Sierens China: Impfung des Misstrauens | Asien | DW | 06.04.2016
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Asien

Sierens China: Impfung des Misstrauens

Erst giftiges Milchpulver, jetzt unwirksame Impfungen: Der jüngste Skandal kostet die chinesische Regierung weit mehr Vertrauen in der Bevölkerung als jeder prominente Fall von Korruption, meint Frank Sieren.

Panama Papers oder Korruption im Gesundheitswesen? Für die Menschen in China ist klar, was sie mehr beschäftigt: Natürlich das, was sie stärker betrifft. Wer sich impfen lässt, will auch sicher sein, dass er anschließend immun gegen die entsprechende Krankheit ist.

Deshalb war vor zwei Wochen die Empörung groß, als bekannt wurde, dass eine Pharmazeutin und ihre Tochter aus der Provinz Shandong fast abgelaufene Impfstoffe in ganz China verkauft haben. Unter den Proben waren Spritzen gegen Tollwut und Grippeviren. Seitdem wurden über 130 Personen festgenommen, die in diesen Fall verwickelt sind. Wie bei den Panama Papers, bei denen es aus chinesischer Sicht vor allem darum geht, dass selbst die Familie von Staats- und Parteichef Xi Jinping Offshore-Konten hat, wurde auch was den Medikamenten-Betrug betrifft viel berechtigte Wut im Netz gelöscht. Und obwohl Chinas State Food and Drug Administration (CFDA) sehr viel tut, um den Skandal aufzuarbeiten und hinsichtlich der Offshore-Konten nichts passiert, ist die Aufregung über die Panama-Praktiken viel geringer.

Kriminelles Netzwerk im ganzen Land aktiv

Die CFDA, eine Behörde, die unter anderem Medikamente für den chinesischen Markt zertifiziert, hat bisher in landesweit 29 Unternehmen und 16 Kliniken etwa 20.000 Dosen der illegalen Impfstoffe aufgespürt. Die Zahl der bereits verabreichten geht wahrscheinlich in die Millionen, laut Staatsmedien liegt der Wert der problematischen Impfstoffe bei bis zu 90 Millionen US-Dollar. Dabei handelt es sich zum großen Teil um staatlich nicht getragene Impfungen wie gegen Tollwut oder Grippeviren.

Frank Sieren *PROVISORISCH*

DW-Kolumnist Frank Sieren

Wurden anfangs nur private Kliniken verdächtigt, hat man mittlerweile auch in staatlichen Krankenhäusern illegale Impfdosen gefunden. Fünf Jahre lang konnte sich das Netzwerk des illegalen Verkaufs dieser Stoffe unerkannt im ganzen Land ausbreiten. Zurecht bemängelt die Weltgesundheitsorganisation, dass die staatliche Überwachung und Kontrolle der Hersteller der Impfstoffe versagt hat. Gerade in den weiter entfernten, westlichen Provinzen Chinas konnten die Impfungen unkontrolliert auch in den staatlichen Krankenhäusern verteilt werden. Und die Menschen auf der Straße fragen sich zu Recht, wie Partei und Regierung denn das Land führen wollen, wenn sie nicht einmal dafür sorgen können, dass es keinen Missbrauch von Medikamenten gibt.

Jahrelang wurde für viel Geld völlig vergeblich geimpft. Da hilft auch die Beschwichtigung der Mediziner nicht, die abgelaufenen und falsch gelagerten Spritzen hätten außer ihrer Unwirksamkeit keine gefährlichen Nebenwirkungen. Auch der chinesischen Regierung nutzt diese eigentlich gute Nachricht nichts: Der Schaden für die Regierung unter Premier Li Keqiang und Präsident Xi Jinping kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Zwar hat Li Keqiang sofort scharfe Maßnahmen gegen die Verantwortlichen angekündigt, aber der Vertrauensverlust vor allem der chinesischen Eltern dürfte sich nicht so leicht ausgleichen lassen.

Sorge vor dem Unmut der Bürger

Das Vertrauen der Bevölkerung ist eine wichtige Währung für die chinesische Regierung, weil sie nicht frei gewählt wird. Sie muss den Unmut der Bürger viel früher erkennen - sonst macht er sich angesichts solcher Skandale Luft, denn die Menschen haben das Ventil der Wahlen nicht. Und wie wichtig dieses Ventil selbst in reifen Demokratien sein kann, ist derzeit ja in Deutschland zu beobachten.

In den vergangenen acht Jahren hat die Gesundheitsindustrie des Landes immer wieder das Vertrauen der Chinesen erschüttert. Und die Folgen waren stets stärker als die grassierende Korruption unter den Spitzenkadern. Es begann 2008 mit dem mit Melamin verseuchten Milchpulver, von dem 300.000 Kleinkinder krank wurden und sechs starben. 2012 gab es einen erneuten Medikamentenskandal: Dutzende Pharmafirmen hatten für Millionen Medizinkapseln Gelatine verwendet, die hohe Mengen an Chrom enthielt. Das ist nicht nur stark krebserregend, sondern schädigt auch Leber und Nieren.

Die Regierung hat sich jeweils bemüht, die Lage zu verbessern. Und es gab auch Erfolge: So gelang beispielsweise eine hohe Immunisierungsrate bei Masern: 99 Prozent der Bevölkerung im Vergleich zu 91 Prozent in den USA.

Schwächen des Systems werden sichtbar

Das bestehende Impfsystem unterteilt sich, ähnlich wie in Deutschland, in kostenlose staatlich finanzierte Impfungen, zu denen die Masernspritze zählt und die für jeden verpflichtend sind – und in freiwillige Impfungen, die man selbst bezahlen muss. Dieser zweite Bereich wurde privatisiert. Wenn es um die Gesundheit geht, kann die Regierung jedoch die Niederlagen nicht gegen die Erfolge aufwiegen. Jede Krise wird als fundamental empfunden. Und das Schlimme ist: Der jüngste Skandal ist nicht nur ein Einzelfall von besonders skrupellosen Menschen. Er zeigt die Schwächen des Systems deutlich: Örtliche Zentren für Krankheitskontrolle haben aus der Verteilung der Impfstoffe eine Einnahmequelle gemacht. Sie kontrollieren, welche Klinik welche Impfstoffe für welchen Preis bekommt und nutzen diese Macht aus. Dem Impfskandal und alle vorhergehenden Skandalen liegen landesweit mangelnde Kontrolle und Überwachung durch die Regierung zugrunde. Sie hat allem Anschein nach noch keine befriedigende Lösung gefunden.

Da sie den heimischen Impfstoffen nicht mehr vertrauen, geben viele Chinesen jetzt lieber um die 500 Yuan (umgerechnet 67 Euro) für einen importierten Stoff, statt einer kostenlosen, staatlichen Dosis aus. Oder sie fahren nach Hong Kong oder Macau. Und jedes Mal ärgern sie sich über ihre Regierung.

Unser Kolumnist Frank Sieren lebt seit über 20 Jahren in Peking.

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