1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Ein Marsch für die Wissenschaft

USA: Gespaltene Meinungen über den "March for Science"

Beim "March for Science" am 22. April werden Wissenschaftler rund um den Globus auf die Straße gehen und für mehr Respekt kämpfen. Besonders in den USA wird der Protest aber mit gemischten Gefühlen erwartet.

USA Proteste gegen Donald Trump in Washington (Getty Images/A. P. Bernstein)

Demonstrationen gegen Trump sind keine Seltenheit. Am 22. April kommt eine weitere Protestaktion hinzu.

US-Präsident Trump interessiere sich wenig für die Erkenntnisse der modernen Wissenschaft, sagen seine Gegner. Seine Attacken auf Wissenschaftler und die Verleugnung des Klimawandels alarmieren seit Monaten Forscher weltweit.

Bei dem bevorstehenden "March for Science" am 22. April verlassen Forscher ihre Labore und Universitäten, um mehr Anerkennung für die Wissenschaft zu fordern. Für einen Teil der Akademiker ist es selbstverständlich, für die Forschung und die Zukunft ihrer Disziplinen einzutreten. Andere sind skeptisch und hinterfragen die Absichten einer Demonstration: Sie könnte Forscher in eine fragwürdige Position als politische Aktivisten drängen.

Erst Frauen, dann Forscher

Nach dem internationalen "Women's March" war für die New Yorkerin Caroline Weinberg klar, dass sie sich auch als Forscherin im Gesundheitswesen nicht den Mund von der neuen US-Regierung verbieten lassen will. Wie kein Präsident vor ihm zeige sich Trump resistent gegen Fakten und die Erkenntnisse der modernen Wissenschaft, etwa im Hinblick auf Klimawandel, Umweltschutz oder Lebensmittelsicherheit.

Auf dem Kurznachrichtendienst Twitter machten sich Caroline Weinberg und andere Forscher Luft. Kurze Zeit später wurde die Idee für den "March for Science" geboren: "Viele Menschen dachten darüber nach, für die Wissenschaft auf die Straße zu gehen, im Netz nahm der Protest konkrete Züge an", erinnert sich Weinberg, die jetzt die Organisation des "March for Science" in Washington DC leitet.

Schnell wurde der "March for Science" zum viralen Hit. Innerhalb weniger Stunden wuchs die Zahl der Anhänger von 100 auf über 30.000 an. Inzwischen zählt der Twitter-Account über 345.000 Follower.

Earth Day 2010 (Getty Images/Washington Post)

Wird der "March for Science" so gewaltig wie die Demonstrationen zum Earth Day?

Protest am "Earth Day"

Auch die Präsidentin des internationalen Earth-Day-Netzwerks, Kathleen Rogers, wurde auf den geplanten Protest aufmerksam und schloss sich kurzerhand dem Team rund um Caroline Weinberg an. Die Organisation mit Sitz in Washington DC beobachtete in den letzten Monaten mit großem Unmut die radikale Haltung der neuen US-Regierung gegenüber Wissenschaft und Technik. "Vermehrt wurden folgenschwere Beschuldigungen gegen die wissenschaftliche Gemeinschaft laut. Forscher werden in den USA als unseriös, verlogen beschimpft", erklärt Rogers. "Ihre Arbeit wird nicht ernst genommen und als politisch voreingenommen verschrien." Rogers sieht die Demonstration als bedeutsame Reaktion besorgter Wissenschaftler und Bürger und befürwortet es deshalb, dass der Protest am internationalen "Earth Day", dem Tag der Erde, stattfindet.

Kritische Stimmen

Einige Kritiker aus den Reihen der Wissenschaft verurteilen das Vorhaben hingegen: Sie sehen dahinter zuviel problematischen, politischen Eifer. "Aus diesem Marsch für die Wissenschaft ist innerhalb kürzester Zeit ein Protest für soziale Gerechtigkeit geworden. Die Forschung steht hinten an, das ist einfach falsch", kommentiert Jerry Coyne, Biologieprofessor an der University of Chicago.

Jerry Coyne (Andrew West/British Humanist Association)

Jerry Coyne steht dem "Marsch für die Wissenschaft" skeptisch gegenüber

Coyne ist sich nicht sicher, ob er an der Demonstration teilnehmen wird: "Die Veranstalter waren sich zu Beginn nicht wirklich im Klaren darüber, was ihre Botschaft ist. Das hat viele abgeschreckt", meint er. Aus seiner Sicht würden wissenschaftliche Themen bei der Veranstaltung instrumentalisiert, um gegen bestimmte Parteien zu demonstrieren. Das rücke Forscher und ihre Arbeiten in der Öffentlichkeit in ein schlechtes Licht.

Nur eine Frage des Geldes

Auch Sterling Burnett, wissenschaftlicher Mitarbeiter für Energie und Umwelt am Heartland-Institut in Chicago, übt Kritik an den Absichten der Veranstalter und Demonstranten: "Klimaforscher machen sich nach dem Regierungswechsel Sorgen um ihre Forschungsgelder. Das ist der einzige Grund, weshalb sie auf die Straße gehen", sagt er. "Sie wollen Geld, und wenn die Budgets gekürzt werden, behaupten sie, dass sie von der Politik attackiert werden." Das Institut, für das Burnett tätig ist, steht dem Klimawandel ebenso wie Trump skeptisch gegenüber.

Für Burnett spiegelt sich in dem Protest die Unzufriedenheit von Klimaforschern im ganzen Land wieder: "Es geht für sie nicht darum, dass Donald Trump die Wissenschaft attackiert. Es geht darum, dass er ihre Meinung nicht teilt und deshalb andere Forschungszweige fördern will. Das Geld wird knapp - das geht ihnen gegen den Strich."

Für Veranstalterin Caroline Weinberg ist diese Argumentation schlichtweg nicht weit genug gedacht: "In der Tat: die finanzielle Förderung ist wichtig", sagt sie. "Aber der Protest geht weit darüber hinaus. Wir setzen uns für unsere Zukunft, für die Zukunft unseres Planeten ein. Wenn dies kein Grund ist, zu kämpfen, dann fällt mir nichts ein, für das es sich zu kämpfen lohnt." Es bliebe nicht ohne Konsequenzen, wenn wissenschaftliche Fakten von Entscheidungsträgern in der Politik ignoriert würden: "Wir alle leben auf demselben Planeten und teilen die gleichen Risiken, wenn die Forschung von der Politik diskreditiert wird", meint Weinberg.

Das große Ganze im Blick behalten

Andere Forscher bezweifeln schlichtweg, dass der Protestzug einen großen Einfluss in den USA haben wird: "Die Demonstranten werden nicht die Menschen erreichen, an die ihre Botschaft gerichtet ist", kommentiert Robert Young, Küstenforscher an der Western Carolina University. "Ich weiß nicht, auf welche Weise der Präsident erreicht werden kann, aber eine Demonstration wird definitiv nichts ausrichten."

Robert Young (Ashley T. Evans, WCU)

Pessimistisch eingestellt: Forscher Robert Young

Stattdessen sei viel Arbeit nötig, um eine Veränderung zu erreichen: "Wissenschaftler müssen ihre Botschaft unter das Volk bringen und auf die derzeitige Problematik im persönlichen Dialog aufmerksam machen", erklärt Young weiter. Der Fokus müsse auf der gesamten Bevölkerung liegen, besonders in den ländlichen Gebieten, wo viele Skeptiker leben. Das seien wichtige Wählergruppen, die mit ihrer Stimme einen Unterschied machen könnten.

Genau das stehe auf der Agenda der Verantwortlichen hinter dem "March for Science", sagt Weinberg, die die Zeit nach der Demonstration im Blick hat. "Auf lange Sicht planen wir eine Organisation, die sich auf wissenschaftliche Bildung, Aufklärung und Interessenvertretung fokussiert. Damit möchten wir Nähe zwischen der Wissenschaft und der Bevölkerung schaffen, Dialoge anregen und wieder größeres Vertrauen in die Forschung erwecken."

Weinberg und ihr Team stehen im engen Kontakt mit wissenschaftlichen Institutionen im ganzen Land, die gemeinsam mit ihnen auf nachhaltige Veränderungen in der Gesellschaft hinarbeiten und auch den bevorstehenden Marsch am Samstag unterstützten. Dazu zählen wichtige Gruppen in der US-Wissenschaftslandschaft wie die interdisziplinäre Wissenschaftlervereinigung AAAS (American Association for the Advancement of Science), das Earth-Day-Network oder die Dialogplattform Science Debate. Der "March for Science" wird am 22. April nicht nur in Washington DC, sondern in vielen Städten der Welt stattfinden. In Deutschland gehen Wissenschaftler und Unterstützer unter anderem in Berlin, München, Heidelberg und Dresden auf die Straße. 

Caroline Weinberg ist noch immer fasziniert von dem Stein, den sie Ende Januar mit ihren Kollegen ins Rollen brachte: "Es ist inspirierend, dass so viele Menschen die gleiche Leidenschaft für Veränderung teilen und mit uns protestieren werden. Wir hoffen, dass die Impulse des Protestes nach lange nach dem 22. April spürbar sein werden."

Die Redaktion empfiehlt