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Fokus Osteuropa

Tschernobyl: Leben mit den Langzeitfolgen

Auch 20 Jahre nach der Tschernobyl-Katastrophe bleiben viele Fragen offen. Die Zahl der Opfer ist unklar. Fest steht: Keines der betroffenen Länder kann die Auswirkungen allein bewältigen.

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Vor 20 Jahren explodierte im Kernkraftwerk von Tschernobyl der Reaktorblock IV. Bis heute wird über die Folgen des radioaktiven Niederschlags für die Gesundheit der Menschen gestritten. "Unsere Erkenntnisse, die wir in den 20 Jahren seit der Katastrophe gewonnen haben, stehen im Widerspruch zu den Veröffentlichungen der WHO, der UNO und der IAEA", so Aleksej Okeanow, Pro-Rektor an der Internationalen Staatsuniversität für Umwelt im weißrussischen Minsk. Er nimmt Bezug auf die Studie des "Tschernobyl Forums" im vergangenen Herbst. Darin stellten die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA), die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und verschiedene UN-Organisationen fest, dass seit der Reaktorexplosion bisher weniger als 50 Menschen direkt an der Strahlung gestorben sind. Langfristig sei mit 4.000 Todesfällen zu rechnen. Dagegen legen jetzt osteuropäische Wissenschaftler und Greenpeace eigene Berechnungen vor.

Hohe Opferzahlen falsche Panikmache?

Auch deutsche Forscher haben eigene Analysen erstellt, unter anderem der Berliner Physiker Sebastian Pflugbeil, Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz. Er sagt: "Wenn man alles berücksichtigt, kommt man auf eine Zahl von Todesopfern unter den Liquidatoren in einer Größenordnung von 50.000. Ein Beispiel, das das belegt: Die stellvertretende Katastrophenministerin der Ukraine hat gesagt, dass allein in der Ukraine 17.000 Familien von Liquidatoren staatliche Rente beziehen, weil die Väter nach ihrem Einsatz in Tschernobyl gestorben sind."

Für Herwig Paretzke, Leiter des Instituts für Strahlenschutz der Gesellschaft für Strahlenschutzforschung in München, sind solche hohen Opferzahlen falsche Panikmache. Denn durch den Zusammenbruch der Sowjetunion hätten sich die Lebensverhältnisse in der Ukraine, Russland und Weißrussland verschlechtert. Auch das habe Einfluss auf die Lebenserwartung, so Paretzke: "Über Strahleneinwirkung würde ich erwarten, dass in Weißrussland und der Ukraine ein-, zwei-, drei-, viertausend Personen vorzeitig an Krebs sterben werden. Weitere Krankheiten, die durch die Strahlen kommen, würde ich nicht erwarten. Alles, was über die Summe von 5.000 Opfern geht, ist wissenschaftlich sicher nicht haltbar."

Zahlen aus der betroffenen Region

Doch für die Wissenschaftler und Ärzte aus der Ukraine und Weißrussland sehen die Zahlen anders aus. Sie haben die Krebsregister ihrer Länder analysiert und die Daten mit nichtverstrahlten Gebieten verglichen. So seien die Krebserkrankungen um 40 Prozent angestiegen, sagt Aleksej Okeanow: "Von der Bevölkerung, die in Regionen mit mehr als 555 Kilobequerel radionuklider Bestrahlung pro Quadratmeter lebt - das sind 78.000 Menschen - sind 2.655 Menschen krank. Und von der Bevölkerung im verstrahlten Gebiet von Gomel - dort leben 1,2 Millionen Menschen - sind in den vergangenen zehn Jahren 45.490 Menschen an Krebs erkrankt."

"Das dicke Ende kommt noch"

Greenpeace schätzt, dass insgesamt 270.000 Menschen an verschiedenen Krebsarten leiden werden, von denen geschätzte 90.000 tot sind oder noch sterben werden. Denn die Zeiträume, in denen Folgen der radioaktiven Verstrahlung auftreten können, sind sehr lang. Das betont auch Physiker Pflugbeil: "Das dicke Ende kommt noch. Es ist typisch bei Krebserkrankungen nach Strahlenbelastung, dass bei den meisten Erkrankungen das Maximum der Folgen erst nach zehn, 20, 30 oder 40 Jahren kommt. Und wir haben jetzt gerade 20 Jahre rum. Es kommt noch mal wenigstens die Hälfte drauf, aber wahrscheinlich mehr. Das ist die Erfahrung, die wir aus anderen Strahlenkatastrophen und Atomwaffentests sicher sagen können."

Besonders stark leiden Kinder und Erwachsene an Schilddrüsenkrebs. Während in der IAEA-Studie von 4.000 Fällen die Rede ist, führen die anderen Forscher 60.000 Schilddrüsenkrebs-Erkrankungen auf die Reaktorexplosion zurück. Hinzu kommen neben Leukämie noch weitere Krankheiten, die sich nur schwer auf die radioaktiven Strahlen zurückführen lassen - starker Anstieg von Erkrankungen der Verdauungsorgane, des Knochen-Muskel-Systems, Nerven- und Kreislaufstörungen.

Es fehlen Daten und Methoden

Die große Diskrepanz zwischen den einzelnen Studien wird zum einen damit erklärt, dass keine vollständigen Daten vorhanden sind. Denn sie wurden in den ersten Jahren nur unzureichend erhoben oder werden unter Verschluss gehalten. Aber das Problem ist auch, dass es keine anerkannte Methode gibt, die gesundheitlichen Folgen zu erfassen. Und so ist die Diskussion um Tschernobyl auch immer ein politischer Streit - zwischen den Befürwortern der Atomenergie und den Gegnern. Auf der Strecke bleiben die Menschen, denen es vor Ort an ausreichend medizinischer Hilfe fehlt, wie das Rote Kreuz bemängelt.

Christiane Hoffmann
DW-RADIO, 19.4.2006, Fokus Ost-Südost

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