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Politik

Sicherheitsfirmen boomen im Irak

Der Irak brennt weiter. Mit unschöner Regelmäßigkeit gibt es Anschläge auf Öltanks und Pipelines. Von der instabilen Lage im Land profitieren private Sicherheitsfirmen. Bei ihnen herrscht Goldgräberstimmung.

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Zerstörte Pipeline in der Nähe von Samarra nördlich von Bagdad

Am Tag, als Saddam Hussein aus dem Erdloch gezerrt wurde, gab es für die Besatzungsmacht USA nicht nur gute Nachrichten aus dem Irak. Im Norden des Landes war wieder einmal eine Ölpipline beschossen worden. Tonnen des flüssigen Goldes verwandelten sich in ein Flammeninferno. Am Sonntag (21.12) schlugen Saboteure erneut zu. Im Süden Bagdads setzten sie Öl-Tanks in Brand. Es wurde niemand verletzt, doch die Attacken auf Ölanlagen bremsen den Wiederaufbau des Landes und kosten viel Geld.

Seit dem Sturz des Diktators gab es über 80 Anschläge auf Ölpipelines und Raffinerien. Die 155.000 Soldaten der Besatzungstruppe, darunter rund 130.000 US-Amerikaner, stehen den Sabotageakten meist hilflos gegenüber. Ihre Macht reicht längst nicht aus, um überall präsent zu sein, wo es brenzlig werden könnte. Die Sicherheitslücken versucht die US-Regierung und die Übergangsverwaltung (CPA) unter Paul Bremer durch das Anheuern privater Sicherheitsfirmen zu füllen.

Die südafrikanische Sicherheitsfirma Erinys bekam den Auftrag, Öl-Pipelines zu schützen. Das Unternehmen mit Hauptsitz in Midland bei Johannesburg war bislang selbst Sicherheitsexperten kein Begriff. Der Firmenname "Erinys" ist der griechischen Mythologie entlehnt. Die Erinyen waren Rachegöttinnen, die erbarmunglos Blutschuld und Mord bestraften.

Private Schutztruppe für Pipelines

40 Millionen Dollar wurden Erinys von der CPA für die Ausbildung von 6.500 Irakern versprochen, die Ölpipelines, Bohrlöcher und Raffinerien, sowie Wasser- und Elektroanlagen schützen sollen. Im Vorstand von Erinys sitzen ehemalige Spezialagenten der britischen Armee, die bereits für andere Sicherheitsfirmen Erdölanlagen in Kolumbien und Nigeria beschützten. Nach Angaben von Branchenkennern hat Erinys, auf dessen Internetseite auch die Commerzbank, Siemens oder Hoechst als Kunden genannt werden, den Auftrag nicht nur wegen seiner Erfahrung im Security-Bereich bekommen. Ausschlaggebend war wohl auch der günstige Preis, zu dem sich das Unternehmen anbot.

Nach den wiederholten Anschlägen sagte Abdel Kazzaz, der Chef der North-Oil-Company (zuständig für die Ölfelder von Kirkuk), der Nachrichtenagentur Reuters, Erinys habe nicht genug unternommen, um die Pipelines zu schützen. Die Firma wollte ihre Mission im Irak gegenüber DW-WORLD nicht kommentieren.

"Kommerzialisierung der Außenpolitik"

Erinys ist keine Einzelfall. Dutzende Sicherheitsfirmen tummeln sich im Irak. Die Financial Times sieht die öffentlichkeitsscheue Branche gar in Goldrauschstimmung. Auf zwischen 10.000 bis 20.000 schätzen Experten die Zahl der Mitarbeiter von Sicherheitsfirmen im Irak. Offizielle Zahlen gibt es nicht. Die Firmen sind nicht nur als Bewacher tätig. Sie versorgen die Truppen mit Lebensmitteln, warten die hochkomplexen Waffensysteme und bieten Militärtraining an.

Deborah Avant von der George-Washington-Universität schätzt, dass ein Drittel des Geldes, das Monat für Monat für den Irak-Einsatz ausgegeben wird, für die private Militärindustrie aufgewendet wird. Dabei profitieren die Unternehmen von einem grundlegenden Wandel in westlichen Streitkräften.

Seit 1990 wurden die Zahl der US-amerikanischen Streitkräfte von 2,1 auf 1,4 Millionen reduziert. Rund 200.000 weitere Jobs will der amerikanische Verteidigungsminister Donald Rumsfeld künftig abbauen, die Privatisierung und das Outsourcing dagegen forcieren. Nach Untersuchungen der Brookings-Institution, einem Washingtoner Think-Tank, hat das US-Verteidigungsministerium in den vergangenen zehn Jahren mehr als 3.000 Aufträge im Wert von mehr als 300 Milliarden US-Dollar an private Sicherheitsfirmen vergeben. Dieser Trend ist auch in Großbritannien zu beobachten. Deborah Avant spricht von einer "Kommerzialisierung der Außenpolitik".

Weltweiter Markt

Private Firmen wurden schon in anderen Konflikten wie Somalia, Liberia, Angola, auf dem Balkan oder in Ost-Timor eingesetzt. Einige sollen dabei in vorderster Front mit gekämpft haben. Der Vorteil für Regierungen liegt auf der Hand: Über die Aktivitäten privater Sicherheitsfirmen muss sie dem Parlament keine Rechenschaft abgeben. In den Medien tauchen die Nachrichten über getötete Mitarbeiter so gut wie nie auf, da diese nicht in den offiziellen Opferstatistiken der US-Militärs geführt werden. Auch im Irak starben Mitarbeiter, ihre genaue Zahl kennt niemand.

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