bei Donna Leon

Sie ist eine der erfolgreichsten Krimi-Autorinnen: Donna Leon. Eine amerikanische Venezianerin, die es bewusst darauf anlegt, ihren Bekanntheitsgrad in der Lagunenstadt gering zu halten.

Eine Gondel unter der Rialto-Brücke in Venedig

Venedig - eine kleine Stadt in Italien

Mich interessiert, warum jemand etwas tut. Weniger wie er es tut. Warum tut jemand eine gute oder eine schlimme Sache, wie rechtfertigt derjenige das? Ich finde das faszinierend.

Kein Wunder, dass diese Frau Krimiautorin ist, und eine der berühmtesten dazu: Donna Leon. Eine kleine, weißhaarige Person mit ausufernden Gesten. Ihre Energie hat etwas Mitreißendes. Sie ist Amerikanerin. Eine amerikanische Venezianerin. Oder eine venezianische Amerikanerin?

Als Kind las ich meine Geschichts- und Erdkundebücher und sah Bilder von Venedig, außerdem gab es natürlich auch Filme. Zum Beispiel diesen Film mit Katharine Hepburn, wie heißt der noch gleich, in dem sie in den Kanal fällt. Ich kam 1966 zum ersten Mal für ein paar Tage hierher. Damals hatte ich gerade die Universität beendet und lebte in Rom, wo ich ein Zusatzstudium machte. Ich weiß noch genau, wie ich aus dem Bahnhof trat und dachte: "Oh, mein Gott! Das ist eine Stadt aus Wasser!“

"Ich mag ihn immer noch!"

Wir begleiten Donna Leon durch die Gassen der Wasserstadt, in der sie seit einem Vierteljahrhundert zu Hause ist. Ihre Krimis sind kleine soziologische und kulturgeschichtliche Italien-Leitfäden, und ihr Venedig ist ein alltäglicher Ort. Er besteht aus kleinen Läden, in denen jeder jeden kennt, aus unzähligen Cafés, aus den Wasserbussen, die "vaporetti" heißen, und natürlich aus Kanälen, Gassen und Plätzen, auf denen man sich dauernd über den Weg läuft.

Vielleicht, um ihrem privaten Venedig-Kult eine neue Form zu verleihen, erfand Donna Leon Anfang der 1990er Jahre einen Kommissar namens Guido Brunetti.

Donna Leon und Uwe Kockisch (Darsteller des Commissario Brunetti)

Donna Leon und Uwe Kockisch (Darsteller des Commissario Brunetti)

Viele Eigenschaften Brunettis waren von vornherein klar. Um ein Commissario sein zu können, brauchte er ein bestimmtes Alter. Er musste einen Universitätsabschluss haben, zum Beispiel in Jura, und an der Uni konnte er dann seine Frau kennen gelernt haben, denn das ist der Ort, wo man sich meistens kennen lernt. Sie sollten Kinder haben, vielleicht sogar zwei, sie sollten gebildete Leute sein, also sind auch ihre Gespräche kultivierte Gespräche. All das stand für mich schon fest, noch bevor er einen Namen hatte. Außerdem habe ich mir gesagt, "Du wirst eine Weile lang mit diesem Mann zu tun haben, es sollte also ein Mann sein, mit dem du gerne sechs Monate verbringen würdest". Jetzt habe ich 16 Jahre mit ihm verbracht, und ich mag ihn immer noch!

Pragmatismus und raue Herzlichkeit

Er ist auch wirklich sehr nett, dieser Brunetti. Ein zufriedener Familienvater mit viel Humor und einer Schwäche für griechische Klassiker und gute Küche. Er glaubt an die Macht der bürgerlichen Institutionen. Dass Leons freundlicher Kommissar vor allem in Deutschland eine riesige Anhängerschaft hat, mag mit der geschickten Kombination uritalienischer Tugenden und amerikanischer Eigenschaften zusammenhängen, was dem deutschen Idealbild eines Italieners sehr nahe kommt. Brunetti, seine Frau Paola und die beiden Kinder sind für deutsche Leser so etwas wie eine italienische Ersatzfamilie. Und dann das viele Essen!

Nennen Sie mir einen Italiener, für den Essen nicht wichtig ist! Das fällt mir immer bei den deutschen Lesern auf: sie wundern sich über das Essen in meinen Büchern - Italiener täten das nie. Sie würden einfach sagen: "Aha, es gab Mittagessen, aha, sie haben zu Abend gegessen, okay, blättern wir weiter". Aber Deutsche nehmen das immer als eine große Sache wahr. Wow, sie essen Nudeln und dann essen sie auch noch ein Kotelett! Man isst wie ein Christenmensch!

Ob Giftmüll, Kunstraub, Menschenhandel oder die dunkle Vergangenheit adliger Venezianer, gekräftigt durch die köstlichen Mahlzeiten kommt Leons aufrechter Polizist den Übeltätern meistens auf die Schliche. Und häufig hilft Brunetti auch der gesunde Pragmatismus seiner Ehefrau. Paola, Professorin für Anglistik, ist in ihrer rauen Herzlichkeit unserer Gastgeberin nicht unähnlich.

Sie ist die Person, die auf jeden Anflug von männlicher Überlegenheit mit Kichern und Lachen reagiert und sagt, "Ach, das ist doch Unsinn …"

Ungereimtheiten der Gesellschaft

Donna Leon schreibt sozialkritische Krimis und nimmt auf zahlreiche Ungereimtheiten der italienischen Gesellschaft Bezug. Ihre behagliche Wohnung scheint genau die richtige Kulisse zu sein, um die beunruhigenden Hintergründe der Verbrechen verkraften zu können: ein Dachgeschoss mit freigelegten Deckenbalken, alten Holzmöbeln, Bildern an den Wänden und Bücherstapeln.

Innenansicht des Teatro La Fenice in Venedig

Das Teatro La Fenice nach dem Wiederaufbau 2004

Weil sie möglichst viel Zeit zum Lesen haben wollte, studierte die 1942 in New Jersey geborene Leon Literaturwissenschaften und ging dann als Englischlehrerin nach Italien, in den Iran, später nach Saudi-Arabien und China. Lesen und dafür bezahlt werden - das schien ihr ein idealer Lebensplan zu sein. Ein Gespräch mit dem Dirigenten Gabriele Ferro in der Garderobe von La Fenice, bei dem sie sich einen Mord an einem Dirigenten ausmalten, inspirierte sie zu ihrem Debüt.

Ich schrieb also dieses Buch, und alles, was ich wissen wollte, war, ob mir das gelingt. Dann verschwand es in einer Schublade. Schließlich erzählte mir ein Freund von einem Krimi-Wettbewerb in Japan und sagte: "Schick Dein Manuskript da hin!" Ich tat das, und sechs Monate später bekam ich eine Einladung für die Endrunde des Wettbewerbs. Das stimmt wirklich! Es klingt wie eine erfundene Geschichte. Also Japan. Ich fuhr hin, ich gewann. Jemand empfahl mir einen Agenten in New York, der dann mein Buch unterbrachte. Der Verlag, der es gekauft hatte, wollte ein zweites, also schrieb ich ein zweites. Dann wollten sie noch zwei, und dann fand ich zum Glück den Diogenes Verlag. Dem Diogenes Verlag verdanke ich meine Karriere.

"Man sollte ein normales Leben führen"

Die opernbegeisterte Krimi-Expertin nimmt ihren großen Erfolg eher verblüfft zur Kenntnis, dabei erschließen ihre Bücher nicht nur die politischen Verhältnisse ihres Gastlandes, sondern sind auch handwerklich perfekt gearbeitet.

Als ich auf der Uni war, besaß ich keinen Fernseher, und wenn ich keine Lust mehr hatte auf weitere 50 Seiten Henry James, habe ich einfach Krimis gelesen. Die Plots sickerten nach und nach in meine DNA ein. Als ich anfing zu schreiben, war mir das gar nicht klar. So ähnlich, wie wenn man seiner Mutter fünfzehn Jahre lang beim Kochen zuschaut. Man fängt selber an zu kochen und weiß automatisch, wie es geht, ohne dass man jemals darüber nachgedacht hätte.

Aber um keinen Preis will Donna Leon in ihrer unmittelbaren Umgebung als etwas Besonderes gelten und verzichtet bewusst auf die Veröffentlichung ihrer Krimiserie in Italien.

Ich denke, es ist wichtig, ein normales Leben zu führen. Wenn man berühmt wird, ist das Leben nicht mehr normal. Viele Beziehungen sind nicht mehr normal. Nach meiner Erfahrung mit Berühmtheiten ist es so, dass diese Menschen anders behandelt werden. Mir selbst geht es mit Opernsängern so. Für mich sind Sänger Götter. Im Umgang mit ihnen bin ich anfangs nie entspannt, weil ich das, was sie tun, einfach so sehr bewundere. Und das ist keine gute Basis für eine gesunde, gleichwertige Beziehung. Aus diesem Grund möchte in an einem Ort leben, wo mir diese Form von Aufmerksamkeit nicht entgegen gebracht wird. Ich bin hier ein völlig gewöhnlicher Mensch. Alle Leute kommen ganz normal auf mich zu. Wenn ich hier als eine Celebrity, als eine berühmte Person lebte, wäre das nicht so, manche wären vielleicht befangen, der Müllmann oder der Briefträger.

Fundgrube für Ideen

Nichts liebt die venezianische Amerikanerin mehr als den Tratsch mit den Nachbarn und den Geschäftsleuten auf dem Platz vor ihrem Haus. Und jedes Mal hat jemand wieder etwas gehört von jemandem, der etwas gehört hat. Eine Fundgrube für Ideen. Donna Leon steckt gerade mitten in ihrem neuen Brunetti-Fall und weiß noch nicht, wer der nächste Tote sein wird. Also muss sie wieder nach draußen und hören, was sich die Leute so erzählen.

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