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Europa

Umstrittenes Moschee-Bauprojekt in Istanbul

In Istanbul soll die Moschee mit den höchsten Minaretten der Welt entstehen. Kritiker des Bauprojekts sehen darin einen Schritt in die Richtung einer stärker islamisch geprägten Türkei.

Der höchste Hügel Istanbuls im Stadtteil Camlica - auf der asiatischen Seite der Stadt - ist ein beliebter Aussichtspunkt, von dem man die Metropole bewundern kann. Vor allem die Minarette der historischen Moscheen aus der Zeit des Osmanischen Reiches gehören zu den Symbolen der Stadt. Doch in Zukunft könnten sich alle Blicke auf diesen Hügel in Camlica richten: Hier soll eine "riesige" Moschee entstehen, die "von ganz Istanbul aus zu sehen sein wird", kündigte der türkische Premier Recep Tayyip Erdogan an. Seit März wird am umstrittenen Bau gearbeitet. Laut der türkischen Zeitung "Today's Zaman" hat das Grundstück eine Rekordgröße von 15.000 Quadratmetern - eine Fläche von mehreren Fußballfeldern. Die Baukosten werden auf rund 43 Millionen Euro geschätzt. In der Moschee soll Platz für 30.000 Menschen sein.

"Das Projekt ist sehr anspruchsvoll in Bezug auf seine Größe. Wir werden eine noch größere Kuppel bauen, als es unsere Vorfahren taten", zitiert die türkische Zeitung "Hürriyet" den von Erdogan zum Chefarchitekten der Moschee ernannten Haci Mehmet Güner. "Die Moschee wird die höchsten Minarette der Welt haben: Sie werden sogar die 105 Meter hohen Minarette der Medina-i Munawara Moschee in Medina in Saudi-Arabien übertreffen."

"Erdogan versucht, mit den Sultanen zu konkurrieren"

Porträt des ehemaligen Präsidenten des unabhängigen Architektenverbandes in Istanbul, Oguz Öztuzcu (Foto: Privat)

Architekt Oguz Öztuzcu: "Konkurrenz mit den Sultanen"

Gegner der Mega-Moschee kritisieren die gesamte Planung des Projekts: "Erdogan entschied ganz alleine, dass in Camlica eine Moschee gebaut wird. Üblicherweise zieht man Stadtplaner, Architektenverbände und Universitäten heran, um am Ende die besten Ergebnisse zu erzielen", so Oguz Öztuzcu, ehemaliger Präsident des unabhängigen Architektenverbandes in Istanbul, im DW-Interview. Die Jury, die den besten Architekturentwurf ausgesucht hat, habe aus einer Gruppe von Regierungsmitarbeitern bestanden, die nicht unabhängig an das Projekt herangegangen seien, kritisiert Öztuzcu: "Alle Entscheidungen wurden bereits im Vorfeld getroffen: Die Größe, der Baustil und der Ort. Das ist doch kein echter Wettbewerb."

Außerdem werde das neue Bauwerk lediglich eine Art Kopie der Blauen Moschee sein - eines weltberühmten Symbols Istanbuls, so Öztuzcu. "Erdogan versucht damit, mit den Sultanen zu konkurrieren. Man kopiert keine Symbole - damit degradiert man das Original", warnt Öztuzcu. Mit den heutigen technischen Möglichkeiten sei es nicht schwer, eine 400 Jahre alte Baukunst zu übertreffen, gibt der Architekt zu bedenken. "Man kann sich doch heutzutage nicht mit einem Steinmetz messen." Außerdem liegen die Besonderheiten der historischen Moscheen in einer Art zu bauen, die heute nicht mehr praktiziert wird, so Öztuzcu. "Unglücklicherweise wird diese riesige Moschee ein Symbol von Ignoranz sein, nicht von Wissen und Weisheit".

Ansicht der Blauen Moschee in Istanbul (Foto: AFP/Getty Images)

Die Blaue Moschee: Wird sie durch den neuen Bau kopiert?

Aus der Sicht von Ergin Külünk, Präsident des Vereins zum Bau und Erhalt von Moscheen, Bildungs- und Kulturzentren in Istanbul, ist der Bau der neuen Moschee hingegen eine Notwendigkeit: "Auf der asiatischen Seite fehlt eine Moschee in der Größe, die den Gläubigen gerecht werden könnte". Külünk weist die Anschuldigungen zurück, die neue Moschee werde eine Kopie der weltberühmten Blauen Moschee sein. "Wir wollten eine klassische Moschee mit einer Kuppel - und wenn man sie auf diese Weise baut, ist es unvermeidlich, dass sie der Blauen Moschee, der Hagia Sophia oder der Süleymaniye-Moschee gleicht", wird Külünk von der Zeitung "Hürriyet" zitiert.

Ministerpräsident Tayyip Erdogan (Foto: picture alliance/AP Photo)

Ministerpräsident Erdogan: Will er sich nur ein Denkmal bauen?

Symbol einer religiöseren Türkei?

Gegner der Moschee sehen im umstrittenen Bauprojekt vor allem eine politische Bedeutung: Sie werde mit dem Ziel errichtet, "die Ära der AKP (Anm. d. Red.: muslimisch-konservative Partei Erdogans) zu symbolisieren", meint Erdogan Bayraktar, Minister für Umwelt und Städtebau, in einem Interview mit der Zeitung "Hürriyet". Architekt Öztuzcu spricht sogar von einem Schritt in die Richtung einer stärker islamisch geprägten Türkei.

Die muslimisch-konservative AKP wolle generell die Sichtbarkeit des Islam in Istanbul intensivieren, so Mesut Yegen, Soziologe an der Sehir-Universität in Istanbul. "Doch ich denke nicht, dass die neue Moschee ein Zeichen dafür ist, dass die gesamte Türkei rückständiger oder religiöser wird. Das Bauwerk wird lediglich die Persönlichkeit Erdogans widerspiegeln - und diese ist autoritär", so Yegen gegenüber der DW. Vielmehr wolle Erdogan ein architektonisches Monument hinterlassen, das seine Regierungszeit überdauere.

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