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Fokus Südosteuropa

Albaniens schwieriger Umgang mit der Geschichte

Eine Forscher-Gruppe der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur wollte in Albanien eine Frage beantworten: Wie erinnert sich Albanien an den Kommunismus? Ehemals politisch Verfolgte und Experten antworteten.

Mitglieder der Stiftung zur Aufarbeitung der SED Diktatur auf Studienfahrt in Tirana (Foto: DW)

Spurensuche in Tirana

"Uns fehlt heute die Erinnerung", erzählt Fatos Lubonja, der 17 Jahre in kommunistischen Gefängnissen verbrachte. Dieses Schicksal teilt er mit mehr als 15.000 Albanern, die während der kommunistischen Diktatur Jahre hinter Gittern verbrachten.

Wie sah aber so ein Gefängnis im kommunistischen Albanien aus? Wie war das Leben in einem Gefängnis in einem Land, das 40 Jahre lang selbst wie ein Gefängnis isoliert war? Das wissen nur die Verfolgten und die Verfolger der damaligen Zeit. Einige von ihnen leben heute noch und möchten gern oder ungern, dass man sie daran erinnert.

Gedenkstätten vermisst

Die Spuren der kommunistischen Gewalt sind im heutigen Albanien verschwunden. Keine Zeichen deuten auf die frühere Nutzung der Gefängnisse hin. Es existieren keine Spuren der Verbannungslager. Wo und wie kann man die Geschichte der kommunistischen Gewalt erzählen?

Um diese Frage hat sich in Albanien niemand gekümmert. Die Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit wurde auf die materielle Entschädigung der Opfer reduziert. "Im ganzen Land gibt es nicht einen Ort, der die Verbrechen darstellt, der die Täter beim Namen nennt, der die Verbrechen auch für eine Generation, die jetzt jung ist und das nicht erlebt hat, nachvollziehbar macht", sagt Anna Kaminsky von der Bundesstiftung Aufarbeitung.

Dies erstaunt sie besonders, weil "es über das ganze Land verteilt Internierungslager, Straflager, Zwangsarbeitslager, Gefängnisse und andere Repressionseinrichtungen gegeben hat." Der Mangel an Museen und Gedenkstätten sei "gerade für so eine Diktatur wie die albanische sehr erstaunlich", meint sie.

Wissenschafler aus Deutschland an einem Bunker in Albanien (Foto: DW)

Jüngste Geschichte wird in Albanien "gebunkert"

Geschichtsbücher nach Gusto

Das Nationalmuseum in Albanien widmete Mitte der 90er Jahre einen Pavillon der kommunistischen Verfolgung. Dieser musste aber restauriert werden, so wie das ganze Nationalmuseum. Zurzeit gibt es in einem Raum des Nationalmuseums eine Ausstellung über die politisch verfolgten Schriftsteller, die aber wenig hilfreich ist, um zu verstehen, wie man die Schriftsteller verfolgt hat und warum.

Das Problem, wie kommunistische Gewalt dargestellt werden soll, haben nicht nur die Museen. Auch die Historiker haben Schwierigkeiten, sich mit dem kommunistischen Albanien zu beschäftigen. Zweimal haben Historiker die Geschichte Albaniens für die Schulbücher neu geschrieben, 1994 und 1997, mal politisch links orientiert, mal rechts - entsprechend der jeweiligen Regierung.

2005 hat die albanische Regierung den Schulen alternative Geschichtsbücher erlaubt, um den politischen Einfluss der bisher verwendeten Bücher zu beschränken. Das Problem, wie die Geschichte Albaniens dargestellt werden soll, wurde aber trotzdem nicht gelöst.

Opfer nicht berücksichtigt

2009 hat die Akademie der Wissenschaften in Albanien eine neue Geschichte Albaniens veröffentlicht. Im Band über die Jahre 1939 - 1990 finden sich verblüffende Parallelen zur Geschichtsschreibung des kommunistischen Regimes. Für die politisch Verfolgten gibt es wieder keinen Platz in der neugeschriebenen Geschichte Albaniens.

Wie unter dem Kommunismus bleiben sie unsichtbar, und dies trotz grausamer Fakten: Anfang dieses Jahres hat man nicht weit von Tirana zufällig ein Massengrab entdeckt. Die Reste von 14 Menschen, die während der Diktatur umgebracht wurden, lagen dort.

5540 Menschen sind im kommunistischen Albanien exekutiert worden, unzählige sind verschwunden, und manche Hinterbliebene wissen auch 30 Jahre danach nicht, was mit den sterblichen Überresten ihrer Angehörigen geschehen ist.

Anna Kaminsky (hinten li.) und Fatos Lubonja (vorne re.) (Foto: DW)

Anna Kaminsky und Fatos Lubonja beklagen, dass Opfer nicht zu Wort kommen

Keine öffentliche Diskussion

Die Täter leben zum Teil noch und mussten sich nicht vor Gericht verantworten. Simon Mirakaj vom neu gegründeten Institut für die Integration ehemaliger politisch Verfolgter räumt eine Teilschuld der Opfer und der Öffentlichkeit ein: "Leider machen wir gar nichts. Es sind 20 Jahre vergangen, aber wir haben noch alle die kommunistische Denkweise beibehalten. Menschen, die Verbrechen begangen haben, haben sich niemals entschuldigt. Bei uns wird ein solcher Diskurs gar nicht geführt."

Warum das so ist, versucht Fatos Lubonja, der auch Historiker ist, zu erklären. Für ihn hat das mit der Kontinuität der Elite zu tun. In dieser Hinsicht ähnele Albanien Russland, wo Antikommunismus als neue Ideologie verstanden wurde, um an die Macht zu kommen.

Außerdem habe die Transformation Albaniens zu schweren gesellschaftlichen Konflikten geführt. Die neue albanische Gesellschaft ist Lubonja zufolge im Augenblick mit Konsum und dem Erschaffen materieller Werte beschäftigt. Da gebe es keine Zeit, sich mit ethischen Werten zu befassen. Deswegen blieben die Geschichte und die Vergangenheitsbewältigung auf der Strecke, meint Lubonja.

Autorinnen: Aida Cama / Mirjana Dikic

Redaktion: Fabian Schmidt

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