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Fokus Osteuropa

Tschernobyl – nach wie vor eine Bedrohung

Greenpeace warnt: 20 Jahre nach der Havarie in Tschernobyl ist der Zustand des zerstörten Reaktors katastrophal. Der Sarkophag ist einsturzgefährdet. Auch von den anderen drei Reaktoren in Tschernobyl gehen Gefahren aus.

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Der Sarkophag über dem zerstörten Reaktor in Tschernobyl birgt Gefahren

Der Sarkophag aus Stahl und Beton, der die Umwelt vor der radioaktiven Ruine schützen soll, droht einzustürzen. Von acht Projekten, mit denen der alte Sarkophag stabilisiert werden sollte, wurden nur drei umgesetzt. Geplant war, diese Maßnahmen im Jahr 2006 abzuschließen. Aber bis heute gibt es kein beschlossenes Konzept, betont der Greenpeace-Atomexperte Thomas Breuer: "Wir sind im letzten Jahr in Weißrussland und in der Ukraine gewesen und haben uns mit verschiedenen Wissenschaftlern unterhalten, haben auch die Region Tschernobyl besucht. Da ist uns mehr und mehr aufgefallen, dass es eine sehr große Kontroverse in der Ukraine gibt zu den möglichen Lösungswegen für den havarierten Reaktor. Von dem zerstörten Reaktor IV gehen zwei Hauptgefahren aus: Einmal, dass der jetzige Sarkophag zusammenbricht. Das würde eine große radioaktive Staubwolke freisetzen, die die Menschen in der Region gefährden würde. Die zweite Gefahr von dem Reaktor IV ist, dass dort ständig Wasser reinläuft, weil der Sarkophag undicht ist, und dadurch werden radioaktive Materialien ausgespült und gelangen ins Grundwasser."

Gefahren der Reaktoren I bis III

Der Greenpeace-Atomexperte macht darauf aufmerksam, dass auch von den drei anderen Tschernobyl-Reaktoren Gefahren ausgehen. Breuer sagte: "Das betrifft die Reaktoren I bis III. Die sind immer noch im Nachbetrieb, das heißt, die Brennstäbe sind noch in den Reaktoren und müssen ständig gekühlt werden, damit es nicht auch dort zu einer Kernschmelze kommt. Das Problem ist seit 20 Jahren oder respektive seit zehn Jahren, als der erste Reaktor abgeschaltet wurde, nicht gelöst. Wenn dort die Kühlung ausfällt, dazu reicht, dass die Stromzufuhr für die Kühlung ausfällt, dann kann es dort wieder zu einem Kernschmelz-Unfall und einem Super-GAU kommen, solange die Brennstäbe in den Reaktoren sind."

Die radioaktiven Massen im Reaktor IV

Das zweite, noch größere Problem sind aber dem Greenpeace-Vertreter zufolge die brennstoffhaltigen Massen innerhalb des zerstörten Reaktors IV. Breuer unterstrich: "Die jetzigen Pläne, wie man mit dem Standort umgeht, beinhalten nicht eine Bergung dieser radioaktiven Massen. Von denen geht aber die Gefahr aus. Die jetzigen Pläne sind nur eine Übergangslösung. Das jetzige Konzept zur Sicherung umfasst zwei Teile. Zum einen die Stabilisierung des Sarkophags und zum anderen eine neue Schützhülle, die über den Sarkophag geschoben werden soll. Aber man muss Zwischenlager-Möglichkeiten schaffen, die Massen bergen und zwischenlagern. Das gleiche gilt auch für die drei anderen Reaktoren, die noch am Standort stehen. Auch dort müssen Zwischenlager-Kapazitäten geschaffen werden für die abgebrannten Brennelemente, die immer noch in den Reaktoren sind."

Was muss getan werden?

Trotz Finanzhilfen aus dem Ausland sei in den vergangenen 20 Jahren zu wenig unternommen worden, um das Problem Tschernobyl zu lösen, stellt Breuer fest. Greenpeace zufolge muss folgendes getan werden: "Aus unserer Sicht ist natürlich wichtig, die jetzigen Baustrukturen des Sarkophags so weit zu stabilisieren, dass die Einsturzgefahr reduziert wird. Zum zweiten muss man sicherlich auch Vorsorge treffen für den Fall, dass die Baustruktur einstürzt. Und die radioaktive Staubwolke muss aufgefangen werden. Von daher macht es auch Sinn, einen neuen Shelter da drüber zu setzen, aber dann muss auch ganz klar ein Plan vorgelegt werden: Wie gehe ich mit den radioaktiven Massen innerhalb des zerstörten Reaktors IV um? Von denen geht letztendlich die Gefahr aus. Die neue Schützhülle ist auch wieder nur für 50 bis 100 Jahre ausgelegt. Die radioaktive Strahlung und die Gefahren von dem Standort werden aber über Jahrhunderte ausgehen, sofern die radioaktiven Massen nicht geborgen werden." Der Atomexperte von Greenpeace stellt fest, dass die ungelösten Probleme nachfolgenden Generationen überlassen werden.

Khystyna Nikolaychuk
DW-RADIO/Ukrainisch, 12.4.2006, Fokus Ost-Südost