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Fokus Südosteuropa

Sie waren Verfolgte des Kommunismus

Der 23. August gilt seit 2009 in der EU als "Gedenktag an die Opfer aller totalitären und autoritären Regime". Wie leben die einst Verfolgten heute? Zwei Fälle im Vergleich: Ein Albaner und ein Deutscher.

Sowjetstern - Kommunismus Hamer und Sichel (Foto: dpa)

Kommunismus: folgenschwere Zeiten

Manfred Wagner ist Rentner und lebt heute im thüringischen Rudolstadt. Der ehemalige Mathematiker hat ein Hobby: Die Aufarbeitung der DDR-Geschichte. "Ausgangspunkt ist meine eigene Betroffenheit", sagt Wagner. "Ich habe selbst als Student drei Jahre eingesessen und bin mit meiner Familie von der innerdeutschen Grenze ins Inland deportiert worden." Als Student war er mit der Widerstandsgruppe "Eisenberger Kreis" verbunden und wurde 1958 wegen "staatsgefährdender Hetze" verhaftet. Nachdem er durch eine Amnestie Ende 1961 freikam, wurde er mit der elterlichen Familie aus dem Grenzgebiet an der innerdeutschen Grenze zwangsausgesiedelt.

Grenzübergreifende Aufarbeitung

Fatbardh Doko vor einem Haus (Foto: Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur)

Fatbardh Doko als Kind interniert

Auch Fatbardh Doko ist ein Verfolgter des Kommunismus, aber er lebt in Albanien. Dort leitet er eine Baufirma, die er selbst gemeinsam mit seinem Bruder gegründet hat. Sein Großvater wurde Ende 1954 als Antikommunist erschossen. Seine Mutter landete gleich in einem Internierungslager. Als sie im Lager ankam, war sein Vater schon seit einigen Jahren dort. Sie lernten sich kennen und gründeten eine Familie. Fatbardh, das erste Kind, wurde 1959 im Internierungslager geboren. Er ging im nächsten Dorf zur Schule. Dann wurde die Familie in ein zweites Lager geschickt und schließlich in eines drittes. Fatbardh ging auf verschiedene Schulen, einige waren zwei, andere sieben Kilometer von den jeweiligen Lagern entfernt. Als er 14 Jahre alt war, musste er gemeinsam mit den Erwachsenen auf dem Feld arbeiten. Als "Feind der Arbeiterklasse" durfte er ab diesem Alter nicht mehr zu Schule gehen.

Manfred Wagner hingegen durfte in der DDR sein Studium 1962 beenden. Danach arbeitete er in der Softwareentwicklung im Kombinat "Carl Zeiss Jena". Die beiden, Manfred Wagner und Fatbardh Doko, trafen sich im Mai 2010, als Manfred mit der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur Albanien besuchte. "Ich bin natürlich interessiert an der Aufarbeitung des politischen Geschehens in Deutschland, aber auch an dem Vergleich, wie es an anderen Orten zuging", sagt der 76-Jährige.

Akteneinsicht - nicht in Albanien

Meterhoch stapeln sich in den Regalen Ordner mit tausenden Stasi-Akten (Foto: AP)

Berlin gab früh Akteneinsicht

Die strafrechtliche Rehabilitierung der ehemals politisch Verfolgten erfolgte in Deutschland gleich Anfang der 1990er-Jahre. In Albanien liefen damals zunächst die finanziellen Entschädigungen an. "Viele der ehemals Verfolgten konnten die Entschädigung gar nicht in Anspruch nehmen, weil die albanischen Behörden sehr viele Dokumente verlangten. Die alten und kranken Menschen hatten aber keine Kraft, die Dokumente zusammenzustellen", sagt Doko.

In Deutschland nahmen im Januar 1992 die ersten Bürger Einsicht in ihre Akten. Im selben Jahr wurde in Albanien der Aktenbestand zwischen dem Innenministerium und dem Geheimdienst aufgeteilt, ohne dass Expertenmeinungen gehört worden wären. Viele Akten wurden 1990 und 1991 von den ehemaligen Funktionären vernichtet. An dem Gesetz, das jedem Bürger Zugang zu seinen Akten ermöglichen soll, wird in Albanien noch immer gearbeitet.

Eins haben Albanien und Deutschland gemeinsam: Die politisch Verfolgten finden schwer Zugang zur Öffentlichkeit. Viele sind auch nicht organisiert. So gibt es viel mehr Menschen, denen eine strafrechtliche Rehabilitierung zuteil wurde, als Mitglieder in Opferverbänden. Dennoch erkennt Wagner an, dass die deutsche Gesellschaft sich des Themas angenommen hat. "Es gibt viele Filme, es gibt Bücher", meint der Hobby-Historiker.

Zwischen Nostalgie und Vergessen

Manfred Wagner (Foto: Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur)

Manfred Wagners Einsatz gegen das Vergessen

In Albanien wird das Thema immer wieder in Fernsehsendungen aufgegriffen, in denen Journalisten, Betroffene und Historiker das Thema diskutieren. Doko bemängelt aber, dass dies Jugendliche kaum noch erreiche. "Für die jungen Menschen kann man dieses Thema eher mit Romanen, Theater und Filmen interessanter machen", so der ehemalige Internierte.

Das sehe er auch an seinen Söhnen. Sie sind 18 und 14 Jahre alt, kennen die Familiengeschichte des Vaters und wissen über seine Leiden. "Ich versuche trotzdem mit Vorsicht zu erzählen. Ich will nicht, dass sie sich langweilen", meint der Vater. Trotzdem leugnen noch heute viele die Brutalität des ehemaligen Regimes. Eines Tages kam der Sohn von Fatbardh Doko nach Hause und erzählte, dass er mit seiner Lehrerin Streit hatte. Sie hätte versucht, die Kinder zu überzeugen, dass es "damals besser war als heute". Auch Manfred Wagner hat ähnliche Erfahrungen gemacht. So seien viele, die das Regime noch erlebt haben, heute "in Nostalgie versunken." In Anbetracht der heutigen Probleme in einer freien Gesellschaftsordnung verblasse "die schreckliche Vergangenheit."

Daher ist es für Fatbardh Doko sehr wichtig, dass die kommunistischen Verbrechen ans Licht kommen. Erst vor kurzem wurde in Albanien eine Kommission gegründet, deren Aufgabe die Aufarbeitung der kommunistischen Verbrechen ist. Doko denkt, dass der Staat mehr dafür tun muss, weil die politisch Verfolgten gar nicht die Kraft und die Möglichkeiten haben, das Verbrechen zu beweisen und zu beurteilen.

Manfred Wagner meint, dass Deutschland und Albanien sich in einem ähneln: "Der überwiegende Teil der Bevölkerung weiß nichts über die Verfolgung. Und die jüngere Generation gleich gar nicht." Insbesondere die nach 1990 Geborenen wüssten zu wenig von der Vergangenheit. Es gebe auch in beiden Ländern Kräfte, die gar nicht daran interessiert seien, dass die Verbrechen des Kommunismus ans Tageslicht kommen. Deswegen schreibt Manfred Wagner Beiträge für das Heft "Gerbergasse 18" der Geschichtswerkstatt Jena. Darin schildert er auch seine Eindrücke aus Albanien. Aber je mehr er schreibt, desto mehr Fragen stellen sich ihm - auch über Albanien und seine kommunistische Vergangenheit.

Autor: Aida Cama

Redaktion: Mirjana Dikic/ Fabian Schmidt

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