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Kolumne

Sierens China: Zauberlehrling

Trumps Telefonat mit Taiwans Präsidentin Tsai Ing-wen erweist sich als Rohrkrepierer, der jedoch große Unruhe hinterlässt. Und das, obwohl alle zurückrudern und Peking besonnen reagiert, meint DW-Kolumnist Frank Sieren.

Vor zwei Wochen war aus der Sicht Pekings alles noch schön mit dem von Donald Trump angekündigten Ende des transpazifischen Handelsabkommens, das um China herum gebildet werden sollte. Seit vergangenem Wochenende ist der Föhn in Schneeregen umgeschlagen. Trump hat als erster amerikanischer Präsident seit Jahrzehnten mit einem taiwanesischen Staatsoberhaupt telefoniert, mit Präsidentin Tsai Ing-wen (Artikelbild). Kaum ein Land der Welt kennt Taiwan als eigenständiges Land an. Auch die USA nicht. Dies ist eine Konzession der Weltgemeinschaft an Peking. Deshalb geißelte die staatliche chinesische Tageszeitung "Global Times" Trumps Verhalten als "Provokation und Falschheit".

Und am Dienstag warnte die "Volkszeitung" davor, dass Verstimmungen und Spannungen im Verhältnis beider Länder nicht dabei helfen würden, "Amerika wieder groß zu machen". Da ist allerdings was dran. Die "Washington Post" hingegen hält den Vorstoß Trumps für einen "brillanten Zug". Trump argumentiert eher wie ein Geschäftsmann denn wie ein Diplomat. Weil Taiwan einer der großen Kunden amerikanischer Waffen ist, könne man doch mal telefonieren. "Die Präsidentin Taiwans hat mich heute angerufen, um mir zur gewonnenen Präsidentschaft zu gratulieren. Danke!" twittert Trump danach und fügt hinzu: "Interessant, dass die USA Taiwan militärisches Equipment im Wert von Milliarden Dollars verkaufen, aber ich einen Glückwunschanruf nicht annehmen soll."

Taiwan kann nur verlieren

Indem er den Anruf angenommen hat, hat Trump eine nun fast vierzig Jahre andauernde stillschweigende Übereinkunft der USA mit Peking gebrochen. 1979 hat die USA die diplomatischen Beziehungen zu Taiwan abgebrochen und Peking als alleinige Regierung Chinas anerkannt.

Frank Sieren *PROVISORISCH* (picture-alliance/dpa/M. Tirl)

DW-Kolumnist Frank Sieren

Seitdem gibt es keinen direkten Kontakt zwischen einem amerikanischen Präsidenten und dem Präsidenten der Insel Taiwan. Ansonsten ist das Verhältnis auf informeller Ebene jedoch gut. So wie die USA halten es auch Deutschland und die meisten Länder der Welt. Trump hat an dieser Regelung nun gerüttelt, sie aber nicht ins Wanken, geschweige denn zum Einsturz gebracht.

Dennoch hat Trump Unsicherheit erzeugt. Welche Politik hält Trump gegenüber China für richtig? Taiwans Präsidentin hat in dieser Lage bereits deutlich gemacht, dass sie kein unnötiges Risiko eingehen will und klugerweise geschlichtet. Sie erklärte, dass ihr Telefonat mit Donald Trump nicht als Richtungswechsel der USA gesehen werden sollte. Deutlicher kann man es nicht sagen. Der Präsident macht derzeit den Eindruck eines Zauberlehrlings, der etwas losgetreten hat, was nun unkontrollierbar werden könnte. Eines ist klar: Wenn die USA und China sich streiten, kann Taiwan nur verlieren.

DW-Kolumnist Frank Sieren lebt seit über 20 Jahren in Peking.

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