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Asien

Sierens China: Der neue Korridor

Dass China Milliarden in Pakistan investiert, hilft nicht nur Peking. Es ist auch eine große Chance für das von Krisen geschüttelte Pakistan selbst, meint DW-Kolumnist Frank Sieren.

Nachdem ich einmal den Karakorum-Highway entlang gefahren bin, werde ich den Unterschied zwischen der pakistanischen Seite der Grenze und der chinesischen nicht mehr vergessen. Auf der chinesischen fährt man von Kaschgar auf den 4700 Meter hohen Kunjerab-Pass hinauf, als würde man im Schwarzwald zum Titisee fahren. An der Grenzstation dann ist die Straße abgeschnitten wie ein Kuchenstück und fällt abrupt um einen guten Meter ab. Aus der bequemen Teerstraße wird ein gefährlicher Geröllweg. Der ist inzwischen nach einem Erdrutsch 2010 gesperrt und wird gerade mit chinesischer Hilfe bis zum Herbst repariert.

Wer das gesehen hat, weiß, was Investitionen in einer Höhe von 46 Milliarden US-Dollar für Pakistan bedeuten. Das ist weit mehr, als die Amerikaner seit 2001 investiert haben. Es ist wie ein Sechser im Lotto. Wasser-, Atom- und Windkraftwerke sollen gebaut werden. Die Stromversorgung des Landes soll sich bis Anfang der nächsten Dekade verdoppeln. Straßen, Schienen, Pipelines, Industrieparks werden entlang eines 3000 Kilometer langen Korridors entstehen. Er verläuft von Gwadar, einem von Chinesen bereits fertiggestellten Hafen am Arabischen Meer unweit der iranischen Grenze, parallel zu Indien nach Nordosten und endet an der chinesischen Grenze. Der Korridor ist ein zentraler Teil der sogenannten „Neuen Seidenstraße“.

Skeptische Reaktionen im Westen

Die Reaktionen im Westen sind skeptisch. Von Kolonialismus ist die Rede oder sogar von Konquistadoren,

auch im Angebot der Deutschen Welle.

Diese Formulierungen stellen den Pakt verzerrt dar: Das Ziel der Konquistadoren war im 16. Jahrhundert ja nicht der Aufbau, sondern die brutale Unterwerfung der indigenen Bevölkerung. Die Spanier verlangten, dass die lokale Bevölkerung bedingungslos gegenüber der Krone kapituliert. Wer das ablehnte, wurde ermordet. Nicht einmal Kolonialismus beschreibt die neue Initiative der Chinesen in Pakistan angemessen. Denn die Kolonialisierten hatten nicht die Wahl, Projekte zu beenden und mit anderen Partnern zusammenzuarbeiten. Pakistan hat diese Wahl jederzeit.

Ja, selbst der Vorwurf, China würde sich nicht an zivilgesellschaftliche Standards halten, lässt sich so pauschal nicht halten. Das größte Projekt in dem Pekinger Paket ist der 720-Megawatt Karot-Staudamm, den China für 1,65 Milliarden US-Dollar errichtet. Er wird von der Weltbank mit 125 Millionen Dollar mitfinanziert. Dazu musste die Bank das Projekt einer Umwelt- und Sozialverträglichkeitsstudie unterziehen. "Keine Bedenken" lautete Anfang dieses Jahres das Ergebnis. Und schließlich: Das Vorgehen Chinas in der Region ist allemal zivilisierter als das der Amerikaner im Irak oder Afghanistan. Waren statt Waffen. Den Pakistanis jedenfalls ist das klar: Das Washingtoner Meinungsforschungsinstitut „Pew Research Center“ hat schon im vergangenen Jahr herausgefunden, dass 78 Prozent der Bevölkerung engere Beziehungen mit China wollen und nur 14 Prozent engere mit den USA.

Chinas großes politisches Interesse

Die erste Frage, die sich stellt, ist also: Warum hat der Westen nicht längst das Gleiche versucht? Warum ergreift eine Volkswirtschaft die Initiative, die nur gut halb so groß ist wie die der USA und nicht einmal halb so groß wie die der EU? Die Antwort liegt auf der Hand: China hat größere politische Interessen in Pakistan als der Westen. Pakistan ist ein direkter Nachbar Chinas. Ein Nachbar zudem, der bisher für große Unsicherheit steht. Pakistan ist zudem ein Wettbewerber, wenn nicht sogar ein Feind Indiens. Und China hat schon ein großes Interesse daran, den Spielraum dieses Wettbewerbers so gering wie möglich zu halten. Allerdings passt Staats- und Parteichef Xi Jinping auf, den Bogen nicht zu überspannen. Anders als US-Präsident Barack Obama, der im Januar als erster amerikanischer Präsident an der Militärparade zum Nationalfeiertag in Delhi teilnahm, lehnte Xi den Wunsch der pakistanischen Regierung ab, zu ihrer Parade im März zu kommen.

Wichtig für Peking ist Pakistan vor allem deshalb, weil der Korridor durch Pakistan China direkten Zugang zum Arabischen Meer gibt. Damit können Güter auch auf dem Landweg nach China transportiert werden. Peking ist deshalb bereit, größere politische und finanzielle Kosten zu tragen. Und das ist auch dringend nötig. Denn Pakistan ist kein einfaches Land. In der pakistanischen Provinz Belutschistan, wo der neue Hafen entstehen soll, kämpft die Regierung seit Jahren gegen Rebellen. Erst vor zwei Wochen wurden zwanzig pakistanische Bauarbeiter dort erschossen. Der Risikofaktor in diesem Marshallplan liegt nicht bei China, sondern bei Pakistan.

Politische Einflussnahme aus Peking

Selbstverständlich versucht Peking, Islamabad politisch zu beeinflussen, damit sich der Aufwand auch lohnt. Ob daraus eine Abhängigkeit entsteht, ist noch nicht abzusehen. Wie groß Pekings Einfluss heute schon ist, konnte man in den vergangenen Tagen im Bezug auf den Jemen beobachten. Auch auf gutes Zureden von Peking hin weigerte sich der pakistanische Premierminister Nawaz Sharif, die saudisch-amerikanische Koalition im Jemen mit Kampfflugzeugen, Kriegsschiffen und Bodentruppen zu unterstützen. Sie sollten die vom Iran unterstützten Huthi-Rebellen bekämpfen. Man wolle, so Pakistan, lieber neutral bleiben und vermitteln.

Das ist die chinesische Position. Peking unterhält ähnlich gute Beziehungen zu dem von Schiiten geprägten Iran wie zu den sunnitisch geprägten Saudis. Für Pakistan hingegen ist das Neuland. Denn Islamabad hatte seit den 1950er Jahren sehr enge Beziehungen zu Riad, während es mit dem Iran eher schwierig war. Die Saudis können im Ernstfall sogar auf die pakistanischen Atomraketen zurückgreifen, die sie mitfinanziert haben. Als Sharif vor 16 Jahren nach seiner zweiten von inzwischen drei Amtszeiten einem Militärcoup zum Opfer fiel, wurde er von den Saudis aufgenommen. In saudischen Medien wurde daher von Verrat geschrieben.

Politische Differenzen mit dem Westen nicht ausgeschlossen

Peking musste jedoch der pakistanischen Regierung nicht lange erklären, dass Islamabad es sich mit Teheran nun nicht völlig verscherzen sollte. Beide Länder haben eine 900 Kilometer lange gemeinsame Grenze. Sollten die westlichen Sanktionen gegen den Iran fallen, wird eine Gaspipeline zwischen den beiden Ländern wieder wahrscheinlicher. Daran hat wiederum auch Peking Interesse. Berlin hätte Islamabad im Übrigen nicht viel Anderes geraten. Mit Gewalt ließen sich die Konflikte im Jemen nicht lösen, weder von innen noch von außen, sagte Außenminister Frank-Walter Steinmeier kürzlich. Eine erfreuliche Schnittmenge also zu unseren Interessen. Diesmal. Dass die pakistanisch-chinesische Allianz auch auf politische Ideen kommt, die uns nicht passen, ist sehr wahrscheinlich. Doch deswegen darauf zu bestehen, dass Pakistan arm und instabil bleibt, das ist auch keine Lösung.

DW-Kolumnist Frank Sieren lebt seit 20 Jahren in Peking.

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