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Asien

Sierens China: Medikamentenbingo

Wenn die chinesische Regierung weniger Skandale im Gesundheitswesen will, dann muss sie für eine bessere Medikamentenkontrolle sorgen. Sonst warten in Zukunft noch mehr Probleme auf sie, meint Frank Sieren.

Es gibt wenig, das für das Vertrauen der chinesischen Bevölkerung in ihre Regierung zurzeit schädlicher ist, als Skandale im Gesundheitswesen. Die aufsteigende Mittelschicht Chinas will sichere Lebensmittel, bessere Luft und eben eine gute Krankenversorgung. Denn anders als der weit entfernte Konflikt im Südchinesischen Meer oder der Streit um den Marktwirtschaftsstatus Chinas geht die medizinische Versorgung gewissermaßen jedem Chinesen unter die Haut. Die Menschen wollen sich vor allem bei verschriebenen Medikamenten nicht fragen müssen, ob sie sicher sind. Wenn die Regierung nicht einmal das schafft, fragen sich viele Chinesen, wie soll sie es dann schaffen, so ein großes Land zu regieren.

Mit einem landesweiten Impfskandal setzte sich vor etwa zwei Monaten eine Kettenreaktion in Gang. Und die Regierung versucht seitdem, den Schaden einzugrenzen. Das gelingt ihr jedoch nur schleppend. Zwar wurden vergangene Woche erst in 22 Provinzen insgesamt 135 Personen festgenommen, die an dem Verkauf von teils abgelaufenen und nicht mehr richtig gekühlten Impfstoffen beteiligt gewesen sein sollen. Darunter waren auch Impfstoffe für Kinder, die chinaweit an Krankenhäuser und Privatkliniken vertrieben wurden. Doch immer mehr private Pharmakonzerne kommen auf den Markt. Die Regierung befürwortet diesen Wettbewerb, weil so die Preise sinken. Das hat auch funktioniert. Jedoch mit der Kontrolle dieser Unternehmen kam der Staat nicht hinterher. Probleme, die das Medikamentenwesen hart treffen.

Skrupellose Medikamentenhändler

DW-Kolumnist Frank Sieren (Foto: Marc Tirl)

DW-Kolumnist Frank Sieren

Das haben skrupellose Medikamentenhändler ausgenutzt. Denn der Markt ist lukrativ. 2014 hat China mit einem Umsatz von 105 Milliarden US-Dollar Japan als zweitgrößten Markt für Medikamente abgelöst. Nur noch die amerikanische Pharmaindustrie war im gleichen Jahr mit 379 Milliarden Dollar mehr wert. In den kommenden vier Jahren soll Chinas Markt auf mindestens 200 Milliarden wachsen. Vor allem die günstigen Bedingungen zur Erforschung und Entwicklung neuer Medikamente machen es für Pharmaunternehmen interessant, in diesem Bereich zu investieren. Ohne die strengen Auflagen, die es etwa in Europa gibt, lassen sich neue Mittel etwa gegen Krebs oder Ebola leichter testen.

Ein anderes Beispiel sind neue Methoden der sogenannten DNA-Schere, mit der so leicht wie nie zuvor Veränderungen am Erbgut vorgenommen werden können. Während in Europa noch um den Einsatz dieser Methode gestritten wird, probieren sich Wissenschaftler in China bereits an menschlichen Embryonen. Das ist ethisch sehr strittig, lässt jedoch den Markt wachsen. Vergangenes Jahr haben sich chinesische Medikamentenexporte im Vergleich zu 2002 verzehnfacht: auf 25 Milliarden Dollar. Bis 2020 sollen sie sich noch einmal fast verdoppeln.

Zuständige Behörde überfordert

Für die Zulassung neuer Wirkstoffe auf dem Markt ist die Behörde China Food and Drug Administration (CFDA) zuständig. Und die kommt dieser Aufgabe eher schlecht als recht nach. Denn im Vergleich zu ihrem US-Pendant, das um die 5000 Mitarbeiter beschäftigt, kümmern sich in der CFDA nur um die 130 Fachkräfte um die Aufsicht über neu entwickelte Medikamente. Und die sind noch nicht einmal gut geschult, wie selbst der Chef der Behörde Bi Jingquan einräumt. Vor einigen Jahren hatte er sogar noch ein paar Angestellte mehr. Sein Problem: Weil er nicht gut genug bezahlen kann, werden die Mitarbeiter immer öfter von privaten Pharmaunternehmen abgeworben.

Bi hat in den letzten drei Jahren etwa ein Drittel seiner Mitarbeiter verloren. Die Pharmaunternehmen zahlen ein bis zu zehnmal höheres Gehalt. Auch die Stimmung in der Privatwirtschaft ist entspannter. In der Behörde sei es ihnen nicht erlaubt gewesen, während der Arbeit online zu gehen, berichtet ein ehemaliger Mitarbeiter. Da ist es verständlich, wenn sie Angebote annehmen, die ihnen statt um die 120.000 Yuan (rund 16.000 Euro) etwa 600.000 Yuan (rund 82.000 Euro) im Jahr versprechen. Doch für die Branche bedeutet der Engpass: Immer weniger neue Medikamente kommen immer langsamer auf den Markt.

Nächster Skandal schon programmiert

Bleibt die CFDA in so einem Zustand, sieht die Zukunft des chinesischen Gesundheitswesens düster aus, und die Regierung muss sich auf viel Ärger gefasst machen. Der CFDA-Chef Bi Jingquan hat zwar härtere Kontrollen und Anforderungen an neue Medikamente angekündigt. Doch die Frage, wie er diese mit zu wenigen Kontrolleuren durchsetzen will, bleibt. Und andererseits befeuert er das Problem damit sogar noch weiter. Denn je komplizierter die Zulassung, desto gefragter die fachlichen Kompetenzen der CFDA-Wissenschaftler in den Unternehmen. Es wird also noch schwieriger, sie im Staatsdienst zu halten, wenn man sie nicht vor allem erst einmal besser bezahlt. Die Regierung steckt in einer verzwickten Lage. Der nächste Skandal ist damit fast programmiert. Und die Schuld wird am Ende wieder die Regierung treffen.

Unser Kolumnist Frank Sieren lebt seit über 20 Jahren in Peking.

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