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Fokus Südosteuropa

Adieu albanische Bunker - Bonjour Europa

"Deutschland, Sieg, Freiheit!" - dies war der Ruf von 3200 Albanern in der Hauptstadt Tirana vor 20 Jahren. Zehn Tage lang hatten sie in der deutschen Botschaft auf ihre Ausreise gewartet. Am Ende war der Jubel groß.

Deutsche Botschaft in Albanien (Foto: DW)

Zufluchtsort von damals: die deutsche Botschaft in Tirana

Der Jubel galt nicht nur der eigenen Flucht aus dem verhassten kommunistischen Staat Albanien, sondern auch der bevorstehenden Wiedervereinigung Deutschlands. Die Deutschen waren zudem gerade Fußball-Weltmeister geworden. Während Deutschland sein sportliches Sommermärchen feierte, spielte sich in Albanien 1990 das Sommermärchen der Demokratie ab.

LKW für die Freiheit

Am 02. Juli 1990 hatte eine Gruppe von zehn Jugendlichen mit einem LKW die Mauer der deutschen Botschaft in Tirana durchbrochen. Der Zugang war nun auch für viele andere Menschen offen.

Am 03. Juli schrieb der albanische Publizist Luan Rama in sein Tagebuch: "Heute sind die Türen der Botschaften geöffnet. Die Polizisten sagen den Menschen: 'Ihr braucht nicht über die Mauer klettern, ihr könnt durch die Tür kommen.' Der Massendrang war groß." Luan Rama arbeitete damals in der Presseabteilung des albanischen Außenministeriums.

5000 Menschen strömen in Botschaften

Dr. Werner Daum, erster BRD-Botschafter in Tirana von 1987-1990 (Foto: Werner Daum)

Dr. Werner Daum, erster BRD-Botschafter in Tirana von 1987-1990

Etwa fünftausend Menschen suchten innerhalb weniger Tage Zuflucht in vier europäischen Botschaften, vor allem in der deutschen Vertretung. Für Werner Daum, den ersten westdeutschen Botschafter in Albanien, sei das Öffnen der Tore seiner Botschaft nur in zweiter Linie eine humanitäre Aktion. "In erster Linie war ich überzeugt, dass eine solche unvorstellbare Katastrophe im Zentrum der Hauptstadt zum Sturz der Regierung führen müsste", sagte Daum im Gespräch mit der Deutsche Welle.

Aber das kommunistische Regime gab sich noch nicht geschlagen. Die Botschaften, die Flüchtlinge beherbergten, standen unter massivem Druck. "Es war grauenerregend. Nach einigen Tagen wurde uns das Wasser abgestellt. Das haben wir dann mit Eimern aus den gegenüberliegenden Wohnungen in die Botschaft getragen, damit alle wenigstens trinken konnten. Dann wurde noch die Nahrungsmittelversorgung eingestellt. Da war schon Revolution in den Straßen und Teile der Bevölkerung haben dafür gesorgt, dass wir wenigstens Brot bekamen", erinnert sich Daum.

Internationaler Druck und Zögern des Regimes

Der albanische Publizist Luan Rama (Foto: Luan Rama)

Der albanische Publizist Luan Rama

Das Drama der Botschaftsflüchtlinge wurde zu einem internationalen Problem. Händeringend wurde in Bonn, Rom, Paris, und New York nach einer schnellen Lösung gesucht, während das Regime in Tirana noch einige Tage zögerte. Am 10. Juli konnte Botschafter Daum den Botschaftsflüchtlingen die baldige Ausreise verkünden. In der Nacht zum 12. Juli wurden sie mit dutzenden Linienbussen und unter strengen Sicherheitsmaßnahmen zur Hafenstadt Durrës gebracht. Dort warteten drei Fähren, die Richtung Süditalien in See stachen.

Die Flucht der Albaner in die westlichen Botschaften sei Ausdruck des geballten Protests der Menschen gegen das System gewesen, meint Luan Rama. "Es waren Menschen, die unter der Gewalt der Diktatur gelitten hatten. Dieses Ereignis fand ein sehr großes Echo und wurde zum Initialzünder der Bewegungen für Freiheit und Demokratie in Albanien", so Rama.

Genug mit Lügen

Bunker auf der Hauptstraße der albanischen Stadt Kavaja (Foto: Mimoza Dhima)

Relikt: Bunker auf der Hauptstraße in Kavaja

Die Jugend wollte nicht mehr Parolen wie "Es lebe unser Führer Enver Hoxha" hören, sondern forderte persönliche Freiheiten und Wohlstand ein. Das völlig von der Außenwelt abgeschottete Drei-Millionen-Einwohner-Land war 45 Jahre lang eine der rigidesten und brutalsten Diktaturen Osteuropas gewesen. Tausende Menschen wurden aus politischen Gründen hingerichtet, gefangen genommen und in entfernte Provinzdörfer verbannt. Noch heute, 20 Jahre danach, schmerzen die Wunden der Diktatur. Symbolisch für den Wahnwitz dieser Zeit stehen im ganzen Land verteilt eine Million Bunker.

"Es war eine ganz furchtbare Diktatur. Es war sicherlich in den 1950er-Jahren bereits und auf jeden Fall in den 1960er, 1970er Jahren die schlimmste Diktatur in Europa. Vor allem die Unterdrückung der Religion, des Katholizismus, der griechischen Orthodoxen und der Muslime ist eine ewige Wunde in der Geschichte Albaniens", erklärt Daum.

Demokratiebewegungen und Mauerfall

Jubel von jungen Albaner in Tirana 1990 (Foto: dpa/picture-alliance)

Adieu Bunker - die Albaner feiern ihre Freiheit

Informationen über die Demokratiebewegungen in anderen Ostblockstaaten drangen nur mit großen Schwierigkeiten nach Albanien. Die Menschen interessierten sich aber sehr dafür. Sie verfolgten mit Neugier über Kurzwellenradio und mit geheimen Antennen die Sender aus dem Ausland. Insbesondere der Mauerfall in Berlin löste einen unglaublichen Freiheitsdrang in den Herzen der Albaner aus. "Die Ereignisse nach dem Mauerfall in Berlin haben sich sehr stark auf unser Bewusstsein ausgewirkt, dadurch wurden wir liberaler, damit haben wir den Wunsch anderer Völker nach Freiheit zu schätzen gelernt. Dadurch wurden uns die Augen geöffnet, die Dinge anders zu sehen, nämlich das Regime so zu sehen, wie es in Wirklichkeit war", betont Rama.

Vor 20 Jahren wurde den albanischen Bürgern zum ersten Mal die Ausreise ermöglicht. Europa hieß die fünftausend Botschaftsflüchtlinge willkommen. Albanien machte sich auf den holprigen, aber unumkehrbaren Weg Richtung Westen.

Autor: Vilma Filaj-Ballvora/ Bahri Cani
Redaktion: Nicole Scherschun

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