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Asien

Sierens China: Marktwirtschaftliche Gesundheitsreform

Peking gibt die bisher streng kontrollierten Medikamentenpreise frei. Das bedeutet erstaunlicherweise härtere Zeiten für die westlichen Pharmahersteller und bessere für die Chinesen, meint DW-Kolumnist Frank Sieren.

Auch im Bereich Gesundheit setzt Pekings Regierung auf marktwirtschaftliche Reformen. Seit Anfang des Monats gibt es keine staatlichen Preisvorgaben für Medikamente mehr. Künftig sollen Preise auf dem schon jetzt zweitgrößten Pharmamarkt der Welt über das Prinzip "Angebot und Nachfrage" entstehen. Damit setzt die Entwicklungs- und Reformkommission Chinas um, was Premier Li Keqiang während des Nationalen Volkskongresses im März ankündigte.

Ziel ist es, die Kosten für Medikamente für Chinesen und die staatlichen Ausgaben im Gesundheitsbereich zu drücken. China hat in den vergangenen Jahren fast eine halbe Milliarde Bürger krankenversichert und mittlerweile Gesundheitsausgaben in Höhe von knapp 400 Milliarden Euro. 2020 werden sie schon bei über einer Billion Euro liegen. Bis dahin will Peking alle 1,4 Milliarden Chinesen krankenversichern. Daher steigt das Interesse, dass die Kosten für Medikamente nicht noch weiter steigen.

Härterer Wettbewerb für ausländische Konzerne

Das sind schlechte Nachrichten für die ausländischen Pharmakonzerne. Unternehmen wie Novartis aus der Schweiz oder die US-amerikanische Firma Pfizer müssen ihre Präparate nun günstiger anbieten. Bisher waren sie Platzhirsche auf dem Markt für hochwertige Medikamente. Unter der neuen Regelung stehen sie nun im direkten Wettbewerb mit den Herstellern von chinesischen Generika, die weitaus günstiger sind. Peking hofft, dass die chinesischen Pharmafirmen unter dem neuen Preissystem nun den Anreiz sehen, mehr in Forschung und Entwicklung von Medikamenten zu investieren, die innovativer sind als die der westlichen Konkurrenz.

DW-Kolumnist Frank Sieren (Foto: Sieren)

DW-Kolumnist Frank Sieren

Für die Regierung ist der Pharmasektor deswegen so wichtig, weil die Umsätze in der Branche mit 18,5 Prozent weit über den Zuwachsraten der chinesischen Gesamtwirtschaft liegen. 2014 erwirtschaftete die Pharmaindustrie umgerechnet 105 Milliarden US-Dollar. In fünf Jahren schon soll der Gesundheitsmarkt in China nach Schätzungen der US-amerikanischen Beratungsfirma McKinsey über eine Billion Dollar schwer sein. Noch tummeln sich mehrere Tausend chinesische Firmen auf dem Markt. Staatliche wie Private sollen nun, wenn es nach Peking geht, nicht nur konsolidieren, sondern vor allem den Abstand zu den Wettbewerbern auf dem internationalen Pharmamarkt verringern. Auch so kann Wachstum gesichert werden.

Chinesische Medikamente bislang wenig Vertrauen

Aber den chinesischen Unternehmen fehlten in der Vergangenheit nicht nur neue Patente, sondern auch das Vertrauen der eigenen Bürger, die bisher eher auf die Qualität der westlichen Medikamente gesetzt hatten. Dafür waren sie bereit, einen Aufpreis von bis zu 40 Prozent zu bezahlen. Dass solche Preisspannen einen guten Nährboden für Korruption bilden, musste der britische Pharmariese GlaxoSmithKline im vergangenen Herbst einräumen. Mitarbeiter des Konzerns hatten Ärzte bestochen, um die Umsätze zu steigern, und mussten dafür hinter Gitter. Das Unternehmen selbst musste eine Strafe von rund 500 Millionen US-Dollar zahlen.

Das neue Preissystem ist also auch ein Versuch der Regierung, um mit der Korruption bei Ärzten und in den Krankenhäusern aufzuräumen. Durch die Verschreibung von teuren Medikamenten verdienen chinesische Krankenhäuser bis zu 40 Prozent ihres Budgets. Bis zu 70 Prozent der verschreibungspflichtigen Medikamente werden von den Krankenhäusern direkt verkauft. Mit solchen monopolartigen Strukturen wird es demnächst ohnehin vorbei sein. Denn der Online-Riese Alibaba bereitet sich derzeit auf den Einstieg in den Handel mit verschreibungspflichtigen Medikamenten vor. Dann sinken die Preise erst recht.

DW-Kolumnist Frank Sieren lebt seit 20 Jahren in Peking.

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