1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Kultur

Schwule in Deutschland: die Schwelle der Toleranz bleibt niedrig

Schwule sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Dennoch haben sie eigene Sportvereine, eine eigene Internetsuchmaschine und bald auch einen eigenen Fernsehsender - warum schaffen sie sich immer noch Rückzugsräume?

Schwule und Lesben feiern beim Christopher Street Day am Sonntag, 16. Juli 2006, in Koeln. Bei dem Zug durch die Innenstadt rechneten die Veranstalter mit 20.000 Teilnehmern und 600.000 Zuschauern. Der Christopher-Street-Day geht auf Proteste von Homosexuellen gegen Polizeirazzien Ende der 60er Jahre in den USA zurueck. (AP Photo/Martin Meissner) --Gays and Lesbians celebrate at the Christopher Street Day Parade in Cologne, Germany, Sunday, July 16, 2006. (AP Photo/Martin Meissner)

Kämpfen für schwule Integration: Christopher Street Day in Köln

Claus wirbelt die orange-farbenen Pompoms durch die Luft: hoch, runter, zur Seite. Zackig wirft er seine Hüfte zum Beat von Michael Jacksons "Thriller" hin und her. Neben ihm ist Rainer gerade wieder etwas aus dem Takt gekommen. Mit einem leicht resignierten Gesichtsausdruck lässt er seine Puschel sinken. "Macht nichts", muntert ihn Vivian auf, "noch mal!" Vivian trainiert die "Berliner Jungs", die Cheerleading-Gruppe des "Vorspiel SSL", des Sportvereins für Schwule und Lesben in Berlin. Jeden Montag treffen sich Claus, Rainer und die anderen "Jungs" im Jugendzentrum "PallasT" in Berlin-Kreuzberg zum Training.

In ihren T-Shirts und Turnhosen würden die "Berliner Jungs", die alle zwischen 25 und 45 Jahre alt sind, genauso gut auf einen Fußballplatz oder in ein Fitnessstudio passen. Dass sie trotzdem hier sind, will schon etwas heißen. Denn Cheerleading ist im Allgemeinen nicht gerade der Sport, den Männer mittleren Alters betreiben. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum sich gerade zwei Teenagerinnen ihre Nasen an der gläsernen Tür zum Proberaum platt drücken und unverhohlen grinsen. Eine Reaktion, an die sich Claus und die anderen Cheerleader längst gewöhnt haben - vor allem, wenn sie mit ihrer Tanzshow außerhalb der Schwulenszene auftreten. "Gerade die Männer reagieren oft etwas irritiert, wenn wir auf die Bühne kommen", sagt Claus, "wenn Cheerleader angekündigt werden, erwarten die Leute eben doch eher eine Truppe junger, hübscher Mädchen."

"Gesellschaftliche Integration noch nicht verwirklicht"

Cheerleadergruppe Berlinier Jungs Gruppenbild

"Berliner Jungs" leisten Beitrag zur Integration - und haben vor allem Spaß

Schwulen-Cheerleading als gesellschaftliche Provokation? Für Claus ist das eher ein Nebeneffekt. Seit fünf Jahren tanzt er bei den "Berliner Jungs" mit. Davor hatte der 41-Jährige jahrelang Karate gemacht, auch in einem Schwulensportverein. Dort fühlte er sich wohler, als unter Heteros. "Man erlebt sich die ganze Jugend als Außenseiter", erinnert er sich. "Hier ist das anders, alle sind so gepolt wie man selbst, das gibt Sicherheit." Vieles, was für Schwule im Alltag trotz aller Integration auch heute immer noch schwierig ist, ist hier einfach und selbstverständlich. "Hier kann man sich verlieben, ohne enttäuscht zu werden", sagt Claus, "ohne die Angst, dass der andere vielleicht hetero sein könnte."

Aber die Partnersuche ist nur ein Beispiel. Insgesamt geht es um Gemeinschaft, um soziale Rückzugsräume. "Viele Schwule und Lesben wollen unter sich sein", erklärt Alexander Zinn, Pressesprecher des Lesben- und Schwulenverbandes Deutschland (LSVD). Zwar ist Homosexualität längst kein gesellschaftliches Tabuthema mehr, aber dennoch: "Viele Schwule stoßen im Alltag noch immer auf Ablehnung", bemängelt Zinn. "In Deutschland sind wir weiter als in vielen anderen Ländern", meint er, aber "insgesamt hat unsere Gesellschaft die Integration noch nicht verwirklicht." Noch immer verspürten viele Schwule eine ständige Erklärungsnot, weil sie einer Minderheit angehören. Deshalb zögen sie sich in ein homosexuelles Umfeld zurück. "Man erlebt dort einfach ein Gefühl der Aufgehobenheit", erklärt Zinn.

Ein homosexuelles Umfeld schafft auch der neue Fernsehsender TIMM, der am 1. November an den Start geht. Seine Zielgruppe seien vor allem schwule Männer, sagt TIMM-Geschäftsführer und Programmdirektor Frank Lukas. Sitcoms werden im Programm sein, deren Protagonisten homosexuell sind und die die Klischees und Probleme Homosexueller auf die Schippe nehmen. Aber auch eine Reisesendung sei geplant, die speziell auf die Bedürfnisse schwuler Männer eingehe und ein Magazin über Männermode. Lukas legt Wert darauf, dass es bei TIMM kein "schlüpfriges" Programm geben wird. "Pornos oder ähnliches werden Sie bei uns nicht finden", betont er.

"Wir dürfen nicht aufhören zu kämpfen"

Es ist Lukas bewusst, dass TIMM ein Nischenprogramm für eine Minderheit sein wird. "Zur Prime-Time um 20.15 Uhr rechnen wir anfangs mit 30.000 Zuschauern", sagt er. In fünf Jahren sollen es dann 100.000 sein. Dass TIMM zur Bildung einer homosexuellen Parallelgesellschaft beitragen könnte, glaubt Lukas nicht, im Gegenteil. TIMM sei nicht Ausdruck einer Ghettoisierung von Homosexuellen. Lukas unterstreicht, dass der Sender kein "schwules Programm" mache. "Wir bieten ein attraktives Programm, mit einer hohen Relevanz und Attraktivität für schwule Männer", sagt Lukas, aber er denkt, dass auch Heteros einschalten werden. Das sieht er auch ein Stück weit als einen Programmauftrag von TIMM an. "Wir wollen andere Lebenswirklichkeiten abbilden und so ein Stückchen zur Selbstverständlichkeit von Homosexualität und zur Integration beitragen", erklärt Lukas. Gleichzeitig will TIMM auch gerade junge Homosexuelle unterstützen, ihnen Rückhalt geben und ihnen zeigen, dass sie nicht alleine sind.

Insofern tut TIMM nichts anderes, als die Cheerleader von den "Berliner Jungs". Sie zeigen der Mainstream-Gesellschaft, dass es auch alternative Lebensentwürfe gibt. Für Cheerleader Claus ist das wichtig. Es sei gut, dass die Homosexuellen in der Mitte der Gesellschaft angekommen seien, sagt er, aber man dürfe sich nicht auf den Erfolgen ausruhen. Sonst verschwänden sie bald wieder, denn die Kruste der Toleranz sei dünn. "Wir müssen unsere Position ständig verteidigen und auch in Zukunft weiter für unsere Rechte kämpfen."

Die Redaktion empfiehlt