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Asien

Sierens China: Zweck-Ehe statt Kuschelkurs

Drei Tage lang war Indiens Premier in China zu Gast. Auch wenn es noch zahlreiche Streitigkeiten gibt, werden beide Länder künftig nur gemeinsam weiterkommen, meint DW-Kolumnist Frank Sieren.

Chinas Präsident Xi Jinping empfing Indiens Premier Narendra Modi in dieser Woche nicht wie bei hohen Staatsgästen üblich in der Hauptstadt Peking, sondern zuerst in der zentralchinesischen Stadt Xian. Erst später ging es im Verlauf der dreitägigen Visite nach Peking und schließlich auch nach Schanghai. Die Reiseroute war nicht etwa ein Signal geringer Wertschätzung. Xian ist die Heimatstadt von Xis Vater. Für Xi war das einerseits Gelegenheit, sich bei Modi für seine Gastfreundschaft im vergangenen September zu bedanken, als dieser Xi damals auch in seiner Heimatprovinz empfing.

Xian wurde aber noch aus einem anderen Grund für die erste Etappe des Staatsbesuchs gewählt. Die Stadt ist der Ausgangspunkt der neuen chinesischen Seidenstraße. Ein Synonym also für Chinas Willen, sich wirtschaftlich noch viel intensiver mit seinen Nachbarn und dem Rest der Welt zu vernetzten, als es bisher schon der Fall ist.

Besonders Indien und China haben hier viel Nachholbedarf, weshalb der Staatsbesuch Modis ganz im Zeichen wirtschaftlicher Zusammenarbeit stand. Denn dafür, dass die Bewohner beider Länder insgesamt mehr als ein Drittel der Menschheit stellen, fallen die wirtschaftlichen Beziehungen bislang noch mickrig aus. Das Handelsvolumen zwischen China und Indien schaffte es im vergangenen Jahr auf gerade einmal 70 Milliarden US-Dollar, halb so groß wie das Handelsvolumen zwischen China und Australien. Dazu verbucht Indien ein Handelsdefizit mit China von rund 45 Milliarden US-Dollar, Indien kauft also weit mehr in China ein, als es dorthin verkauft. Vor fünf Jahren peilten beide Regierungen noch ein Volumen von 100 Milliarden US-Dollar bis 2015 an.

Mühselige Verkehrswege

Doch nicht nur dieses Ziel wurde verfehlt. Auch was die Vernetzung der beiden Länder betrifft, gab es wenig Bewegung: Zwischen zwei der größten Wirtschaftsmetropolen in Asien, Schanghai und Mumbai, gibt es noch immer keinen Direktflug. Lediglich die beiden Hauptstädte sind per Direktflug drei Mal die Woche zu erreichen, genauso oft wie Düsseldorf und Qingdao. Und von rund 120 Millionen Chinesen, die 2014 ins Ausland gereist sind, hat es weniger als ein Prozent nach Indien gezogen.

Frank Sieren, DW-Kolumnist (Foto: DW)

DW-Kolumnist Frank Sieren

Das Verhältnis der beiden Riesenstaaten ist eben schwierig. Das liegt zum einen daran, das Peking ein freundschaftliches Verhältnis zu Indiens Intimfeind Pakistan pflegt. Erst vergangenen Monat versprach Xi Islamabad Investitionen in neue Infrastrukturprojekte in Höhe von über 40 Milliarden US-Dollar. Zum andern haben Indien und China auch direkte Probleme: Der Streit um Regionen entlang der rund 4.000 Kilometer langen Grenze beider Länder hält schon seit Jahrzehnten an. Doch jetzt soll nach gemeinsamen Ansätzen gesucht werden. Was den Grenzstreit betrifft, sprachen sich beide Seiten in den vergangen Tagen zaghaft für eine Entspannung der Situation aus.

Ein Anfang ist gemacht

Deutlicher fiel die Bereitschaft aus, künftig wirtschaftlich enger zu kooperieren. Kein Wunder: Der schwerfällige bürokratische Apparat in Indien braucht die chinesischen Investitionen in die Infrastruktur, um die Wirtschaft weiter wachsen zu lassen. Außerdem hat Modi auch vor, Indiens Industrie zu stärken. Er steht unter Druck, weil eines seiner zentralen Wahlversprechen war, das Land endlich auf den Wohlstandspfad zu bringen und für ein Wirtschaftswunder zu sorgen. Und wenn es sein muss, dann eben auch mit chinesischen Geld. Peking hat daran natürlich auch Interesse, sucht es doch stetig nach Möglichkeiten, die chinesische Präsenz und den Einfluss chinesischer Firmen auszuweiten und gleichzeitig seine Überkapazitäten zuhause abzubauen. Verträge in einem Volumen von rund 22 Milliarden US-Dollar und 26 Kooperationsabkommen, unter anderem bei Bahnen, in der Ozeanforschung und in der Raumfahrt, die bis zu Modis Abreise unterschrieben wurden, sind hier der richtige Anfang.

Trotzdem ist klar: Soll der Handel zwischen den beiden Nachbarländern mit der größten und zweitgrößten Bevölkerung der Welt auf ein normales Maß anwachsen, muss noch mehr Bereitschaft zur Kooperation her. Deutschland und Frankreich etwa haben im vergangen Jahr knapp dreimal soviel Handel miteinander getrieben wie China und Indien - und das bei einer 17 Mal kleineren Bevölkerung. Da ist also noch viel Luft nach oben.

DW-Kolumnist Frank Sieren lebt seit 20 Jahren in Peking.

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