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Afrika

Streit um neues Familienrecht in Mali

Fünfzig Jahre nach der Unabhängigkeit wird im westafrikanischen Mali versucht, die Rechte der Frauen zu stärken. Im überwiegend muslimisch geprägten Land sorgt das neue Familiengesetz für heftige Kontroversen.

Youma und Sana bereiten am Boden eine malische Reisspezialität vor (Foto: DW)

"Riz au gras": Youma und Sana bereiten die malische Reisspezialität vor

Es ist Sonntag in der malischen Hauptstadt Bamako. Wie immer gibt es "Riz au gras" bei den Traorés. Youma und Sana bereiten den Reis und die Fischsauce vor. Die zwei Cousinen unterhalten sich über das Thema Nummer Eins in den Familien Malis: Soll die Rolle der Frau in einem Land, in dem 90 Prozent der Bevölkerung Muslime sind, gestärkt werden? Oulématou Dembélé Sow ist zu Besuch. Sie leitet FENACOF, den Verband der Frauenorganisationen, der das neue Familiengesetz unterstützt. Sie erklärt den Traorés kurz und knapp, warum das verstaubte Familienrecht reformiert werden soll: "Es bedeutet einfach Fortschritt."

Über das eigene Leben bestimmen

Die geplante Reform sieht vor, dass Eheschließungen für Frauen nicht mehr mit 15, sondern erst - wie bei den Männern - mit 18 Jahren möglich sind. "So kann eine junge Frau länger zur Schule gehen", betont Sow, "denn wenn sie früh heiratet, kann sie keine Ausbildung abschließen, bekommt schnell Kinder und kann nicht mehr über ihr eigenes Leben bestimmen."

Oulématou Dembélé Sow: Die Leiterin der FENACOF, dem malischen Frauenverband (Foto: DW)

Frauenpower in Mali: Oulématou Dembélé Sow

Doch längst nicht alle Frauen sehen das wie Oulématou Dembélé Sow. Staat und Religion sind zwar offiziell getrennt, aber der Großteil der Bevölkerung in Mali ist streng gläubig, viele Dinge des Lebens werden vom Islam bestimmt. Heiratsalter, Erbrecht und Eheschließungen, das alles unterliegt traditionell den Imamen oder den Dorfvorstehern - das meinen nicht nur Männer, sondern auch Frauen wie Youma und Sana. Diese Grundwerte in Frage zu stellen, empfinden viele als ein "Werk des Teufels" und vom Westen aufgezwungen.

Importierte Grundwerte?

Mamadou Konaté hat sich an der Formulierung des neuen Familiengesetzes beteiligt. Fast alles, was man seit Jahren in punkto Familienrecht mache, lehne sich an die Gesetze Frankreichs an, erklärt der Jurist. "Diese Gedanken sind importiert", meint auch er, doch "ganz gleich ob die Bevölkerung muslimisch oder christlich ist, sie hat das Recht, dass Grundwerte, die ihr wichtig sind, in einem Reformprozess berücksichtigt werden."

Ein grundlegendes Problem in Mali ist die sehr hohe Analphabetenquote. Sie betrifft rund 80 Prozent der Bevölkerung, vor allem Frauen - Frauen, die über die geplanten Reformen nicht richtig aufgeklärt wurden. Auch Sana, Mutter von drei Kindern, stützt sich bei ihrer Kritik vor allem auf Gerüchte: "Es geht nicht, dass die von unseren Imamen geschlossenen Ehen nicht mehr gültig sein sollen. Ich habe von vielen auf der Straße gehört, dass das Gesetz es so vorsieht."

Gerüchte statt Informationen

Der Präsident des Hohen Islamischen Rates von Mali, Mahmoud Dicko

Hoher Geistlicher: Mahmoud Dicko

Sana kennt nur die halbe Wahrheit. Zwar sieht das Gesetz in der Tat vor, dass Eheschließungen auch vom Staat beglaubigt werden müssen. Doch das soll vor allem dazu dienen, die Rechte der Frauen in Erbrechtsfragen zu stärken. Nach dem traditionellen muslimischen Recht bekommt eine Tochter nur halb so viel vom Erbe wie ein Junge. Mit dem neuen Gesetz würden männliche und weibliche Nachkommen gleichgestellt, auch würde es keine Unterschiede mehr zwischen ehelichen und unehelichen Kindern in Erbfragen geben. Einzige Voraussetzung: Die Familien müssen sich vor dem Tod zwischen altem und neuem Recht entscheiden.

Zu schwierig für das einfache Volk?

Für Mahmoud Dicko, den Präsidenten des Hohen Islamischen Rates, geht das alles viel zu weit. "Als Muslim will ich den Regeln des Islam folgen, wenn ich an meine Nachkommen denke." Dass viele Gläubige nicht lesen und schreiben können, bedeutet für ihn: "Sollen die vor einen Notar treten, um ihre Angelegenheiten zu regeln? Das ist einfach zu schwierig für unser Volk."

Vergangenen August hat er eine Demonstration gegen das neue Familienrecht mit organisiert. 50.000 Menschen protestierten in Bamako. Auf ihren Transparenten konnte man Sätze lesen wie: "Mali steht nicht zum Verkauf" oder "Die westliche Zivilisation ist eine Sünde". Viele muslimische Frauen und Männer sehen im geplanten Familiengesetz eine Gotteslästerung.

Ein Trauerspiel für Malis Demokratie

Frauen übernehmen in Mali die Hausarbeit. So wie hier in Boulkassoumbougou, einem Armenviertel der Hauptstadt Bamako (Foto: DW)

Wäschetag: Frauen übernehmen in Mali die Hausarbeit

Nach den Protesten erklärte Malis Präsident Amadou Toumani Touré in einer Fernsehansprache, dass er das Gesetz nicht unterzeichnen werde - "um der nationalen Einheit willen". Er schickte es zur Überarbeitung an das Parlament zurück. Doch Anwalt Mamadou Konaté glaubt, dass man durchaus zu einem Kompromiss hätte kommen können. "Dieses Hickhack um das Familiengesetz ist ein Trauerspiel für die malische Demokratie." Präsident und Nationalversammlung hätten sich in der Frage zu weit von der Bevölkerung entfernt. "Die Leute wollen selber über ihr Privatleben bestimmen und hatten den Eindruck, dass ihre traditionellen Bräuche verhöhnt werden." Dadurch sei der Eindruck entstanden, so Konaté, "dass plötzlich nur das, was aus dem Ausland kommt, gewünscht würde."

Wann oder ob über das neue Familiengesetz im Parlament erneut debattiert wird, weiß im Moment niemand. Aber es besteht Anlass zur Hoffnung, das meint sogar der Präsident des Hohen Islamischen Rates von Mali: "Wenn alle auf der Suche nach einem Kompromiss sind, dann finden wir ihn auch. Insch’Allah, wie wir zu sagen pflegen."

Autorin: Carine Debrabandère

Redaktion. Stefanie Duckstein/Stephanie Gebert

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